Bild-Chef Boie: Ich glaube nicht, dass Paul Ronzheimer furchtlos ist

10.03.2022
 

Seit einem halben Jahr ist Johannes Boie Bild-Chefredakteur – als Nachfolger von Julian Reichelt. Im Interview mit der Zeit sagt Boie, wie er die Kultur im Haus verändert - und regt sich über die jüngste Kritik an Bild-Kriegsreporter Paul Ronzheimer auf.

"Krieg löst bei Bild zunächst gewaltige Empathie aus und dann eine Menge Arbeit. Die Erfahrung unserer Reporterinnen und Reporter in der Kriegsberichterstattung ist herausragend, die haben ganz wenige Medien. Jetzt, in der Ukraine, sind wir wieder mit mehreren Kollegen vor Ort. Mit welcher Zuwendung sie den Menschen dort begegnen, berührt mich", sagt Johannes Boie in einem großen Interview in der Zeit.

Der Bild-Chefredakteur berichtet im Gespräch mit Hannah Knuth und Martin Machowecz, wie die Redaktion der Springer-Bouelvardzeitung versucht, die Folgen von Putins Angriffskrieg abzubilden. Kürzlich habe man das Foto einer Frau gezeigt, mit der Bild-Reporter Paul Ronzheimer gerade noch gesprochen hätte. Am Tag danach sei ihr bei einer Explosion das halbe Gesicht zerfetzt worden. Davon habe Bild eine große Aufnahme gebracht, nur die Wunde sei verpixelt worden.

Knuth und Machowecz von der Zeit fragen Boie, ob dabei nicht die Gefahr bestünde, Menschen in ihrem Elend vorzuführen. Der Bild-Chef entgegnet, dass es schlimmer wäre, wenn niemand von ihrem Elend erfahren würde. Man müsse die Brutalität sichtbar machen. Boie fürchtet, dass Krieg sonst für viele Menschen etwas Abstraktes bleibe.      

"Die Bild-Reporter vor Ort sind großartige Kollegen, auf deren Einschätzung ich mich verlasse. Wir entscheiden gemeinsam", betont Boie auch im Hinbklick auf Paul Ronzheimer, der jüngst mit den Klitschkos in einem Bunker in Kiew übernachtet hat. Boie glaubt nicht, dass Ronzeimer furchlos ist, dieser sei einfach hoch profesionell. "Ich sehe bei unseren Kollegen in der Ukraine keinen Hauch von Draufgängertum oder Sensationslust", betont er.

Boie kritisiert im Zeit-Interview die frühere MDR- und Sky-Moderatorin Aline von Drateln, die in einem Tweet schrieb: "Unangenehm, wie Ronzheimer aus jedem Krieg eine Mutprobe macht". "Dieser Kommentar widert mich an", sagt Boie. Für ihn sind Leute raus aus der Debatte, "die vom Sessel aus kritisieren, dass wir unter großem Risiko zeigen, was ist".  

Der Chefredakteur von Bild räumt in dem Gespräch mit der Zeit Fehler seines Blatts im Umgang mit Personen des öffentlichen Lebens ein. "Für das Privatleben von Prominenten interessieren wir uns, sofern sich diese Menschen dafür geöffnet haben." Er finde das auch legitim, aber: "In Einzelfällen haben wir auch Fehler gemacht." Die Kultur habe sich diesbezüglich verändert: "Bild macht auch nicht mehr alles, was früher im Boulevard normal war", so Boie zur Zeit. "Wir akzeptieren zum Beispiel, wenn Menschen nicht mit uns sprechen wollen."

Boie, der im Oktober 2021 als Nachfolger von Julian Reichelt zur Bild kam, schildert, wie er die Kultur im Haus verändern will: "Eine gute Kultur muss dauerhaft Teil unserer DNA sein". Er habe von Tag eins an begonnen, daran zu arbeiten, dass die Mitarbeiter sich ihm anvertrauen. Er habe "mehr als 100 Einzelgespräche mit Kolleginnen und Kollegen geführt, mit allen Regionalbüros konferiert", außerdem eine "Kulturveränderungsgruppe" ins Leben gerufen. Zudem habe er darum gebeten, "dass ich nach jedem Besuch von den Mitarbeitern über ein digitales Tool anonym bewertet werde."

Zur Person: Johannes Boie, 38, volontierte bei der Süddeutschen Zeitung, war Büroleiter von Springer-Chef Mathias Döpfner und Chefredakteur der Welt am Sonntag. Seit Oktober 2021 ist er Chefredakteur der Bild-Zeitung.

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