Psycho-Tricks im Job: So wehren Medienprofis sich dagegen, bevormundet und ausgenutzt zu werden

 

Viele Arbeitnehmer fühlen sich überlastet und bedrängt, können aber häufig kaum sagen, woran es genau liegt. Denn angeblich wird heute überall "selbstbestimmter" gearbeitet und "wertschätzend kommuniziert". Mediencoach Attila Albert über sieben psychologische Tricks dahinter.

Wie kommt es, dass sich heute so viele Angestellte überlastet und bedrängt fühlen, wenn die Arbeitszeiten nominal gesunken sind (real: 41,5 Wochenstunden laut Eurostat), überall angeblich immer "selbstbestimmter" gearbeitet und "wertschätzend kommuniziert" wird? Die Fehlzeiten wegen Depressionen, Angst- und Belastungsstörungen steigen seit Jahren, bei der AOK um 56 Prozent seit 2010. Längst bilden sie die zweithäufigste Ursache für Krankschreibungen. Mancher ist bereits mit Ende 30 oder Anfang 40 bedenklich ausgebrannt und rettet sich gerade noch in das nächste Sabbatical oder in die Elternzeit.

Ein Teil ist sicher dem höheren Wettbewerb für die Unternehmen, der stärkeren Verdichtung des Arbeitstages - mehr Aufgaben, weniger Mitarbeiter - und der ständigen Erreichbarkeit per E-Mail und Handy zuzuschreiben. Aber da stellt sich die Frage: Warum machen das Arbeitnehmer mit? Auf kurze Sicht sind praktische Erklärungen verständlich. Man braucht das planbare Einkommen, findet nicht sofort eine Alternative. Aber als Dauerzustand? Da wird es komplexer: Viele Arbeitgeber arbeiten heute mit psychologischen Tricks und moralischen Manipulationen, die schwerer zu erkennen und abzuwehren sind.

Mein neuer Ratgeber "Ich will doch nur meinen Job machen" beschäftigt sich ausführlich damit, denn dieses Thema - Wertekonflikte am Arbeitsplatz durch die Psychologisierung und Politisierung auch dieses Bereiches - betrifft heute sehr viele. Wer nicht ständig bevormundet und übervorteilt werden will, muss diese Methoden einordnen und ihnen etwas entgegensetzen können. Hier sieben besonders häufige Tricks.

1. Gezielte Arbeitsüberlastung als angebliche "Chance"

Bei diesem Trick erhalten Sie die Verantwortung für etwas übertragen - aber ohne die dafür notwendigen Ressourcen (z. B. genug Zeit, Budget) und Befugnisse. Der Chef behauptet, Ihnen "alle Freiheiten" zu geben. Erst wenn Sie völlig erschöpft oder gar fast gescheitert sind, fällt Ihnen auf, dass dass Sie eine unlösbare Aufgabe erhalten haben. Der Trick: Ihnen mit einer "Chance" schmeicheln, die gar keine ist. So wehren Sie sich: Den realen Bedarf ermitteln, um die Aufgabe zu erledigen (z. B., wie viele Mitarbeiter es dafür wirklich bräuchte). Verweigert sich Ihr Chef, nicht ewig aufreiben - intern wechseln oder ganz gehen.

2. Vorgetäuschte Gleichheit, um Autorität zu verschleiern

Das Büro ist wohnlich bunt eingerichtet, als handele sich um ein junges Start-up, das man gemeinsam aufbaue. Der Chef trägt Hoodie, T-Shirt, Jeans, und man duzt sich. Der CEO (Jahresgehalt in Millionenhöhe) verkündete Sparmaßnahmen mit dem Argument, dass man "jetzt zusammenhalten" müsse. Der Trick: Vorgegaukelte Gleichheit - bei Konflikten wird es dagegen schnell autoritär. So wehren Sie sich: Achten Sie bei allem idealistischen Reden auf die Fakten, etwa auf eine angemessene Bezahlung. Vergessen Sie nie, dass Sie sich trotz aller demonstrativen Lockerheit in einem klassischen Arbeitsverhältnis befinden.

3. Widersprüchliche Kommunikation, um Druck zu verbergen

Angeblich spricht man "wertschätzend" miteinander, es wird viel gelächelt, und bei Konflikten hört man schnell die Ermahnung, dass "dieser Ton nicht unserer Kultur entspricht". Bald aber stellen Sie fest, dass der Arbeitgeber gleichwohl gegen Sie durchsetzt, was ihm wichtig ist und sich schwierigen Diskussion (z. B. um mehr Stellen) sanft entzieht. Der Trick: Im Ton partnerschaftlich und achtsam geben, dabei ist das Gesagte bevormundend oder übergriffig. So wehren Sie sich: Achten Sie immer auf die faktischen Aussagen und Entscheidungen Ihres Gegenübers. Nicht vom möglicherweise verbindlich netten Ton täuschen lassen.

