Kolumne zum Tragen von Judensternen: Tagesspiegel-Chefredaktion zieht Martenstein-Text zurück

16.02.2022
 

Der Tagesspiegel hat jüngst eine Kolumne von Harald Martenstein veröffentlicht, in der es um "Nazi-Vergleiche" ging. Der Text wurde von Lesern, aber auch innerhalb der Redaktion stark kritisiert. Nun kommt die Chefredaktion zu dem Schluss, "dass wir diese Kolumne so nicht hätten veröffentlichen sollen". Die "Klarstellung" fällt deutlich aus.

Jeden Sonntag erscheint die Kolumne von Harald Martenstein im Tagesspiegel. Als Redakteur und Kolumnist schreibt er über das politische, kulturelle und gesellschaftliche Leben in Deutschland. Am 6. Februar ging es um "Nazi-Vergleiche". Martenstein stellte folgende These auf: Das Tragen von "Judensternen" auf Corona-Demonstrationen mit der Aufschrift "Ungeimpft" sei zwar "eine Anmaßung, auch eine Verharmlosung" und "für die Überlebenden schwer auszuhalten", aber "sicher nicht antisemitisch", weil die Träger sich mit verfolgten Juden identifizierten.

Die Chefredaktion des Tagesspiegel teilt nun in einer Stellungnahme mit, die Martenstein-Kolumne sei sowohl innerhalb der Redaktion als auch von Leserinnen und Lesern stark kritisiert worden. Man habe sich in den vergangenen Tagen intensiv mit dieser Kolumne und der Kritik daran auseinandergesetzt, so das Führungteam der Berliner Regionalzeitung, zu dem die Chefredakteure Lorenz Maroldt, Christian Tretbar und die Stellvertretenden Chefredakteure Stephan Haselberger, Anke Myrrhe und Anna Sauerbrey gehören. Man habe mit Kolleginnen und Kollegen, mit Wissenschaftlern und Betroffenen gesprochen und selbstverständlich auch mit dem Autor und sei zu dem Schluss, dass man diese Kolumne so nicht hätten veröffentlichen sollen; "wir haben sie deshalb zurückgezogen", erklärt die Chefredaktion.

Der Fall Martenstein ist für den Tagesspiegel von grundsätzlicher Bedeutung, das Medienhaus hat die redaktionellen Abläufe sowie die Qualitätskontrolle und sogar sein Selbstverständnis überprüft:

Es gehört zum Selbstverständnis des Tagesspiegels, ein breites Meinungsspektrum abzubilden. Wir sind davon überzeugt, dass die Auseinandersetzung mit unterschiedlichsten Gedanken, Ideen und Argumenten ein Gewinn für uns selbst, für unsere Leserinnen und Leser und letztlich auch für die Demokratie ist - gerade auch dann, wenn wir uns an ihnen reiben. Die Voraussetzung dafür ist, dass wir über alle journalistischen Genres hinweg die Standards dieser Redaktion einhalten. Dazu zählt für uns:

Wir trennen deutlich zwischen Vermutungen und recherchierten Erkenntnissen. Wenn ein ernsthafter wissenschaftlicher Dissens besteht oder eine wissenschaftliche Minderheitsmeinung vertreten wird, machen wir das deutlich und ordnen es nachvollziehbar ein. Grundlage unserer Texte sind immer die Recherche, die Erkenntnis und das Argument. Wir verteidigen die Meinungsfreiheit, sind uns aber deren Grenzen bewusst. Dabei gilt: Nicht alles, was rechtlich betrachtet gesagt werden darf, ist dem Ton des Tagesspiegels angemessen. Scharf dürfen Glossen, Kolumnen und Kommentare sein; persönlich verletzen sollten sie nicht. Wir nutzen Ironie, aber wir vermeiden Zynismus. Wir verzichten auf Provokationen um der Provokation Willen und vermeiden Graubereiche, die zu Missverständnissen einladen oder verleiten. Wir orientieren uns an Rationalität mehr als an Emotionalität und bleiben menschlich respektvoll.

Alle Texte, die im Tagesspiegel veröffentlicht würden, müssten diesen Kriterien gerecht werden, stellt die Chefredaktion klar.

Zur Person: Harald Martenstein (* 9. September 1953 in Mainz) ist ein deutscher Journalist und Autor. Er arbeitete nach dem Abitur am Rabanus-Maurus-Gymnasium in Mainz einige Monate in einem Kibbuz in Israel und studierte dann Geschichte und Romanistik an der Universität Freiburg. In den 70er Jahren war Martenstein für einige Zeit Mitglied der DKP. Von 1981 bis 1988 war er Redakteur bei der Stuttgarter Zeitung und von 1988 bis 1997 Redakteur beim Tagesspiegel in Berlin. Dann übernahm Martenstein für kurze Zeit die Leitung der Kulturredaktion bei der Abendzeitung in München, kehrte jedoch wenig später als leitender Redakteur zum Tagesspiegel zurück. Seit 2002 schreibt er eine Kolumne für die ebenfalls zur Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck gehörende Die Zeit, zunächst unter dem Titel Lebenszeichen und seit dem 24. Mai 2007 im Rahmen des Zeit-Magazin Leben unter Harald Martenstein. Einige Jahre war Martenstein zudem mit Kolumnen in der Geo kompakt vertreten. Martenstein schreibt derzeit für jede Sonntagsausgabe des Tagesspiegels eine Kolumne, darüber hinaus auch regelmäßig Glossen zu den Berliner Filmfestspielen und vereinzelt auch größere Reportagen und Essays.

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