"Putins überlegener Gegner": Gabor Steingart über die neue Macht der sozialen Medien

15.03.2022
 

"Es ist an der Zeit, die sozialen Medien zu rehabilitieren. Neben all dem faktischen Unfug und der Überdosis an Bösartigkeit, die hier täglich verspritzt wird, zeigen sie uns in dieser Situation das, was kein Fernsehsender uns zeigt: die unmittelbare Rohheit des Krieges", schreibt Gabor Steingart in seinem Morgen-Newsletter.

"Die Berichterstattung von unten" funktioniert nach Ansicht von Gabor Steingart. "Wir sehen Bilder aus der Entbindungsstation in Mariupol, hören die Monotonie der Raketenwerfer vor den Toren von Kiew und schauen zu, wie die kleine Amelia im Luftschutzbunker das Lied 'Let it Go' aus dem Disney-Film 'Frozen' anstimmt."

Es gehe hier nicht um Voyeurismus. Es gehe um Journalismus als Prinzip der Wahrheitsfindung. "Wir sind nicht mehr allein angewiesen auf die Depeschen der Militärs, auf die Propaganda der verschiedenen Kriegsparteien und die Ferndiagnose pensionierter Generäle in deutschen TV Studios. Putin spricht. Der Westen schweigt. Und die Ukrainer widersprechen. Und sie werden laut und immer lauter", so Steingart in seinem Newsletter "The Pioneer Briefing".

Anders als die meisten der internationalen Fernsehgesichter, "die sich, als es ungemütlich wurde, aus dem Kriegsgebiet in ihr Hotelzimmer zurückgezogen haben", seien die Reporter des wahren Lebens vor Ort geblieben, beobachtet Steingart. "Sie sitzen im Luftschutzbunker. Sie haben sich in den noch nicht zerstörten Teil ihrer Wohnung begeben. Sie sind auf der Flucht. Sie sind im Widerstand. Sie sind mal laut, mal subversiv. Sie sind eine Guerilla-Armee der Kriegsbetroffenen, die bewaffnet mit Handy, Webcam und Laptop die Schlacht ihres Lebens schlagen."

Wladimir Putin kämpfe nicht mehr gegen eine deutlich unterlegene ukrainische Militärstreitmacht. Er kämpfe auch gegen eine deutlich überlegene ukrainische Zivilgesellschaft, die sein Narrativ von der einen russischen Nation zerstöre, noch bevor seine Panzer die Hauptstadt Kiew überhaupt erreicht hätten.

Steingart bezeichnet Wolodymyr Selenskyj als Feldherrn der öffentlichen Meinung. Erst die sozialen Medien hätten ihn dazu gemacht. Seine Waffen hießen nicht Su-27 und Kalaschnikow, sondern Instagram, Twitter, Facebook und Telegram. Er feuere zu allen Tageszeiten aus den ihm zugänglichen multimedialen Rohren.

Für Steingart verkörpern die sozialen Medien und ihre Protagonisten eine neue Macht:

"Die Vereinzelung der Opfer wird überwunden. Der militärischen Grausamkeit wird der Schleier vom Gesicht gerissen. In der Ukraine erleben wir, so hat es Diana Kinnert beobachtet, dass vielen Menschen die Freiheit der Gesellschaft wichtiger ist als das eigene Leben. Sie bekämpfen ihn - und beschämen uns. Die gute Nachricht inmitten einer bitterbösen Zeit ist diese: Selbst wenn Putin am Ende das Stück Land bekommt, neue Untertanen bekommt er nicht."

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