Heldin im Kampf um die #Pressefreiheit: Wie die Branche die Protestaktion der russischen TV-Journalistin würdigt

15.03.2022
 

Die TV-Journalistin, die am Montag mit einem Protest gegen Russlands Krieg in der Ukraine die Hauptnachrichtensendung des russischen Staatsfernsehens unterbrach, ist das Thema des Tages in den (sozialen) Medien. Wie Zeitungen wie die Süddeutsche und Medienprofis wie Dunja Hayali die mutige Aktion wertschätzen. Ein Überblick.

"Der Auftritt der jungen Frau in der Hauptnachrichtensendung des russischen Staatsfernsehens dauert nur sechs Sekunden. Aber diese sechs Sekunden reichen, damit ihre Botschaft rüberkommt. Sie reichen auch, damit ihre Botschaft in den sozialen Medien auf der ganzen Welt geteilt wird", schreibt SZ-Redakteur Oliver Klasen in seinem Bericht Sechs Sekunden gegen Putin.

Was war passiert: Am Montagabend springt um 21 Uhr russischer Zeit im russischen Staatssender Perwy kanal (Erster Kanal) in der Hauptnachrichtensendung "Wremja" eine Frau ins Bild. Hinter der Nachrichtensprecherin hält sie ein Plakat hoch.  "Stoppt den Krieg. Glaubt der Propaganda nicht. Hier werdet ihr belogen", steht auf dem Plakat. Der letzte Satz ist auf Englisch geschrieben: "Russians against war" - Russen gegen den Krieg. Dazu ruft die Frau mehrmals laut: "Nein zum Krieg!" Der Sender schaltete nach wenigen Sekunden zu einem Videobeitrag.

Laut russischen Medienberichten heißt die Frau Marina Owsjannikowa und ist eine Redakteurin des Staatssenders. Sie studierte demnach Journalismus an der Staatlichen Universität Kuban in Krasnodar sowie an der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und öffentliche Verwaltung in Moskau.

Im Netz verbreitete sich ein zuvor aufgenommenes Video, in dem sie sagt, sie schäme sich dafür, jahrelang Kreml-Propaganda verbreitet zu haben. "Was in der Ukraine geschieht, ist ein Verbrechen." Verantwortlich für die Aggression sei nur Russlands Präsident Wladimir Putin. Sie rief ihre Landsleute dazu auf, gegen den Krieg zu protestieren. "Es liegt nur an uns, diesen ganzen Wahnsinn zu beenden." Die Behörden könnten nicht alle einsperren.

Nach Ansicht von SZ-Redakteur Oliver Klasen trifft die Protestaktion von Marina Owsjannikowa das russische Regime an einem besonders wunden Punkt:

Der Erste Kanal ist einer der wichtigsten Sender des Landes, 250 Millionen Zuschauer, das Programm wird in alle Welt übertragen, auch in Deutschland wird er zum Beispiel von großen Teilen der russischen Community via Satellit empfangen. "Wremja" ist das russische Pendant zur "Tagesschau", mit dem Unterschied, dass die Nachrichten im deutschen Ersten nicht von der Regierung gesagt bekommen, was sie zu senden haben, während "Wremja" zu den wichtigsten Verbreitungswegen dessen gehört, was der Kreml für die Wahrheit hält.

Die Bild-Zeitung bezeichnet Owsjannikowa in ihrer Aufmachergeschichte am Dienstagmorgen als Heldin.

Auf Twitter ist der Hashtag #MarinaOvsyannikova am Dienstagmittag mit über 25.000 Tweets der Top-Trend des Tages.

Malu Dreyer, Ministerpäsidentin von Rheinland-Pfalz, kommentiert via Twitter: "Ich bewundere ihren Mut. Sie führt uns allen vor Augen, wie wichtig #Medienfreiheit ist."

Ins gleiche Horn stößt der baden-würtembergische Unternehmer Thomas Wüst:

"Was für einen unglaublichen Mut #MarinaOvsyannikova hat, der jetzt droht, von #Putin für 15 Jahre ins Gefängnis gesperrt zu werden. Was für eine Heldin im Kampf um die #Pressefreiheit! #Ovsyannikova"

Die Journalistin und TV-Moderatorin Dunja Hayali schreibt: "Hoffentlich verschwindet #MarinaOvsyannikova nicht einfach von der Bildfläche… [...] Allein für das benutzen des Wortes 'Krieg' drohen 15 Jahre Gefängnis. Keine Ahnung, nur wage Vermutungen, was dieser mutigen Frau noch droht."

Peter Wittkamp, Hauptautor bei  der heute-show online, bekennt:

"Es ist ziemlich leicht, sich zu Hause vor dem Fernsehen einzureden, im Ernstfall wäre man selbst sicher auch ein Held. Aber ich muss mir ganz klar eingestehen, ich wäre nicht so mutig wie #MarinaOvsyannikova."

Das Stadtmagazin München 24 twittert: "Wir verneigen uns vor #MarinaOvsyannikova , der bei ihrer mutigen Aktion bewusst war, dass ihr vom #Putin-Regime bis zu 15 Jahre Haft drohen."

Die TV-Moderatorin Ruth Moschner fragt die Sender RTL, Sat.1, ProSieben, ARD und ZDF, ob man #MarinaOvsyannikova nicht einen Job anbieten könne.

Volker Wissing, Bundesminister für Digitales und Verkehr, schreibt auf Twitter:

#MarinaOvsyannikova, eine Kämpferin für Frieden und Freiheit! Es sind diese Beispiele von Mut, Entschlossenheit und Zivilcourage, die Hoffnung machen.

Der Kameramann und Fotograf Olaf Jahnke fordert:

#MarinaOvsyannikova Gerade auch im Heute Journal Mutiger Auftritt im russischen Fernsehen. Auf dem Plakat steht: "Stoppt den Krieg. Glaubt keiner Propaganda. Hier belügen sie euch." Das Mindeste ist, dieses Foto zu teilen, im Sinne dieser mutigen Frau!

Hintergrund: Der Kreml hat einem dpa-Bericht zufolge die Kritik einer Mitarbeiterin des russischen Staatsfernsehens am Krieg von Präsident Wladimir Putin gegen die Ukraine scharf verurteilt. "Was dieses Mädchen angeht, das ist Rowdytum", wird Kremlsprecher Dmitri Peskow am Dienstag von der Agentur Interfax zitiert. Der Fernsehsender müsse die Angelegenheit regeln, es sei nicht Aufgabe des Kreml.

Es war auch am Tag nach dem Zwischenfall unklar, wo die Journalistin sich aufhielt. Anwälte hatten mitgeteilt, es fehle jeder Kontakt zu ihr, heißt es bei dpa.

In russischen Staatsmedien ist es untersagt, von Krieg zu sprechen. Die russische Staatsführung nennt das Vorgehen eine "militärische Spezial-Operation" zur "Entmilitarisierung" und zur "Entnazifizierung" der Ukraine. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bedankte sich bei Owsjannikowa.

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