"Es gibt eine enorme Kreativität hier": Stern-Chefredakteurin Anna-Beeke Gretemeier über Audio-Leidenschaft und Merkel-Podcast

 

Chefinnengespräche auf Augenhöhe: Im exklusiven Köpfe-Interview verrät die Stern-Chefredakteurin Anna-Beeke Gretemeier, wie sie die aufwändige Arbeit an ihrem Angela-Merkel-Porträt-Podcast in den Magazin-Alltag quetscht - und wie die RTL-Welt crossmediales Arbeiten beflügelt.

kress.de: Frau Gretemeier, dass es spätestens mit der Bundestagswahl einen Wechsel im Kanzleramt geben würde, war abzusehen. Und dass es viele Bilanz- und Rückschau-Projekte rund um die Lebensleistungen von Angela Merkel geben würde, natürlich auch. Wie ist bei Ihnen ursprünglich die Idee zu Ihrer Podcast-Reihe gereift?

Anna-Beeke Gretemeier: Ihren Abschied hat Angela Merkel ja schon 2018 angekündigt. Seitdem werden Abgesänge veröffentlicht. Es gibt Dokus, monothematische Magazine, Podcasts und vieles mehr. Wir wollten einen eigenen Schwerpunkt setzen und ein ganz persönliches Audioporträt von Angela Merkel schaffen.

kress.de: Sie lassen bewusst ausschließlich weibliche Zeitzeugen – Wegbegleiterinnen, Konkurrentinnen, sogar Freundinnen – zu Wort kommen. Warum diese bewusste Perspektiven-Einschränkung?

Anna-Beeke Gretemeier: Die Geschichte der Bundeskanzlerin wurde 16 Jahre lang vornehmlich von Männern erzählt. Und weil uns beim Stern Diversität und Vielfalt wichtig sind, dachten wir: Die Facette, die Perspektive, die noch fehlt, ist die rein weibliche Sicht auf Merkel. Und tatsächlich sind erstaunliche und persönliche Geschichten dabei herausgekommen, durch die wir Merkel noch einmal anders kennenlernen. Die Frauen haben detailreicher erzählt.

"Die Gesprächspartnerinnen waren  bereit, auch über Momente zu sprechen, die man so noch nicht kennt, zum Beispiel über die geselligen Runden nach langen Verhandlungen, bei denen Frau Merkel offenbar auch ein gutes Durchhaltevermögen bei ein paar Gläschen Rotwein hatte."

kress.de: Wie schwer war es für Sie eigentlich, die jeweiligen Gesprächspartnerinnen zum Interview und zur Mitarbeit zu bekommen und um wen mussten Sie am längsten "kämpfen"?

Anna-Beeke Gretemeier: Die Menschen, die Merkel eng an sich ran lässt, wissen, wie wichtig ihr Vertrauen und Loyalität sind. Uns hat sicherlich geholfen, dass der Podcast einige Wochen nach dem Ausscheiden von Frau Merkel aus dem Amt erschienen ist und wir das unseren Gesprächspartnerinnen auch angekündigt haben. Sie waren deswegen bereit, auch über Momente zu sprechen, die man so noch nicht kennt, zum Beispiel über die geselligen Runden nach langen Verhandlungen, bei denen Frau Merkel offenbar auch ein gutes Durchhaltevermögen bei ein paar Gläschen Rotwein hatte. Durch den zeitlichen Abstand konnten wir in den Gesprächen eine besondere Vertrautheit schaffen, die uns sicherlich geholfen hat. Klar war aber auch immer: Keine der Frauen wollte in irgendeiner Form gegen die Ex-Kanzlerin nachtreten. Ihre Wegbegleiterinnen halten Merkel die Treue, und diese geht über ihre berufliche Verbindung hinaus.

"Zu jeder Gesprächsvorbereitung gab es ein Dossier, teilweise bis zu 150 Seiten lang. Es gibt 250 Seiten Drehbücher mit genauen Regieanweisungen."

kress.de: Wie muss man sich das Planungsabenteuer hinter den Kulissen konkret vorstellen?

