Politisch bedrängt: Wie Medienprofis trotzdem für ihre Überzeugungen einstehen

 

Wenn sich Medien nicht mehr als Korrektive, sondern selbst als Aktivisten verstehen, geraten diejenigen Medienprofis in ein Dilemma, die anders denken. Langfristig ist es trotzdem möglich, seinen Überzeugungen und Werten entsprechend zu arbeiten, sagt Mediencoach Attila Albert.

Eine interessante Diskussion entspann sich kürzlich unter einem Facebook-Beitrag des Hamburger Vereines "Freischreiber", der rund 800 freie Journalisten vertritt. "Gendern ist ein Qualitätsmerkmal", hieß es darin und umfasste einige Empfehlungen dazu. "Zu welchem Gesinnungsverein entwickelt Ihr Euch da eigentlich", kommentierte das Gemma Pörzgen, Journalistin mit dem Schwerpunkten Osteuropa, Außen- und Medienpolitik. "Gebt Ihr demnächst in unserem Namen auch Wahlempfehlungen ab?" Finanztexterin Geraldine Friedrich sah es dagegen gelassen: "Ich verstehe die Aufregung wirklich nicht und betrachte diesen Post als netten Service, von dem ich mich inspirieren lassen kann oder auch nicht."

"Nein, Gendern ist kein Qualitätsmerkmal, sondern ein durch bestimmte politische Gruppierungen oktroyierter Sprachduktus, der als neue Norm angesehen werden soll", meinte Edda Schlager, Zentralasien-Korrespondentin. "Von der durch euch so gepriesenen Freiwilligkeit sehe ich nicht viel, wenn Texte von Autoren beispielsweise in korrektem Deutsch eingereicht, dann aber aufgrund der ,Redaktionspolitik' gegendert veröffentlicht werden." Technologie-Journalist Helge Denker merkte an, dass das "Gendern" auch unter Journalisten umstritten sei: "Wenn das so wichtig wäre, wie behauptet wird, warum heißt es dann nicht ,FreischreiberInnen' o.ä.?" Antwort des Vereins dazu: Nicht mehrheitsfähig.

Aktivistische statt journalistische Kriterien

Seit längerem gibt es die Tendenz, Journalismus nicht mehr vor allem als Berichterstattung anzugehen. Also nicht mehr bevorzugt darzustellen, wie etwas wirklich ist - sondern als Vision, wie es sein sollte. Das war eigentlich bisher die Sphäre von Parteien, Lobby- und Interessenverbänden und deren PR-Experten. Nun gibt es auch den anderen Ansatz: Das Medium nicht mehr als Korrektiv, sondern als bewusster, offener Unterstützer. Plakativ durch Aufrufe und eigene Aktionen, subtil durch Themenauswahl, Präsentation und Wortwahl. Das "Gendern" ist dabei eines von vielen strittigen Themen dieser Art: Bewusste Manipulation, um ein vermeintlich gutes Ziel zu erreichen - und zwar gegen die Mehrheitsmeinung.

Selbstverständlich stört sich daran nur, wer die damit verbundenen Ziele und Wege nicht teilt oder sich grundsätzlich als möglichst neutraler Berichterstatter, nicht als Akteur versteht. In meinen Coachings nennen Medienprofis, die sich entsprechend unter Druck gesetzt sehen, vor allem vier Methoden, die sie empören oder frustrieren:

  • Sprachregelungen, die politische oder ideologische Positionen als redaktionelle Perspektive festlegen (z. B. "Klimakrise" statt "Klimawandel", "undokumentierte Einwanderer" statt "Flüchtlinge ohne legalen Aufenthalt", "Gender-Deutsch").

  • Die einseitige Darstellung ausgewählter Lobby-Organisationen (z. B. Greenpeace, BUND, PETA, Nabu, WWF, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) als neutrale oder positive Akteure, häufig auch als alleinige Fakten- und Zitatquellen.

  • Die Aufforderung, redaktionelle Beiträge verstärkt mit Agenturfotos afrikanischer, arabischer oder asiatischer Protagonisten zu illustrieren, obwohl diese nicht die Leserschaft repräsentieren, sondern meist Models aus den USA zeigen.

  • Inhaltliche Quoten, z. B. weibliche Manager im Wirtschaftsteil überrepräsentiert zum tatsächlichen Anteil zu präsentieren, teilweise nach festen Zahlenvorgaben mit fortlaufender Messung (z. B. der "EqualVoice-Factor" von Ringier).

