Debatte: Bild-Chef Boie bereut Lockdown-Macher-Artikel

31.01.2022
 

Am Freitag fand bei Springer in Berlin die angekündigte Diskussionsrunde mit Bild-Chef Johannes Boie und Vertretern von Wissenschaftsorganisationen und Forschern statt. Boie ging dabei näher auf die viel kritisierte "Die Lockdown-Macher"-Titelstory ein.

Nach massiver Kritik am Anfang Dezember erschienenen Bild-Artikel "Die Lockdown-Macher" hat sich Chefredakteur Johannes Boie erneut dazu geäußert. "Dieser Artikel war absolut unglücklich. Ich würde ihn so nicht noch mal drucken", sagte Bild-Chefredakteur Johannes Boie bei einem mit Wissenschafts-Organisationen gemeinsam initiierten Gespräch. 

In dem Bild-Artikel "Die Lockdown-Macher" ging es um mehrere Wissenschaftler, die auch abgebildet wurden. Dem Presserat als Selbstkontrolle der Presse liegen viele Beschwerden dazu vor. Eine Allianz von Wissenschaftsorganisationen hatte in einem Statement kritisiert, dass einzelne Forscherinnen und Forscher "zur Schau gestellt und persönlich für dringend erforderliche, aber unpopuläre Maßnahmen zur Pandemie-Bekämpfung verantwortlich gemacht werden". Das könne zu einem Meinungsklima beitragen, das an anderer Stelle bereits dazu geführt habe, dass Wissenschaftler sich physischer oder psychischer Gewalt ausgesetzt sahen oder bedroht wurden.

Niemand und vor allem keine Wissenschaftler sollten einen Shitstorm abbekommen. Schließlich würden sie nur das Beste für die Gesellschaft wollen, unterstrich Boie nun auf der Podiums-Diskussion bei Axel Springer in Berlin. Auch intern habe es vor und nach dem Erscheinen Kritik an dem Artikel gegeben.

Kurz nach Veröffentlichung hatte der Chefredakteur in einem Statement, das bei Bild zu lesen war, betont: Wer dieses Land regiere, verändere und über das Leben der Menschen bestimme, müsse Kritik aushalten. Gerade auch von Journalisten. "Umgekehrt muss Kritik angemessen geübt werden. Das gilt ausdrücklich auch für 'Bild'."

Boie stellte bei dem offenen Dialog am Freitag auch klar, dass viele Wissenschaftler aus den Laboren in die Öffentlichkeit getreten seien und so eine öffentliche Rolle im Diskurs bezüglich der Pandemie eingenommen hätten. Dann sei es die Aufgabe des Journalismus, eben jene Aussagen zu bewerten und auch zu kritisieren. Laut Boie ist das umso wichtiger, weil sich politische Entscheidungsträger direkt auf Aussagen der Wissenschaftler bezögen. 

Boie versprach, die Kultur in der Redaktion zu verbessern, damit jemand, "der Bauchschmerzen bei einem Text hat", sich jederzeit äußern könne. Beim Zuspitzen von wissenschaftlichen Debatten müssen man künftig genauer prüfen. Zuspitzungen müssten stets von Recherchen getragen werden und ethisch haltbar sein. Zugleich stellte der Bild-Chef, der Julian Reichelt jüngst abgelöst hatte, klar: "Boulevard muss Boulevard bleiben." Wenn man ihn abschaffe, erreiche man viele Le­se­r nicht mehr.

Der Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft, Otmar Wiestler, sprach in der Runde mit Blick auf den Artikel von einer Grenzüberschreitung. Er sagte: "Wir müssen auf einer neuen Basis zusammenarbeiten." Die Leiterin einer Forschungsgruppe beim Max-Planck-Institut, Viola Priesemann, berichtete davon, dass viele Kollegen nicht mit ihren wissenschaftlichen Ergebnissen in die Öffentlichkeit gingen. "Das sollte uns, denke ich, zu denken geben: Warum ist das so?" Priesemann war eine der Forscherinnen, die in dem umstrittenen Artikel genannt und abgebildet worden waren.

In der Gesprächsrunde kamen Ideen auf, wie sich das Verhältnis Wissenschaft und Boulevardjournalismus verbessern könnte. Der Leiter der Abteilung System-Immunologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, Michael Meyer-Hermann, brachte eine regelmäßige Wissensseite in der Bild-Zeitung ins Spiel. Er war auch in dem umstrittenen Artikel Anfang Dezember genannt worden.

Quelle: kress, dpa

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