Journalistin Owsjannikowa im Spiegel-Interview: "Es ist unmöglich, die Propaganda zu ertragen"

17.03.2022
 

Die russische TV-Journalistin Marina Owsjannikowa protestierte live in der wichtigsten Nachrichtensendung des Landes gegen den Krieg in der Ukraine. Der Spiegel sprach mit Owsjannikowa über den Moment, der ihr Leben veränderte, und wie man es als Journalist aushält, für die Staatspropaganda zu arbeiten.

"Mein Leben hat sich für immer verändert, das begreife ich erst langsam. Ich kann nicht mehr zurück in mein altes Leben. Ich mache mir jetzt wirklich große Sorgen um meine Kinder, meinen Sohn, 17 Jahre, meine Tochter, 11. Ich nehme Beruhigungsmittel. Die beiden sind nicht bei mir hier, aber in Moskau, befinden sich in Sicherheit. Wir werden in Russland bleiben, hier weiter leben", sagt Marina Owsjannikowa im Interview mit Spiegel-Moskau-Korrespondentin Christina Hebel

Owsjannikowa, die sich derzeit bei Freunden verteckt, beteuert, sie sei Patriotin, ihr Sohn ein noch viel größerer. Das Asylangebot von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron will sie nicht annehmen: "Wir wollen auf keinen Fall weg, nirgendwo hin auswandern."

Die Redakteurin des russischen Staatsfernsehens hatte am Montagabend in den Hauptnachrichten des Ersten Kanals ein Protestplakat gegen den Krieg in der Ukraine in die Kamera gehalten. Auf dem Plakat war auch zu lesen, dass die Zuschauer "hier belogen" werden. Zudem bezeichnete Owsjannikowa den russischen Angriff auf die Ukraine in einem separat aufgenommenen Video als Verbrechen. Ihre Aktion hat für weltweite Anerkennung gesorgt, auch in deutschen Medien und bei hiesigen Medienprofis wurde die Journalistin als Heldin gefeiert (kress.de berichtete).

Im Spiegel sagt Owsjannikowa, sie stehe nun "zwischen den Fronten". Ihr Sohn habe ihr nach ihrer Protestaktion vorgeworfen, dass sie das Leben ihrer ganzen Familie zerstört habe. Dazu gebe es die offizielle öffentliche Meinung, die gegen sie sei, eine zunehmende Konfrontation in der Gesellschaft, die gespalten sei: in diejenigen, die den Krieg unterstützten, und diejenigen, die ihn ablehnten. 

Das Bewusstsein für eine Realität jenseits der offiziellen Sicht der russischen Staatsführung habe sie auch im Umgang mit Auslandsnachrichten und ausländischen Medien entwickelt. "Ich verstehe, dass jeder Staat für seine Interessen kämpft, wir uns in einem Informationskrieg befinden", so die Journalistin. "In unserem Land hatte die Staatspropaganda aber schon vor dem Krieg in der Ukraine schreckliche Formen angenommen. Jetzt mit Beginn des Krieges ist es unmöglich, die Propaganda zu ertragen."

Sie habe bei ihrer Arbeit "das ganze Bild gesehen", berichtet Owsjannikowa im Spiegel. Sie habe die ukrainischen Flüchtlinge gesehen, die jetzt in Polen und anderswo sind. Sie habe die Ukrainer gesehen, die durch den Krieg alles verloren hätten, ihre zerstörten Wohnhäuser, all die Verletzten und Toten. "Die Aufnahmen der internationalen Agenturen liefen ständig bei uns auf den Bildschirmen ein. Gezeigt haben wir die Bilder im Ersten Kanal nicht. Auch nicht von unseren Toten", sagt die Journalistin.

Über ihre Kollegen, die für das Staatsfernsehen arbeiteten, erzählt Owsjannikowa, dass diese sehr genau verstünden, was vor sich ginge. Diese seien keine überzeugten Propagandisten, sie wüssten nur allzu gut, dass sie etwas Falsches machten. "Sie wissen, dass der Erste Kanal lügt, viele der Staatssender lügen". Die Kollegen müssten aber ihre Familie ernähren, sie wüssten, dass sie im derzeitigen politischen Klima keinen anderen Job finden würden. Owsjannikowa stimmt es aber froh, dass - neben ihr - nach und nach auch andere Kollegen von Staatssendern kündigen würden.

Für ihre Protest-Aktion war Owsjannikowa bereits am Dienstag zu einer Geldstrafe von 30 000 Rubel, rund 226 Euro, verurteilt worden. Möglicherweise droht ihr aber noch eine weitere Strafe: Es seien Ermittlungen wegen der angeblichen Verbreitung von Lügen über Russlands Streitkräfte aufgenommen worden, meldete die Staatsagentur Tass unter Berufung auf eine Quelle in den Ermittlungsbehörden. Befürchtet wurde, dass Owsjannikowa doch noch nach dem neuen Mediengesetz belangt werden könnte, das bis zu 15 Jahre Haft vorsieht.

Sie sagt dazu im Gespräch mit dem Spiegel:

"Natürlich habe ich Angst, sogar große. Ich bin ja ein Mensch. Es kann alles passieren, ein Autounfall, alles, was die wollen, dessen bin ich mir bewusst. Aber das ist meine Position als Bürgerin, es handelt sich um Krieg. Verstehen Sie, ich habe bereits den Punkt überschritten, an dem es kein Zurück mehr gibt. Ich kann nun offen und öffentlich so sprechen."

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