In meinem aktuellen Buch habe ich dem Thema mehrere Kapitel gewidmet, weil sich viele Arbeitnehmer heute auf diese Weise politisch bedrängt und bevormundet fühlen. Denn die Beschlüsse dazu fallen selten durch demokratische Mehrheit wie in einem Parlament, sondern durch eine kleine Gruppe (Vorstand, Geschäftsführung, Chefredaktion), aber verbindlich für alle. Dabei sind die meisten Belegschaften durchaus vielfältig in ihren Ansichten. Doch wer dagegen ist, hat es schwer: Verwahrt sich z. B. ein angestellter Redakteur mehrfach gegen ideologisch motivierte Textänderungen, wird er recht bald kaltgestellt werden - und als unbequemer Freiberufler nicht mehr beauftragt.

Intern wechseln, um Distanz zu schaffen

Ein Ausweg für Angestellte kann sein, in ein Ressort oder Themengebiet zu wechseln, das weniger ideologisch geprägt ist (z. B. von der Politik zu Technik). Oder von der Redaktion in eine Verlagsabteilung (z. B. Produktentwicklung). Wenn Sie grundsätzlich im Unternehmen bleiben oder Zeit gewinnen wollen, bis eine externe Bewerbung erfolgreich ist, sollten Sie diesen Weg versuchen. Sie vermeiden damit eine unüberlegte, für Sie folgenreiche Kündigung, weil Sie es "nicht mehr aushalten". Geben Sie Bewerbungen, Netzwerken und Ihre Außendarstellung (LinkedIn-Profil, Webseite, Arbeitsproben) höchste Priorität. Wichtig beim nächsten Job: Stärker darauf achten, dass er zu Ihren Werten passt.

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Wenig sinnvoll sind Diskussionen mit Vorgesetzten, die häufig auch nur umsetzen, womit sie beauftragt wurden. Möglicherweise sehen sie es sogar ähnlich wie Sie, werden Ihnen das nur erst viel später verraten. Es zeigt aber Charakter, wenn Sie offen sagen, was Ihre Position ist. Es darf ruhig offiziell klingen: "Ich möchte es einmal aussprechen, dass ich diese Sache nicht unterstütze. Ich weiß, dass Sie da wahrscheinlich auch keine Wahl haben. Aber Sie sollten es wissen." Manchmal lässt sich ein Arrangement finden, das Sie entlastet (dass Sie z. B. bei bestimmten schwierigen Meetings nicht mehr dabei sein müssen).

Nicht ewig mit dem Wechsel zögern

Fühlen Sie sich sehr belastet, sollten Sie nach sechs bis neun Monaten wechseln. Ständig gegen die eigenen Überzeugungen und Werte zu arbeiten, ist enorm erschöpfend. Jeder Arbeitsauftrag wird zum inneren Konflikt und führt zu Disputen mit Vorgesetzten. Wenn Sie sich zwar ärgern, es sie aber nicht tiefergehend trifft, können Sie wahrscheinlich noch ein bis zwei Jahre bleiben. Empfehlenswert ist aber, fortlaufend die eigenen Ansichten zu klären und zu beobachten, wie sich die Lage entwickelt. Eine erneute Bestandsaufnahme nach sechs Monaten empfiehlt sich. Für Freiberufler sinnvoll: 10-20 % der Arbeitszeit für die Akquise von anderen, Ihnen angenehmeren Kunden einsetzen.

Die Erfahrung, dass ein Arbeit- bzw. Auftraggeber kulturell, weltanschaulich oder politisch nicht gepasst hat, ist belastend und anstrengend, aber letztendlich wertvoll. Sie haben in eine Welt geschaut, bei der Sie erkannt haben, dass sie nicht Ihre ist, und mehr über Ihre eigenen Werte und Überzeugungen gelernt. Das sensibilisiert Ihre Wahrnehmung für Ihre nächste Arbeitsstelle bzw. den nächsten Auftraggeber. Sie wissen, worauf Sie neben Aufgaben, Inhalten und Geld achten werden: auf die Vorstellungen und Kultur des Unternehmens - und ob Sie zusammenpassen. So ist solch eine Phase trotzdem kein Scheitern und keine ganz verlorene Zeit, sondern hat etwas für Sie geklärt.

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis bei beruflichen Veränderungen. Er hat mehr als 25 Jahre journalistisch gearbeitet, u.a. bei der Freien Presse, bei Axel Springer und Ringier. Begleitend studierte er BWL, Webentwicklung und absolvierte eine Coaching-Ausbildung in den USA. www.media-dynamics.org.

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