Als "überqualifiziert" abgelehnt: Wenn Bewerber angeblich zu gut für eine Stelle sind

 

Es kann enorm frustrieren, bei Bewerbungen immer wieder als "überqualifiziert" abgelehnt zu werden. Angeblich "zu gut" für eine ausgeschriebene Stelle, ist ein vergiftetes Lob. Mediencoach Attila Albert über Auswege für einen persönlichen Neuanfang im neuen Jahr.

Zu Beginn eines neuen Jahres ist es üblich, sich etwas für die kommenden zwölf Monate vorzunehmen. Für 2022 werden die Ambitionen meist bescheiden sein, "normal wie früher" wäre schon etwas. Gleichwohl möchte ich Sie dazu ermutigen, sich zumindest ein allgemeines Thema für dieses Jahr zu geben, das Sie motiviert und eine gewisse Richtung vorgibt. Mehr Freude, Ruhe oder Anregung beispielsweise. Falls Sie sich beruflich verändern wollen: Mit neuer Kraft angehen, was im vergangenen Jahr noch nicht geklappt hat. Eine interessantere Arbeit, mehr Gehalt, ein angenehmeres Betriebsklima.

In der ersten Kolumne des Jahres möchte ich eine besonders häufige Herausforderung dabei ansprechen: Ständige Ablehnungen, weil man "überqualifiziert" sei. Schon der beschönigende Begriff ist symptomatisch: Man ist also zu gut und soll es vielleicht noch als Lob verstehen, dass man die Stelle nicht bekommt? Leider ist eine derartig manipulative Kommunikation zeittypisch. In meinem neuen Ratgeber "Ich will doch nur meinen Job machen", der am 25. Januar 2022 erscheint, gehe ich häufige Beispiele im beruflichen Umfeld durch (z. B. von "Vielfalt" reden, gleichzeitig alle Bewerber über 50 oder ohne Studium aussortieren, "Flexibilität" einfordern, aber selbst völlig starr agieren).

Begründung oft als zynisch empfunden

Häufig wird die Absage nebulös damit begründet, dass "andere Bewerber dem Profil noch etwas besser entsprachen". Oder dass man in der Stelle nicht sein "Potenzial ausschöpfen" könne. Abgelehnte Bewerber empfinden derartige Äußerungen oft als bevormundend und zynisch. Ihnen geht es in dieser Situation doch vor allem darum, wieder beschäftigt zu sein und etwas zu verdienen. Eine ehrlichere Begründung wäre: Das Unternehmen befürchtet, dass der Bewerber zu hohe finanzielle Erwartungen hat und sich nur mangels Alternativen bewirbt und schnell weiterziehen wird, wenn er etwas Besseres findet. Das ist nicht ganz unbegründet. Viele Arbeitgeber haben derartige Erfahrungen hinter sich.

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Bei bisher leitenden Angestellten kommt die Sorge hinzu, dass sie sich trotz gegenteiliger Beteuerung nicht mehr unterordnen könnten. Sie sind hohe Einkommen, eine exponierte Stellung und weitreichende Befugnisse gewohnt. Das gibt kaum jemand freiwillig wieder auf. Zwar wird gern behauptet, dass man doch problemlos wieder "einen Schritt zurück machen" könne. Schaut man sich aber an, was aus verabschiedeten Vorständen, Geschäftsführern, Chefredakteuren oder Ressortleitern wurde, sieht man, dass es bis auf wenige Ausnahmen (z. B. Schritt zum "Editor-at-Large" oder Autor) kaum dazu kommt.

(Falls Sie frei arbeiten oder es erwägen: Mit dem "Freien-Podcast" der freien Journalistinnen Geraldine Friedrich und Francoise Hauser habe ich gerade über das Problem der Ideen- oder Schreibblockade gesprochen. Die Episode ist hier anzuhören sowie z. B. auf Spotify.)

Arbeitgeber wollen das Gegenteil

Eigentlich sind die Medienhäuser ehrlicherweise eher bestrebt, ältere, sehr erfahrene (und teure) Mitarbeiter loszuwerden. Typische Situation: Das Unternehmen hat eine 30-jährige Ressortleiterin installiert, um sich zu "verjüngen und "weiblicher zu werden". Nun sind große Teile des Teams - in den 40ern und 50ern - plötzlich der Leitung in Bezug auf Berufs- und Lebenserfahrung weit überlegen, verdienen zudem durch Altverträge und mehr tariflich relevante Berufsjahre oft auch mehr. Naheliegender Gedanke deshalb: "Wieso bin ich eigentlich nicht der Chef?" Das führt vom stillem Murren bis zu offener Konkurrenz.

