Medienprofis in der nächsten Krise: Wie soll man sich noch auf die Arbeit konzentrieren?

 

Morgens in Tränen, in großer Angst und mit Schlafproblemen: Kaum schien die Coronakrise abzuklingen, sehen sich Medienprofis mit dem Ukraine-Krieg bereits dem nächsten Desaster gegenüber. Gleichzeitig muss der eigene Alltag weitergehen. Empfehlungen dazu von Mediencoach Attila Albert.

 

Noch vor wenigen Tagen hatten sich manche erleichtert darauf eingerichtet, nun endlich das Ende der Coronakrise erleben zu dürfen - zumindest der winterlichen Hochphase. Man sprach viel davon, jetzt mit therapeutischer Hilfe aufzuarbeiten, was man seit 2020 erlebt hatte, und freute sich auf den Sommerurlaub. Nun sind wir mit dem Krieg in der Ukraine direkt im nächsten Desaster. Auf LinkedIn und anderen Plattformen schreiben erneut Medienprofis, sie wären in Tränen ausgebrochen, seien in großer Angst und könnten nicht mehr schlafen. Häufig auch wieder der Satz: "Das habe ich nicht erwartet." 

Man kann darüber diskutieren, wie professionell solch ein Bekenntnisdrang auf einer Karriereplattform ist. Aber er drückt eine seelische Not und Überlastung aus, möglicherweise auch fehlende Gesprächspartner im eigenen Leben. Doch Reden allein hilft niemandem, der Alltag - Arbeit, Partner, Kinder - muss weitergehen und andere brauchen wieder mehr Hilfe als sonst. So braucht es weiterhin die Kompetenzen, die in den vergangenen beiden Jahren bereits entscheidend waren: Zuversicht, Pragmatismus und Realitätssinn. Dazu heute einige Gedanken und praktische Empfehlungen für Ihren Alltag.

Auf mehrjährige Krise einrichten

Gehen Sie davon aus, dass die aktuelle Situation mehrere Jahre andauern kann - mitsamt ihrer Folgen auch für uns. Das ist kein Grund zu Panik, aber zu überlegtem, langfristig orientiertem Handeln. Wenn Sie sich bereits jetzt völlig verausgaben, werden Sie bald ohne alle Reserven dastehen. Versuchen Sie daher, kurzfristige Aufgeregtheit möglichst schnell zu reduzieren und Ihre Aufmerksamkeit auf folgende Fragen zu konzentrieren: 1. Was bedeutet die Krise für Sie persönlich, 2. was können Sie praktisch tun und 3. was müssen Sie sowieso hinnehmen, womit sollten Sie sich also nicht viel aufhalten?

Emotionale Selbstdisziplin stärken

Für Sie und die Menschen um Sie herum ist es wenig hilfreich, sich ständig seinen Emotionen zu überlassen, etwa Angst, Wut oder Frustration. Das gilt insbesondere für diejenigen, die seit Jahren in Weltuntergangsstimmung (Brexit, Trump, Klimawandel, Corona) leben. Emotionale Selbstdisziplin lässt sich lernen: Kontrollieren, womit Sie sich wie intensiv beschäftigen und wie Sie reagieren. Oft helfen bereits Kleinigkeiten: Nutzen Sie das Handy nicht als Wecker, um nicht jeden Tag mit Katastrophenmeldungen und aufgeregten Chat-Nachrichten zu beginnen, meiden Sie Twitter und Facebook.

Privaten Nachrichtenkonsum dosieren

Informieren Sie sich privat sehr gezielt und begrenzt, vermeiden Sie stundenlanges Lesen auf Nachrichtenseiten und Social-Media-Plattformen bis in die Nacht. Setzen Sie sich am besten ein Zeitlimit, z. B. dreißig Minuten täglich. Wenn Ihnen das schwerfällt: Löschen Sie alle Nachrichten- und Social-Media-Apps vom Handy. Bei Bedarf können Sie diese Seiten immer auch über den mobilen Internetbrowser aufrufen. Aber das ist unbequemer, deshalb werden Sie es weniger häufig tun. Deaktivieren Sie alle Benachrichtigungen, automatisch vorgeschlagene Artikel, melden Sie sich von Nachrichten-Newslettern ab.