4. Berufung auf höhere Autoritäten, um Kritik abzublocken

Alle müssen in Großraumbüros, weil dort "laut Arbeitspsychologen" die Kommunikation viel effektiver ist. Sie finden es dagegen beklemmend eng und laut. Das Team soll sich anonym gegenseitig bewerten, weil das "laut Experten" alle besser macht. Sie meinen, das untergräbt das Vertrauen, haben mit der Ansicht aber keine Chance. Der Trick: Die Vorgesetzten schieben höhere Autoritäten ("die Wissenschaft") vor, gegen die angeblich keiner ankommt. So wehren Sie sich: Neue Theorien bedenken, aber immer mit der Praxis und Ihren Erfahrungen abgleichen. Am Ende danach entscheiden, was für Sie funktioniert.

5. Sämtliche Probleme auf die Motivation schieben

Ständig gestresst? Dann kann es nur an Ihrer Arbeitsorganisation liegen, keinesfalls an zu vielen Aufgaben. Erschöpft? Sie sollten eventuell meditieren, aber nicht etwa weniger arbeiten. Wer so argumentiert, lastet sämtliche Probleme seinen Mitarbeitern an, um selbst Struktur-Diskussionen (Stellenschlüssel, Prioritäten) auszuweichen. Der Trick: Einseitige Selbstreflexion propagieren - wenn etwas nicht funktioniert, müssen die Mitarbeiter stärker an sich arbeiten. So wehren Sie sich: Reale Belastung (z. B. effektive Arbeitszeit inklusive Erledigungen von zu Hause, Zahl der Aufträge) senken, nicht mehr alles auffangen.

6. Klare Nachteile zu Vorteilen erklären

In vielen Stellenanzeigen steht unter "Wir bieten" inzwischen das Gleiche wie unter "Wir erwarten", nur anders formuliert. Viel Arbeit ("anspruchsvolles Umfeld"), unterbesetztes Team ("flache Hierarchien"), Jahresvertrag mit sechs Monaten Probezeit ("langfristige Perspektiven"). Der Trick: Austesten, wie weit Sie sich für dumm verkaufen lassen. Ob Sie z. B. nicht rechnen können und ernsthaft glauben, dass "kostenlos Getränke und Obst" das fehlende Tarifgehalt aufwiegen. So wehren Sie sich: Blumige Lyrik als solche behandeln. Sie verhandeln Realitäten - Einkommen, Aufgaben, Arbeitsbedingungen, Urlaub, Extras.

7. Höhere Mission behaupten, selbst das Gegenteil tun

Die Firma redet von "Chancengleichheit" - und sortiert alle Bewerber über 50 direkt aus. Von "Vielfalt" mit Agenturfotos von afrikanischen und arabischen Models, während Bewerber ohne Studium keine Chance auf eine Führungsposition haben. Von "globaler Gerechtigkeit", die schon bei angemessenen Gehältern für neue Kollegen aufhört. Der Trick: Hochfliegende Missionen behaupten, das Gegenteil tun. So wehren Sie sich: Unbeeindruckt vom PR-Gerede für sich verhandeln. Der beste Plan für die angebliche Weltverbesserung ist undurchdacht und unglaubwürdig, wenn er bereits bei den zuerst Betroffenen scheitert.

Wenn Sie den Eindruck haben, nur noch gegen die eigenen Überzeugungen zu arbeiten und jeder Auftrag zu einem inneren Konflikt führt, empfiehlt sich ein Wechsel innerhalb der nächsten sechs bis neun Monate. Bewerbungen und Netzwerken sollten dann höchste Priorität erhalten. Nicht in Krankschreibungen flüchten! Wer sich nur wenig belastet fühlt, könnte sich ein bis zwei Jahre geben. Wechseln Sie zu einem Arbeitgeber, der Ihren Werten besser entspricht, oder erwägen Sie eine Selbstständigkeit. Immer aber gilt: Grenzen setzen, sowohl bei der Belastung wie bei der Bevormundung durch andere.

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis bei beruflichen Veränderungen. Er hat mehr als 25 Jahre journalistisch gearbeitet, u.a. bei der Freien Presse, bei Axel Springer und Ringier. Begleitend studierte er BWL, Webentwicklung und absolvierte eine Coaching-Ausbildung in den USA. www.media-dynamics.org.

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