Der viel beschworene "partnerschaftliche" oder "moderierende" Führungsstil stößt in dieser Konstellation schnell an seine Grenzen. Häufiger ist nach einem solchen Wechsel an der Spitze eine Abwärtsspirale in Bezug auf Alter und Berufserfahrung im Team. Was dem Management durchaus recht ist, denn damit sinken auch die Lohnkosten. All das macht es für Bewerber ab Mitte 40, immerhin noch mehr als 20 Jahre vor der Regelaltersgrenze, schwierig. Sie sehen all diese Stellenanzeigen, deren fachliche Kriterien sie spielend erfüllen würden, und werden mit unehrlichen Begründungen immer wieder abgelehnt.

Selbstbewusstsein erschüttert

"Überqualifizierte" Bewerber stehen also vor einem Dilemma. Man glaubt ihrer Zusage nicht, dass der Schritt zurück für sie hinnehmbar wäre, und gibt ihnen zusätzlich den Eindruck, dass man ihnen selbst eine einfache Tätigkeit nicht mehr zutraut. Nach einer Serie von Absagen kann das selbst das stärkste Selbstbewusstsein erschüttern, so dass Bewerbungen immer zögerlicher und unsicherer angegangen werden. Was tun?

  • Prüfen Sie sicherheitshalber noch einmal, am besten mit fachkundiger Beratung: Bewerben Sie sich wirklich auf die richtigen Stellen? Ständige Absagen können durchaus darauf hindeuten, dass Sie sich zwar viel, aber zu breit oder wirklich auf die falschen Positionen bewerben. Weniger, aber gezielter erspart dann viel Frust.

  • Setzen Sie sich gedanklich ein wenig mit der eben beschriebenen Interessenlage der Arbeitgeber auseinander, auch wenn Sie sich darüber ärgern. Das hilft Ihnen, die Absagen nicht zu persönlich zu nehmen und immer stärker an sich zu zweifeln. Bessere Perspektive: Hier passen zwei Interessen nicht wirklich zusammen.

  • Sprechen Sie in Ihren Anschreiben das offenkundige Problem an, dass Sie sich für eine eigentlich zu niedrige Position bewerben. Finden Sie Argumente dafür, die die Befürchtung entkräften, dass Sie sich nur mangels Alternative melden oder eine ruhigere Stelle als bisher suchen. Etwa: "Lust auf ein junges, frisches Team".

  • Wenn möglich, nennen Sie positive Argumente für Ihre lange Lebens- und Berufserfahrung. Sie könnten beispielsweise ein interner Mentor sein, auf Wunsch bedarfsweise vertreten, ohne dass Sie weitergehende Ambitionen hätten, oder den überall laufenden "Veränderungsprozess" mit Ihrer Expertise unterstützen.

  • Schauen Sie Ihren Lebenslauf daraufhin durch, ob Sie irgendwo besser ein wenig "tiefstapeln" sollten. Normalerweise würde Sie das Gegenteil tun. Aber in diesem Fall kann es strategisch klüger sein, einige bisherige Positionen einfacher zu beschreiben, einige Verantwortlichkeiten wegzulassen oder zu reduzieren.

  • Bewerben Sie parallel immer auch auf Führungspositionen, eventuell bei kleineren Arbeitgebern als bisher, oder bereiten Sie eine Selbstständigkeit vor. Diese Karrierewege sind in Ihrer Situation langfristig erfolgversprechender, auch wenn Sie beides eigentlich nicht wollen. Probieren Sie es trotzdem.

Es kann enorm frustrierend sein, immer wieder als "überqualifiziert" abgelehnt zu werden und zu erfahren, wie viele Absichtserklärungen der Arbeitgeber nur wohlklingendes Gerede sind. Das sollte aber nicht dazu führen, dass Sie in Zynismus verharren oder ganz resignieren. Nehmen Sie es als Zeichen, dass möglicherweise weitergehende Schritte als bisher notwendig sind, Sie geplanter und konsequenter vorgehen sollten. Ich wünsche Ihnen und alle Kress-Lesern ein gutes, erfolgreiches Jahr 2022.

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis bei beruflichen Veränderungen. Er hat mehr als 25 Jahre journalistisch gearbeitet, u.a. bei der Freien Presse, bei Axel Springer und Ringier. Begleitend studierte er BWL, Webentwicklung und absolvierte eine Coaching-Ausbildung in den USA. www.media-dynamics.org.

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Dank der richtigen Strategie führt Burda-Chef Paul-Bernhard Kallen ein kerngesundes Unternehmen mit hohen Digitalumsätzen. Wie er das geschafft hat und was er anderen jetzt empfiehlt.

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