Anna-Beeke Gretemeier: Wir arbeiten seit vielen Monaten an dem Projekt. Ich habe mit mehr als einem Dutzend Frauen gesprochen, Ursula von der Leyen, Ulrike Demmer, Franziska Giffey, Annette Schavan und Alice Schwarzer, um einige zu nennen. Zu jeder Gesprächsvorbereitung gab es ein Dossier, teilweise bis zu 150 Seiten lang. Es gibt 250 Seiten Drehbücher mit genauen Regieanweisungen. Und unsere Arbeit geht weiter. Sprich, wir sind immer noch in der Recherche und Produktion, wir blicken auch weiterhin mit Frauen und ihrer Perspektive auf die historische Altkanzlerin. Die Geschichte von Angela Merkel ist nicht auserzählt. 

"Beim Stern erzählen wir crossmedial. Ein beträchtlicher Teil unserer Leute macht mittlerweile auch Podcasts."

kress.de: Wie lässt sich so ein aufwendiges Projekt eigentlich konkret mit dem „bisschen Haushalt“, den fordernden Alltagsherausforderungen an der Stern-Spitze, unter einen Hut bringen?

Anna-Beeke Gretemeier: Die Aufgaben in einer Redaktion sind vielfältiger geworden. Das gilt nicht nur für meinen Co-Chefredakteur Florian Gless und mich. Beim Stern erzählen wir crossmedial. Ein beträchtlicher Teil unserer Leute macht mittlerweile auch Podcasts, das ist zu einem wichtigen Kanal für unsere Geschichten geworden und macht auch einfach Spaß. Und ich mache den Podcast ja nicht allein, ich bin Gastgeberin und führe die Interviews, aber dahinter steht ein ganzes Team, das sich um Recherche, Drehbücher, Fact-Checking, Produktion und die Distribution kümmert. Wenn man in unserem Job keine Zeit mehr für eigenen Journalismus hätte, wo läge dann der Reiz. Das ist schließlich unser aller Leidenschaft.

kress.de: Natürlich haben sich die Anforderungen an zeitgemäßen Journalismus und auch daran, was man in einem modernen Medienhaus leisten muss, schon länger gewandelt. Trotzdem dürften sich viele Kolleginnen und Kollegen ja weiterhin bei eher schreibenden Aufgaben wohler fühlen als vor dem Radio-Mikrofon. Wie groß war eigentlich Ihre ursprüngliche Scheu vor dem Medium Podcast, mussten Sie lange fremdeln?

Anna-Beeke Gretemeier: Wie gesagt, bei uns haben einige das Podcasten für sich entdeckt – neben ihren schreibenden Tätigkeiten. Das ist natürlich kein Muss, aber wer Lust darauf hat, bekommt auch die Möglichkeit, sich bei Audio und Video auszuprobieren. Ich selbst bin eine leidenschaftliche Podcast-Hörerin, vor allem begeistern mich große und ausführlich erzählte Recherche-Projekte wie im vergangenen Jahr zum Beispiel "Slahi – 14 Jahre Guantamo", aber auch persönliche, berührende Geschichten wie "Aitutaki Blues – Die letzte Reise mit meiner Mutter und Alzheimer". Jetzt mal selbst einen Podcast zu produzieren, war eine spannende und lehrreiche Erfahrung. Meine ersten Sprachaufnahmen haben mich überhaupt nicht begeistert. Ich habe mich über Weihnachten hingesetzt und intensiv mit meiner Stimme und der Technik rumexperimentiert, bis ich zufrieden war und das Gefühl hatte, dass es gut und professionell klingt. Dabei haben mir auch Tipps eines Radio-Profis und Sprechtrainers geholfen.

kress.de: Was macht für Sie auch journalistisch den Charme des Auditiven aus?

Anna-Beeke Gretemeier: Das Hörerlebnis ist unmittelbar. Ein Podcast-Gespräch kann viel von einer Persönlichkeit offenbaren. Die Erzählform bringt spannende Möglichkeiten mit sich. Das serielle Erzählen, dramaturgisch gut angelegt, zieht die Hörerinnen und Hörer in den Bann. Und wir erreichen hier auch neue Zielgruppen. Mit "Faking Hitler – Die wahre Geschichte der gefälschten Hitlertagebücher" haben wir ein beinahe 40 Jahre zurückliegendes Kapitel aus der Mediengeschichte für jüngere Menschen noch einmal neu erzählt, die das selbst gar nicht mehr miterlebt haben.

kress.de: Mit der Verbreitung über Audio Now spielt Ihr Haus ja auch die Stärken der viel beachteten neuen Kooperationen aus. Was bedeutet die neue Nähe zu den RTL-Kollegen in dieser Hinsicht konkret und welche weiteren Projekte befinden sich in Vorbereitung?

