"Schwer verschwörungsanfälliger Vertuscher": Süddeutsche schießt gegen Döpfner

10.02.2022
 

Sein Artikel in der Süddeutschen Zeitung gleicht einer Wutrede: Nils Minkmar, ehemals FAZ-Feuilleton-Chef jetzt bei der SZ, munitioniert sich mit den Recherchen der Financial Times und macht Axel Springer-Chef Mathias Döpfner schwere Vorwürfe. 

"Neue Enthüllungen der Financial Times zeigen Springer-Boss Mathias Döpfner in der Affäre Reichelt als schwer verschwörungsanfälligen Vertuscher", teast Nils Minkmar seinen Beitrag in der Süddeutschen Zeitung an. Er schließt mit den Worten: "Der Mann, der all dies hätte wissen können, der dem zeitig ein Ende hätte bereiten können, verliert sich in einem Schattenboxen gegen eine linke Übermacht, die nur er sieht. Mathias Döpfner hat es geschafft, den ohnehin schon gewaltigen Skandal noch zu vergrößern. Sein Umgang mit dem System Reichelt hat seine Glaubwürdigkeit ruiniert. Er steht da wie ein Heuchler."

Minkmar ist seit Mai 2021 Redakteur im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung. Seine journalistische Laufbahn begann beim ZDF, er war Redakteur der Wochenzeitung Die Zeit, Feuilletonchef der FAZ und Redakteur für Kulturressort des Spiegel. In seinem aktuellen Artikel stützt sich der prominente Journalist voll auf die in dieser Woche veröffentlichten Recherchen der Financial Times zur Reichelt-Affäre bei Axel Springer (kress.de berichtete).

Wie die FT wissen will, soll Döpfner ideologische Feinde hinter dem Fall vermutet haben. Er soll von einer "Hass-Agenda" gesprochen haben. "Das hat nichts mit Sexismus zu tun. Das hat nichts mit MeToo zu tun", wird Döpfner von der britischen Zeitung zitiert. Er soll für eine Art Gegenuntersuchung auch einen Anwalt engagiert haben, den er mit Ermittlungen gegen Betroffene und angebliche Strippenzieher beauftragt haben soll, so die FT.

Axel Springer teilte mit, dass der Artikel der Financial Times "ein irreführendes Bild der Compliance-Untersuchung, der daraus gezogenen Konsequenzen, des gesamten Unternehmens und seiner Führung" zeichne.

Gegenüber der FT äußerte sich Springer, die von der FT gesendeten Fragen enthielten "falsche Tatsachen, Annahmen, Unterstellungen und Schlussfolgerungen" und fügte hinzu: "Da wir verschiedenen Geheimhaltungsverpflichtungen unterliegen, können wir nicht alle Fragen in der geforderten Ausführlichkeit beantworten." Springer sagte, es sei "falsch", zu sagen, dass das Management befürchte, die Ergebnisse der Untersuchung könnten den eigenen Jobs und dem eigenen Ruf schaden, fügte aber hinzu: "Natürlich müssen wir im Nachhinein zugeben, dass wir nicht alles richtig gemacht haben. Unser größter Fehler war, dass wir [Reichelt] zu lange vertraut haben. Wir bedauern dies zutiefst, insbesondere im Namen der Mitarbeiter, die darunter gelitten haben."

Für SZ-Redakteur Nils Minkmar ist die Lektüre des FT-Artikels aus mehreren Gründen erschütternd: "Es ist eine Zumutung, wie ein derart großes Medienhaus wie Springer die Öffentlichkeit nun schon seit Jahren mit unerträglichen Zuständen, Geschichten auf Vorabendserienniveau und Äußerungen behelligt. Es ist eine todernste Groteske, die hin und wieder zum Lachen reizt, allein wenn man reflektiert, womit sich der Präsident der deutschen Zeitungsverleger, der Döpfner auch immer noch ist, ernsthaft beschäftigt."

Minkmar erscheint nach Lesen des FT-Stücks auch die umstrittene Whatsapp-Nachricht an den Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre aus dem letzten Jahr in einem passenden Kontext. In der Nachricht hat Döpfner Reichelt als letzten aufrechten Journalisten bezeichnet, der gegen einen "neuen DDR-Obrigkeitsstaat" kämpft. Döpfner habe dies zwar entschuldigt ("Wenn man in einer privaten Unterhaltung aus dem Zusammenhang gerissen etwas zitiert, dann unterschlägt man Polemik, Ironie, Übertreibung"). Doch die Nachricht an Stuckrad-Barre sei keine Ironie gewesen, das zeige sich spätestens jetzt, sie sei offensichtlich so gemeint gewesen, wie es da steht, findet Minkmar.

Zu dem FT-Artikel hat sich auch Medienjournalist Stefan Niggemeier geäußert. Er sagte in SWR2 zu den Recherchen über den Umgang von Springer mit der Reichelt-Affäre: "Es wirft ein schlechtes Licht auf die Art, wie man mit diesen Vorwürfen umgegangen ist." Anstatt die Sexismus-Vorwürfe gegen Reichelt wirklich ernst zu nehmen, habe der Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner eine politisch motivierte Verschwörung gegen den Verlag gewitter, so Niggemeier. Der Gründer der Online-Portale Übermedien und Bildblog, sieht Döpfner als Präsident der Zeitungsverleger nicht mehr haltbar.

Teresa Stiens schreibt im Handelsblatt:

Neue Enthüllungen der "Financial Times" zeichnen das Bild eines zu Verschwörungstheorien neigenden Verlagschefs. Nun wäre es leicht zu sagen, es handle sich um einen Einzelfall. Einen, der irgendwie auch ein bisschen zu dem Ruf der Boulevardpresse passt - so ist sie halt, die "Bild". Doch es steht zu befürchten, dass die Springer-Affäre eine besonders groteske Blaupause dessen ist, was auch anderswo durchaus im Bereich des Möglichen liegt.

Der Deutsche Journalisten-Verband fordert den Vorstand des Axel Springer-Konzerns auf, die ganze Wahrheit über die Reichelt-Affäre offenzulegen. Die Reaktion von Springer auf die FT-Enthüllung, der Bericht zeichne ein irreführendes Bild, hält der DJV-Vorsitzende Frank Überall für unzureichend: "Nicht zuletzt wegen seiner Verantwortung als Verlegerpräsident muss Mathias Döpfner Fakten benennen. Die Vorwürfe gegen ihn sind sehr schwerwiegend", so Überall.

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