Reichelt 2.0 : "Da wird man ja verrückt, wenn man daraus kein Geschäft macht"

01.02.2022
 

Ex-Bild-Chefredakteur Julian Reichelt hat sich im Gespräch mit Weltwoche-Verleger Roger Köppel zu seiner Zukunft geäußert.

Seit Mitte Januar ist bekannt, dass Julian Reichelt eine eigene Plattform plant. "Ich arbeite derzeit an etwas Neuem und spreche da mit sehr vielen, sehr spannenden jungen Kolleginnen und Kollegen", sagte Reichelt in der Talkrunde "Links. Rechts. Mitte - Das Duell der Meinungsmache" im Fernsehsender Servus TV aus Österreich.

Auch Roger Köppel, Verleger und Chefredakteur der Weltwoche, hat Reichelt in einem Video-Interview zu seinen zukünftigen Plänen befragt.

"Wie steht's um den Reichelt 2.0?"

Reichelt antwortet, er wolle nichts Konkretes sagen, weil vieles davon "eine Überraschung" werde. Doch der ehemalige Bild-Chefredakteur gibt erstmals einen Einblick, wo er eine "Marktlücke" im Journalismus ortet.

"Das grundsätzliche Phänomen, das ich sehe, ist: Die Berichterstattung in großen Teilen unserer Medien, besonders über das, was Menschen in ihrem Alltag bewegt, lässt sich nicht mehr in Einklang bringen damit, was Menschen tatsächlich erleben", erklärt Reichelt gegenüber Köppel.

Dies wiederum bedeute: In Deutschland gebe es Millionen "medial Obdachlose" - Menschen, die ihre Sicht auf die Welt und, wie sie die Welt erleben in den Medien nirgendwo wiederfinden. "Darin sehe ich eine große Marktlücke. Da wird man ja verrückt, wenn man daraus kein Geschäft macht."

Reichelt ergänzt zudem im Gespräch mit Roger Köppel, dass es nur wenige Ausnahmen von Medien - zum Beispiel Ulf Poschhardt, Chefredakteur bei Axel Springers Welt - gebe, welche die Ansichten der Wähler in ihrer Berichterstattung aufgreifen würden.

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Rückblickend auf die letzten Monate nach seinem Rausschmiss bei Axel Springer sagt Reichelt:

"Ich wünsche das niemandem, zu erleben, wenn eine gesellschaftliche Bubble aus Wahrheit Lüge und aus Lüge Wahrheit macht. Das ist etwas, was einen zunächst tiefst erschüttert. Aber auch das ist eine Erfahrung über die man hinwegkommt und dann versucht, etwas Neues aufzubauen. Und ich habe immer Spaß an Neuem, an neuen Ideen, an Transformation gehabt." Ihm gehe es sehr gut, bekräftigt Reichelt. Das schönste, was er in dieser stürmischen Zeit erlebt habe, sei, wie sehr man sich auf manche Menschen verlassen könne.

Zur Person: Roger Köppel ist seit 2001 Verleger und Chefredakteur des Wochenmagazins Die Weltwoche, mit einem zweieinhalbjährigen Intermezzo als Chefredakteur bei Axel Springers Welt (2004-2006).

Julian Reichelts Journalistenlaufbahn startete 2002 mit einem Volontariat bei Bild, er durchlief die Journalistenausbildung der Axel-Springer-Akademie. Reichelt berichtete für Bild u.a. aus Afghanistan, Georgien, Thailand, dem Irak, Sudan und Libanon, teilweise als Kriegsberichterstatter. 2007 wurde er Chefreporter. Ab Februar 2014 war er als Nachfolger von Manfred Hart Chefredakteur von Bild.de. Nachdem Gesamtherausgeber Kai Diekmann Axel Springer zum 31. Januar 2017 verlassen hatte, übernahm Reichelt den Vorsitz der Chefredaktionen und damit die redaktionelle Gesamtverantwortung für die Bild-Zeitung. Axel Springer beendete am 18. Oktober 2021 die Zusammenarbeit mit Reichelt.

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