Kurt Kisters leidenschaftliches Pladoyer für den Einsatz von Auslandskorrespondenten

 

Kurt Kister, vormals Chefredakteur, jetzt pointierter Autor der Süddeutschen Zeitung, kritisiert in einem Debattenbeitrag die Berichterstattung vieler Medien aus dem Ukraine-Krieg. Und die Sparwut der Verlagsmanager. Augenzeugenberichte seien wichtig, Auslandskorrespondenten vor Ort dagegen zur Einordnung unerlässlich.

Das Meinungsstück mit dem Titel "Berichten und sterben" nimmt die traurige Nachricht zum Ausgangspunkt, dass sich unter den Opfern des Kriegs in der Ukraine bereits mindestens fünf getötete Journalistinnen und Journalisten befinden, die vor Ort im Einsatz waren. Mit weiteren Todesfällen ist zu rechnen, weltweit kamen im vergangenen Jahr laut "Reporter ohne Grenzen" 36 Journalistinnen und Journalisten ums Leben, als sie ihrem Beruf nachgingen und sich in Gefahr begaben.

Was die Berichterstattung über den Ukraine-Krieg angeht, sieht Kurt Kister enorme Unterschiede in den jeweiligen Perspektiven - ob sie tatsächlich Rezipienten über Augenzeugenberichte etwa der sozialen Medien erreichen, ob Reporterinnen und Reporter vor Ort unterwegs sind oder ob aus der geschützten Position eines Newsrooms oder Nachrichtenstudios Informationen gesammelt werden.

"Sich der Wahrheit, oder besser: den Wahrheiten, in einem Krieg anzunähern, ist ein schwieriges, gefährliches Geschäft", schreibt Kister in dem "SZ"-Text. "Journalistinnen und Reporter bemühen sich darum. Die einen, eher wenigen, tun es, oft unter Lebensgefahr, im Kriegsgebiet; die anderen, eher vielen, tragen am ungefährlichen Schreibtisch Nachrichten und Bilder zusammen, kommentieren und analysieren."

Dabei hält der streitbare langjährige "SZ"-Chefredakteur, der selbst auf Erfahrungen als Kriegs- und Krisenberichtserstatter zurückgreifen kann, die Anwesenheit von Auslandskorrespondenten vor Ort für unerlässlich.

"Wer Leben und Gesundheit aufs Spiel setzt, macht nicht unbedingt und in jedem Fall 'besseren', gar höherwertigen Journalismus, als die, die zu Hause bleiben. Ohne die Korrespondentinnen und Reporter 'draußen' oder gar 'vorne' (ein 'hinten' gibt es in der Ukraine kaum), funktioniert die Berichterstattung aber nur mangelhaft", so Kurt Kister.

"Eine noch so kenntnisreiche, verständige und verständliche sowie einfühlsame Betrachtung aus der relativen Ferne kann die Eindrücke aus der Nähe zwar ergänzen, aber keinesfalls ersetzen. Nicht jede Augenzeugenschaft vermittelt Wahrheit. Ohne Augenzeugenschaft aber gibt es nur noch die Herrschaft jenes so oft gehörten Satzes: 'Der Wahrheitsgehalt dieser Aussage ist aus unabhängigen Quellen nicht zu bestätigen.'"

Wichtiger sei, dass Auslandskorrespondenten sich selbst ein möglichst unverstelltes Bild machten und das in ihre Heimatredaktionen übermittelten. Seine Einschätzung lässt Kister in einer bitteren, vermutlich in Teilen auch ans eigene Haus gerichtete Kritik an den Sparpraktiken vieler Medienunternehmen gipfeln:

"Wer behauptet, in der digitalisierten Welt würden Auslandskorrespondentinnen und reisende Reporter überflüssig, versteht entweder die handwerklichen und die ethischen Hintergründe von Journalismus nicht oder ist ein kostendrückender Verlagsmanager. Manchmal kommt beides zusammen", schreibt Kister.

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