Wollte Springer die Reichelt-Affäre vertuschen?

08.02.2022
 

Dieser Frage ist die Financial Times nachgegangen. Die Ergebnisse einer monatelangen Recherche präsentiert die britische Zeitung nun in einem Report. Für Aufsehen dürften pikante Details aus einem internen Gespräch sorgen, an dem ein Springer-Vorstandsmitglied teilgenommen haben soll.

"In the spring of 2021, after six bruising weeks of a compliance investigation, senior employees at Axel Springer thought they had defused a crisis", beginnt der Investigativreport der Financial Times.

Zur Erinnerung: Axel Springer hatte Ende März 2021 gerade Julian Reichelt als Bild-Chef wieder eingesetzt. Der Untersuchungsbericht der Anwaltskanzlei Freshfields zu dem Compliance-Verfahrens bei Springer lag vor. "Auf Basis der vorliegenden Erkenntnisse" beschloss der Vorstand, dass Julian Reichelt seine Arbeit als Chefredakteur fortsetzen darf.

Zum Compliance-Verfahren teilte Springer damals mit: "Im Kern der Untersuchung standen die Vorwürfe des Machtmissbrauchs im Zusammenhang mit einvernehmlichen Beziehungen zu Mitarbeiterinnen sowie Drogenkonsum am Arbeitsplatz. Entgegen der in einigen Medien kolportierten Darstellung gab es keine Vorwürfe und auch im Untersuchungsverfahren keine Anhaltspunkte für sexuelle Belästigung oder Nötigung." Julian Reichelt habe die Vermischung von beruflichen und privaten Beziehungen eingeräumt, die oben genannten Vorwürfe jedoch bestritten und dies auch eidesstattlich versichert.

Was die FT-Autoren Erika Solomon (Berlin), Olaf Storbeck (Frankfurt) Kaye Wiggins und Arash Massoudi (London) dann aus dem Frühjahr 2021 in ihrem Artikel ausbreiten, sorgt für Aufsehen:

Still, one senior employee told a board member that the written report, if leaked, was "not survivable". Any outsider who read it, this person quipped, would ask who was replacing Reichelt as the editor of Bild. Reichelt's head would not be the only one on the block, the board member shot back. "Also: 'Who is the new CEO?' And: 'Who is the new head of news media?' If this gets out, it's at the very least difficult for us. We're all in the same boat."

Im Laufe einer dreimonatigen Recherche habe man die Echtheit dieses internen Gesprächs aus dem Frühjahr 2021 verifizieren können, schreiben die FT-Autoren. Zu einem Zeitpunkt, als die Reichelt-Episode in Vergessenheit geraten zu sein schien. "Im Moment haben wir Ruhe", soll ein Springer-Vorstandsmitglied der FT zufolge gesagt haben. "Wenn es so bleibt, waren es nur beschissene sechs Wochen".

Monate später im Oktober entließ Axel Springer Julian Reichelt allerdings doch. Mit folgender Begründung:

"Die Axel Springer SE hat Bild-Chefredakteur Julian Reichelt mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben entbunden. Als Folge von Presserecherchen hatte das Unternehmen in den letzten Tagen neue Erkenntnisse über das aktuelle Verhalten von Julian Reichelt gewonnen. Diesen Informationen ist das Unternehmen nachgegangen. Dabei hat der Vorstand erfahren, dass Julian Reichelt auch nach Abschluss des Compliance-Verfahrens im Frühjahr 2021 Privates und Berufliches nicht klar getrennt und dem Vorstand darüber die Unwahrheit gesagt hat."

Die FT will allerdings von "mehreren Beteiligten" erfahren haben, dass Springer bereits vor dem Auftrag an die Kanzlei Freshfields die schwersten Vorwürfe gegen Reichelt bekannt gewesen seien.

"At some points, senior executives discussed the investigation with Reichelt, advising him to deny everything. In the process, some of the very people the probe was meant to protect were exposed. During the investigation and even after its conclusion, Axel Springer’s chief executive Mathias Döpfner and his top brass rallied to protect the editor. Half-truths in the publisher’s statements obscured the scale of Reichelt’s wrongdoing", so die Darstellung der FT.

Was sagt Axel Springer dazu? Das Unternehmen teilte der FT zufolge mit, die von der FT gesendeten Fragen enthielten "falsche Tatsachen, Annahmen, Unterstellungen und Schlussfolgerungen" und fügte hinzu: "Da wir verschiedenen Geheimhaltungsverpflichtungen unterliegen, können wir nicht alle Fragen in der geforderten Ausführlichkeit beantworten." Springer sagte, es sei "falsch", zu sagen, dass das Management befürchte, die Ergebnisse der Untersuchung könnten den eigenen Jobs und dem eigenen Ruf schaden, fügte aber hinzu: "Natürlich müssen wir im Nachhinein zugeben, dass wir nicht alles richtig gemacht haben. Unser größter Fehler war, dass wir [Reichelt] zu lange vertraut haben. Wir bedauern dies zutiefst, insbesondere im Namen der Mitarbeiter, die darunter gelitten haben."

Die FT führt an, im Rahmen ihrer Ermittlungen mit mehr als 30 Personen gesprochen zu haben, darunter Dutzende von Tiefeninterviews mit ehemaligen Bild-Mitarbeitern und Auftragnehmern, von denen einige sexuelle Beziehungen zu Reichelt hatten und andere als Whistleblower fungierten. Die FT sprach auch mit mehreren Personen, die den Freshfields-Bericht gelesen haben oder über dessen Inhalt informiert wurden, sowie – mit Zustimmung von Axel Springer – einem Co-Autor des Berichts.

Was die Vorwürfe an Julian Reichelt angeht, präsentiert die FT allerdings wenig Neues, diese werden im Kern wiederholt und entsprechen dem Stand, den der Spiegel veröffentlicht hatte. Reichelt sagte der FT in einer Erklärung, dass die Vorwürfe bezüglich seines Fehlverhaltens "Lügen" seien.

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