Psychisch gesund bleiben: Wie Medienprofis besser auf sich achten

 

Depressionen, Persönlichkeitsstörungen und Psychosen: Medienprofis sind bereits durch ihren Beruf einem erhöhten Risiko ausgesetzt. Die andauernde Coronakrise hat manchen im Übermaß belastet und psychisch krank werden lassen. Mediencoach Attila Albert darüber, wie Sie besser auf sich achten.

In den vergangenen Monaten hatte ich Gespräche mit mehreren Kollegen und Freunden aus der Medienbranche, die mich betroffen und besorgt zurückgelassen haben. Es war klar erkennbar oder bereits diagnostiziert, dass sie psychisch nicht mehr gesund waren. Das reichte von Depressionen über Persönlichkeitsstörungen (z. B. Borderline-Syndrom) bis zu Psychosen (z. B. Schizophrenie). Manche konnten sich durch einen angepassten Lebensstil, medizinische und therapeutische Behandlungen bald wieder stabilisieren. Andere kämpfen damit - oft neben beruflichen und finanziellen Herausforderungen.

Die Coronakrise hat spätestens in ihrem zweiten Jahr die wenig nachhaltigen Lebensmodelle schonungslos offengelegt. Dazu gehören: Jahrelanges Alleinleben, das plötzlich zur Isolation wurde. Ausgehen, Sport und Reisen als ständige Ablenkung, die nicht mehr möglich war. Ein Mangel an Spiritualität, damit fehlende Konzepte und Praktiken, um mit Unsicherheiten und Ängsten umzugehen. Verharmloster Drogenkonsum, der jedoch das Risiko einer psychischen Erkrankung erhöht. Berufliche Überlastung ohne ausreichende Erholung, auch zu wenig Abgrenzung von den Erwartungen des Arbeitgebers.

Besondere Risiken des Journalisten-Berufes

Neu ist das Thema generell nicht, auch wenn heute offener und aus aktuellem Anlass mehr darüber gesprochen wird. Auch als ich vor mehr als 30 Jahren (1990) als Reporter begonnen habe, gab es Kollegen mit psychischen Erkrankungen. Der Journalistenberuf bringt bereits erhöhte Risiken mit sich: Ständiger Zeit- und Erfolgsdruck, Reizüberflutung und häufig emotional fordernde Aufgaben, unregelmäßige Arbeitszeiten, früher oft starkes Trinken (heute häufiger Drogen von Cannabis bis Kokain). Einige meiner ehemaligen Kollegen mussten ihren Beruf aufgeben. Ich kenne auch Fälle von früher Arbeitsunfähigkeit - mit Invalidisierung teilweise schon mit Anfang 30 - bis hin zu Selbstmorden.

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Psychische Gesundheit ist daher existenziell. Der beliebte Anglizismus Mental Health gibt ihr einen unangemessenen Lifestyle-Anstrich, als ginge es vor allem um die Optimierung der eigenen Fähigkeiten. Stattdessen umfasst sie Grundlegendes: Die normalen Herausforderungen des Lebens bewältigen, produktiv arbeiten und einen Beitrag für die Gemeinschaft leisten können, sich wohlfühlen. Als Coach behandelte ich keine Erkrankungen und verweise Interessenten, bei denen ich eine solche vermute, an Spezialisten. Es kommt aber vor, dass Medienprofis ein berufsorientiertes Coaching neben oder nach einer Therapie nutzen.

Frustrierende Suche nach Therapeuten

Selbstverständlich empfiehlt es sich, bei Bedarf die Hilfe eines Facharztes oder Therapeuten in Anspruch zu nehmen. Praktisch erfordert das aber meist eine mehrmonatige frustrierende Suche nach einem Anbieter mit freien Terminen, danach Verhandlungen mit der Krankenkasse über die Kostenübernahme. Das ist sehr anspruchsvoll in einer Phase, in der man sowieso gerade hilfebedürftig ist.

Hier rächt sich aus meiner Sicht die Entchristianisierung Deutschlands: Der seelsorgerische Bedarf in besonderen Lebensphasen (z. B. Einsamkeit, Trennung, Erkrankung, beruflichen Sorgen), traditionell von Pfarrern, Priestern und den anderen Mitgliedern der Gemeinde gedeckt, flutet nun in den medizinische Bereich und überlastet ihn. Auch der Trend zur Pathologisierung trägt dazu bei: Unangenehme, aber normale Phänomene  - etwa Frust, Wut, Enttäuschung oder Trauer - heute sehr weitgehend als problematisch oder direkt behandlungsbedürftig zu erklären, anstatt den Umgang damit besser einzuüben.

Gesünder leben, auf sich achten

Es ist generell nicht empfehlenswert, sich ständig selbst zu beobachten. Nehmen Sie jedoch starke Auffälligkeiten (z. B. deutliche Antriebslosigkeit, Nachlassen der Leistungsfähigkeit, innere Unruhe, Schlaflosigkeit, Selbstgespräche) zum Anlass, umgehend mehr für Ihre psychische Gesundheit zu tun. Fragen Sie im Zweifel einige Vertraute, die Sie lange kennen, ob Sie sich in Ihrem Wesen ungünstig verändert haben. Hier einige allgemeine Empfehlungen, um dann besser auf sich zu achten.

  • Sprechen Sie offen mit Ihrem Vorgesetzten und reduzieren Sie Überstunden oder sogar die Arbeitszeit, wenn Sie sich deutlich überlastet fühlen. Erbitten Sie möglichst konstante Schichten und passen Sie Ihren Arbeitsalltag (z. B. Anteil der Homeoffice-Tage, Aufgaben) an Ihre Bedürfnisse an, so weit es geht.

