"Schlicht gelogen": Ehemalige Redakteure laufen Sturm gegen stern-Artikel

18.01.2022
 

Ehemalige stern-Redakteurinnen und -Redakteure fühlen sich von ihrem früheren Arbeitgeber verunglimpft. Stein des Anstoßes ist ein stern-Artikel "in eigener Sache", der den Zusammenschluss von G+J mit RTL einordnet. Warum die Wogen jetzt so hochgehen, berichtet Übermedien.

Seit Jahresbeginn gehört das Hamburger Medienhaus Gruner+Jahr, in dem der stern erscheint, zu RTL Deutschland. Aus diesem Anlass hat der stern in seiner aktuellen Ausgabe einen Text "in eigener Sache" veröffentlicht. Überschrift der Doppelseite, die ohne Autorenzeile erschien: Mehr ist mehr: Warum der stern jetzt ein Teil von RTL Deutschland ist.

Im stern heißt es:

"Viele Jahrzehnte lang beherrschte Konkurrenz die Redaktionen von Gruner + Jahr. Ältere Redakteure erinnern sich an eine Welt, in der sich die Kolleginnen und Kollegen gegenseitig belauerten. Das reichte bis in die Redaktionen einzelner Marken hinein, gerade auch bei uns, beim stern: Einer aus der Politik sitzt mit einem aus dem Deutschland-Ressort in der Kantine? Da ist was im Busch! Geo arbeitet an einem Thema, an dem wir auch sitzen? Leute, da müssen wir Tempo machen!

Wettbewerb selbst unter Kollegen - das war der Zeitgeist damals, und wir beim stern waren keine Ausnahme. Keine Frage, wir haben guten Journalismus gemacht. Aber wie viel mehr starke Geschichten hätten wir damals recherchieren, schreiben, publizieren können, wenn wir uns gelegentlich zusammengeschlossen hätten?"

Ehemalige Redakteurinnen und Redakteure des stern sind nun sauer auf ihren früheren Arbeitgeber. Dem Onlinemagazin Übermedien liegen wütende Protestschreiben vor, die an den stern geschickt worden seien. Boris Rosenkranz von Übermedien zitiert einen Text von Ingrid Kolb, die lange stern-Redakteurin und Leiterin der Henri-Nannen-Journalistenschule war.

Ingrid Kolb findet deutliche Worte: "Einer von RTL sitzt mit der 'Stern'-Chefredaktion in der Kantine. Da ist was im Busch! Klar, es wird ein vorzeigbares Mitglied aus der 'Stern'-Redaktion gesucht, das seinen Namen hergibt für diesen unsäglichen Artikel, in dem so oft von 'wir' und 'uns' die Rede ist. Es muss ja jemand sein, der die Zustände kennt, die angeblich den 'Stern' beherrschten, bevor die 'Pioniere' von RTL für ein Umdenken sorgten. Jemand, der dabei war, wie sich alle 'gegenseitig belauerten' und aus lauter Konkurrenzwahn die schönsten Geschichten versäumten. Leider bleibt der Artikel anonym. Ich schäme mich für die 'Stern'-Redaktion, die sich diese Beschreibung ihrer Arbeit gefallen lässt."

Die ehemalige stern-Redakteurin Ursula Neuhauser findet den Artikel Übermedien zufolge "nur peinlich und feig, weil anonym". "Da schlug sich wohl ein eifriger RTL/,Stern'-Tugendbold auf die nächstenliebende Brust und beklagte allen Ernstes mangelnde Moral und daher dürftige Leistungen bei den alten 'Stern'-Kollegen. Im eigenen Blatt? Geht's noch?", wird Neuhauser zitiert.

Ex-Reporter Niklas Frank bezichtigt den stern gar der Lüge: Die Schilderung, man hätte sich damals vor allem gegenseitig belauert und schon Übles vermutet, wenn Mitglieder verschiedener Ressorts gemeinsam in der Kantine aßen, sei schlicht gelogen. Ebenso, dass man auf Grund dieser gegenseitigen Bespitzelung nicht mehr in der Lage gewesen sei, gute Geschichten für den 'Stern' zu schreiben, wie Übermedien aus seinem Protestschreiben zitiert. Frank weise darin darauf hin, dass man damals eine wöchentliche Auflage von über einer Million gehabt hätte. Er schließe mit den Worten: "Sicher ist es heutzutage nicht leicht, ein Printmedium zu führen, doch die in ihrer aktiven Zeit überaus erfolgreich arbeitenden Ex-Kollegen zu einer tückischen Neidhammel-Bande zu machen, fällt in ihrer Peinlichkeit auf Sie zurück."        

Gruner + Jahr reagierte auf Anfrage von Übermedien auf die Kritik und Vorwürfe der Ehemaligen:

"Dem 'Stern' liegt nichts ferner, als die Arbeit ehemaliger 'Stern'-Redakteurinnen und -Redakteure schlecht zu machen. Der Artikel wurde mit der Absicht veröffentlicht, den Leserinnen und Lesern gegenüber transparent darzustellen, dass der 'Stern' jetzt zu RTL Deutschland gehört und weshalb die heutige Zeit so einen Zusammenschluss sinnvoll und möglich macht", teilte eine G+J-Sprecherin mit.

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