Anna-Beeke Gretemeier: Wir haben schon einiges produziert unter dem Dach von Audio Now, "Die Boss" mit Simone Menne als Gastgeberin, die beliebte Heftrubrik "Die Diagnose" geht jetzt in die achte Staffel als Podcast oder die Stern Crime "Spurensuche" beispielsweise. Nicht zuletzt unseren täglichen Podcast "heute wichtig" mit Michel Abdollahi, den der Stern zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen von RTL und ntv macht. Der Benefit bei dieser Zusammenarbeit liegt in den unterschiedlichen Expertisen, die da im Redaktionsteam zusammenkommen, und den vielen inhaltlichen Feldern, die wir so abdecken können. Wir haben eigentlich immer mehrere Ideen im Köcher, einige befinden sich schon in der Umsetzungsphase, andere werden noch auf Machbarkeit geprüft. Versprechen kann ich, dass dieses Jahr noch weitere spannende Projekte kommen werden – wir produzieren gerade auch auf Hochtouren für unsere neue Streamingplattform RTL+. Jetzt können sich unsere Hörerinnen und Hörer aber erst einmal auf die neueste Folge von "ÜberMerkel" freuen – heute erscheint das achte Gespräch mit Ulrike Demmer, sie war die stellvertretende Sprecherin der Bundesregierung von Angela Merkel.

"Ich nehme in unserer redaktionellen Zusammenarbeit vor allem Neugierde aufeinander und Aufbruchstimmung wahr – die allermeisten von uns haben Lust und Freude daran, gemeinsam etwas Neues zu starten."

kress.de: Parallel zu den sicher fordernden Vorbereitungsarbeiten für die Merkel-Reihe lief ja im Gesamtunternehmen auch noch der Prozess des Zusammenwachsens. Wie viel Zeit und Energie muss man in der Stern-Chefredaktion eigentlich aktuell darauf aufwenden, um sich der Sorgen und möglicher Anpassungsängste im Team anzunehmen?

Anna-Beeke Gretemeier: Ich nehme in unserer redaktionellen Zusammenarbeit vor allem Neugierde aufeinander und Aufbruchstimmung wahr – die allermeisten von uns haben Lust und Freude daran, gemeinsam etwas Neues zu starten. Es gibt eine enorme Kreativität hier, mit der wir gemeinsame Formate entwickeln. Und es ist auch ein Prozess, der nicht erst im Januar begonnen hat, mit dem Tag des Zusammenführens von Gruner + Jahr und RTL Deutschland, sondern der schon seit Jahren entsteht. Wir haben uns bereits bei verschiedenen Bertelsmann-Content-Alliance-Projekten gegenseitig kennengelernt. An dem vorhin erwähnten "heute wichtig"-Podcast arbeiten wir jetzt auch schon seit fast elf Monaten gemeinsam. Dazu kommen diverse TV-Projekte, die wir rund um unsere Marke Stern Crime zusammen mit Vox, RTL und der UFA gestemmt haben. Wichtig wird für uns sein: Welche Projekte für welche Kanäle priorisieren wir. Es gibt einfach so viele gute Ideen.

Hintergrund: In der mehrteiligen Podcast-Reihe "ÜberMerkel - Vertraute erzählen" blickt der Stern auf die Karriere der Ex-Kanzlerin zurück - und zwar nur mit Frauen. Die Gespräche eröffnen neue Perspektiven und zeichnen damit ein sehr persönliches Audioporträt von Angela Merkel. Gastgeberin ist Stern-Chefredakteurin Anna-Beeke Gretemeier. Sie trifft Wegbegleiterinnen, Gefährtinnen, Konkurrentinnen und Freundinnen der Alt-Bundeskanzlerin und spricht unter anderem mit Ulrike Demmer, Franziska Giffey, Ursula von der Leyen, Annette Schavan und Alice Schwarzer. In den Gesprächen ergibt sich Stück für Stück ein neues Bild von Angela Merkel. Hier geht's zum Pocast-Angebot bei Stern.de.

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