  • Achten Sie auf eine gesunde Ernährung, verzichten Sie insbesondere bei erhöhter Belastung auf Alkohol und Drogen. Sollte Ihnen das schwerfallen oder unmöglich sein, suchen Sie sich Unterstützung (Beratungsstelle, Selbsthilfegruppe). Ein interessantes neues Hobby oder Projekt können zusätzlich motivieren.

  • Verbringen Sie privat möglichst wenig Zeit mit elektronischen Geräten, vor allem nicht allein und nachts. Gehen Sie regelmäßig nach draußen, verabreden Sie sich zum Beispiel für einen regelmäßigen Spaziergang mit einem Freund (z. B. einen Hundebesitzer im Bekanntenkreis). Lesen Sie Bücher, schlafen Sie genug.

  • Vermeiden Sie mediale Inhalte - auch von Unternehmen, Parteien und NGOs -, die Sie in Angst oder Wut versetzen (z. B. durch Dramatisierung, Alarmismus oder eine gezielt eingesetzte Weltuntergangsstimmung): Eventuelle Apps deinstallieren, Newsletter abbestellen, Social-Media-Kanäle entfreunden, Anzeigen blockieren.

  • Setzen Sie sich Inhalten aus, die Sie zu Freude, Spaß, Humor und Sinnlichkeit anregen. Es darf nicht ständig nur um Probleme gehen. Sie müssen privat nicht "über alles informiert sein", sondern nur über das, was für Ihr persönliches Leben praktisch relevant ist. Halten Sie notwendige private Recherchen möglichst kurz.

  • Finden Sie intellektuell anregende, gleichzeitig ermutigende Gesprächspartner für Ihre Sorgen, Bedenken und Hoffnungen. Wenn Sie in keine Kirchengemeinde wollen, finden Sie Gesprächsgruppen z. B. auf Meetup und freie geistliche Begleiter über eine Google-Suche. Auch hilfreich: Eigene Reflexionen regelmäßig notieren.

  • Überlegen Sie, ob Ihre aktuelle Tätigkeit Ihnen auf Dauer guttut. Eventuell passen ein Medium mit geringerer Taktung (z. B. Magazin statt Tageszeitung), ein emotional weniger belastendes Ressort (z. B. Wirtschaft statt Nachrichten) oder ein behutsameres Betriebsklima besser zu Ihnen. Wenn ja, aktiv dahin orientieren.

  • Das gleiche gilt für Ihr Umfeld. Dicht besiedelte, gleichzeitig anonyme Großstädte mit mehrheitlich oberflächlichen, oft wechselnden Kontakten belasten psychisch. Oft sorgt eine Umorientierung ins naturnahe Umland oder gar zurück in den Geburtsort mit Familie und Schulfreunden für mehr Ruhe und Geborgenheit. 

  • Wenn Sie allein oder nur mit einem Haustier leben: Eventuell wäre zumindest zeitweise ein WG-Partner hilfreich, wenn Ihre Wohnung es erlaubt und Sie jemanden finden, mit dem Sie auch befreundet sein könnten. Es hilft schon sehr viel, regelmäßig und ohne Verabredung mit jemandem sprechen zu können.

  • Wenn Sie in einer sehr lockeren oder ungeklärten Beziehung leben: Besprechen Sie Ihre Ziele und inwieweit sie übereinstimmen (z. B. gemeinsame Wohnung, Heirat, Kinder). Entwickeln Sie auf dieser Basis praktische Schritte, um sich als Paar zu etablieren - oder jemand für Sie Passenderes zu finden.

Diese Empfehlungen haben vor allem einen vorbeugenden, stabilisierenden Charakter. Bei deutlich gravierenderen Hinweisen auf eine psychische Erkrankung (z. B. starke Ängste, Verfolgungsgefühl, gestörtes Denken, Desorientierung, Halluzinationen, Selbstverletzung) informieren Sie parallel zur Arzt- oder Therapeuten-Suche unbedingt auch mehrere Familienmitglieder oder Freunde. Verabreden Sie regelmäßigen Kontakt, etwa einen Anruf pro Woche, und einen Notfallplan. Es kann sein, dass Sie plötzlich unerwartet in eine hilflose Lage geraten, nicht mehr wissen, wer oder wo Sie sind sind (psychotische Episode). Dann hilft es, wenn andere vorbereitet sind, schneller agieren können.

Mein ehemaliger Blick-Kollege Remo Schraner, heute stellvertretender Ressortleiter beim Schweizer Nachrichtenportal 20 Minuten, schreibt in seinem Blog "Der Volpe" über seinen langen Kampf mit Depressionen und wie er sie überwand. Seit einem zweimonatigen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik 2018 ist er sehr offen damit umgegangen: "Kommuniziert man seine Bedürfnisse offen, stehen die Chancen gut, dass man an den richtigen Ort gelangt", meint er. Vorgesetzte könnten solche persönlichen Erfahrungen sogar als Ressource sehen, sei es für entsprechende redaktionelle Themen, aber auch für interne Veränderungsprozesse.

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis bei beruflichen Veränderungen. Er hat mehr als 25 Jahre journalistisch gearbeitet, u.a. bei der Freien Presse, bei Axel Springer und Ringier. Begleitend studierte er BWL, Webentwicklung und absolvierte eine Coaching-Ausbildung in den USA. www.media-dynamics.org.

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