Mehr Hintergründe als Tagesnachrichten 

Falls Sie von den Ereignissen komplett überrascht waren ("nie für möglich gehalten"), sollten Sie Ihre bisherigen Informationsquellen überdenken. In diesem Fall dauern die Spannungen seit knapp 20 Jahren an, die kriegerischen Auseinandersetzungen seit 2014, wenn sie nun auch eskaliert sind. Lesen Sie eventuell mehr Wikipedia-Artikel oder besser Bücher zum Thema statt Nachrichten. Das ordnet die Ereignisse in eine langfristige Perspektive ein und gibt Ihnen gedankliche Orientierung. Gleichzeitig werden Sie nicht ständig durch "Breaking News", die bald schon wieder überholt sind, und Leserkommentare aufgewühlt und abgelenkt. 

Persönlich und ausgewählt diskutieren

So verständlich es ist, sich über ein Thema austauschen zu wollen, das einen aufwühlt: Wählen Sie gezielt aus, mit wem Sie diskutieren. Kriterien könnten sein: Zumindest eine minimale Sachkenntnis und eine beherrschtes, zuversichtliche Persönlichkeit. Ansonsten reden Sie sich gegenseitig die Köpfe heiß, kommen sowieso zu keinem Ergebnis, lernen auch nichts dazu, und sind danach nur noch verzweifelt und müde. Auch hier gilt wieder: Immer das persönliche Gespräch - behelfsweise per Zoom oder Telefon, wenn Sie zu weit auseinander wohnen - Social-Media-Diskussionen vorziehen.

Auf sich achten, um helfen zu können

Achten Sie zudem weiterhin auf Selbstfürsorge, wenn Sie nicht zur zusätzlichen Belastung für andere werden wollen. Planen Sie selbst bei größter beruflicher Belastung und dramatischen Nachrichten einige feste Termine pro Woche ein, bei denen es einmal um etwas ganz anderes geht. Ein schönes Abendessen mit dem Partner, eine Joggingrunde mit einem Freund, ein ruhiger Lese- oder Musikabend. Sie können schon einmal Ihre aktuellen Herausforderungen und Sorgen ansprechen. Konzentrieren Sie sich aber auf positive Themen und Aktivitäten. Dadurch werden Sie insgesamt zuversichtlicher.

Auch diese Krise kann helfen, zu einer größeren Ernsthaftigkeit und zu mehr pragmatischen (statt symbolischen) Aktionen zu kommen - nicht "Zeichen setzen", sondern etwas besser machen, so weit das möglich ist. Gerade für Kinder setzt das ein Vorbild: Das Leben war immer schwierig und die Welt voller gravierender Probleme, auch wenn man sie bisher nur selektiv erlebt und wahrgenommen hat. Aber es zeichnet den Erwachsenen aus, dann überlegt und gezielt zu handeln. Für Hilfszusagen gilt wie schon 2015: Versprechen Sie nur, was Sie auch halten können.

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis bei beruflichen Veränderungen. Er hat mehr als 25 Jahre journalistisch gearbeitet, u.a. bei der Freien Presse, bei Axel Springer und Ringier. Begleitend studierte er BWL, Webentwicklung und absolvierte eine Coaching-Ausbildung in den USA. www.media-dynamics.org.

Sind Sie zufrieden mit ihrem Arbeitgeber?

Wir recherchieren Woche für Woche alle Jobangebote aus der Branche und machen daraus einen Newsletter. Ein Blick auf Ihren Marktwert lohnt sich immer. Vielleicht stimmt ja der Job, nicht aber das Geld.

Sie stellen ein? Hier können Sie Ihre Stellenanzeige aufgeben.

Sie möchten exklusive Medienstorys, spannende Debatten und Personalien lesen? Dann bestellen Sie bitte unseren kostenlosen kressexpress. Jetzt für den täglichen Newsletter anmelden.

Ihre Kommentare
Kopf
Weitere Beiträge zu diesem Thema
Inhalt konnte nicht geladen werden.