Abgekämpft, aufgewühlt oder abgeklärt: So unterschiedlich gehen Medienprofis mit der Weltlage um

 

Erschöpft von Zukunftsängsten, Kurzarbeit und Auftragseinbrüchen - oder erfolgreich und trotz der Weltlage glücklich und erfüllt. Medienprofis erleben die aktuelle Situation sehr unterschiedlich. Mediencoach Attila Albert über drei häufige Perspektiven und was sich jeweils empfiehlt.

Die Gespräche, die ich in diesen Tagen mit Medienprofis aus Journalismus, PR und Unternehmenskommunikation führe, könnten nicht unterschiedlicher sein. Manche sind angesichts der Weltlage völlig aufgewühlt und zerfahren. Selbst alltäglichste Erledigungen - etwa der Gang zur Bank oder Post - fallen ihnen schon schwer, von größeren beruflichen Projekten gar nicht zu reden. Ihre Gedanken kreisen immer wieder um die Nachrichten. Andere scheinen davon völlig unberührt. Sie berichten von spannenden Aufgaben und damit verbundenen Herausforderungen, freuen sich über ihren Partner, die Familie und auf den nächsten Urlaub. Sie verfolgen mit, was passiert, ohne aber davon überwältigt zu sein.

Grundsätzlich ist es normal und bekannt, dass Menschen sehr unterschiedlich mit Belastungssituationen umgehen, seien sie individuell oder allgemein. Mit meinen Coaching-Klienten nutze ich ein psychologisches Assessment, um entsprechende Stärken und noch ungenutztes Potenzial bei der Bewältigungskompetenz zu ermitteln. Denn nur wer in Krisen nicht von Ängsten oder gar Panik gelenkt wird, kann selbstbestimmte und überlegte Entscheidungen fällen, die auch langfristig tragen. Im Detail sieht jeder die Dinge immer etwas anders. Aber drei Situationen begegnen mir in diesen Tagen unter Medienprofis besonders häufig - für jede empfiehlt sich ein anderes Vorgehen.

Abgekämpft: Neue Reserven aufbauen

Viele Medienprofis sind erschöpft - oft nicht nur seelisch, sondern auch finanziell. Ihr Einkommen war in den vergangenen beiden Corona-Jahren geringer, sei es durch Kurzarbeit (Angestellte) oder weniger Aufträge (Freiberufler). Gleichzeitig steigen die Preise, etwa für Strom, Heizung, Benzin und Lebensmitteln. Nicht wenige mussten zusätzliche Herausforderungen hinnehmen, etwa eine eigene Erkrankung, die Pflege eines Angehörigen oder eine Trennung. Das Problem: Die schwierigen Zeiten gehen weiter, nun wegen des Ukraine-Krieges mit allen seinen Folgen auch für uns. Eine allgemeine Erholung ist vorerst nicht in Sicht.

Das bringt Sie jetzt weiter: Erholen Sie sich und bauen Sie neue Reserven auf - als höchste Priorität, um wieder stärker zu werden. Verschieben Sie dafür Hilfen für andere so weit, wie es Ihnen nur möglich ist, und zwar ohne schlechtes Gewissen. Sie sollten sich jetzt nicht einmal gedanklich mit den Problemen anderer beschäftigen, sondern sich um Ihre kümmern und ansonsten gezielt positive Ermutigungen (z. B. Ruhe, Natur, Kunst) suchen. Ihre nächsten Schritte werden bescheiden sein, z. B. wieder aktiver im Berufsleben und beim Netzwerken aufzutreten. Machen Sie sich deswegen keine Vorwürfe, gehen Sie Ihren Möglichkeiten entsprechend vor.

Aufgewühlt: Mehr inneren Abstand schaffen

Anderen sind alle Gewissheiten - damit Orientierung - abhanden gekommen, und sie blicken der Zukunft mit großen Ängsten entgegen. Für manchen Medienprofi laufen befürchtete Klima- und Atomkatastrophen (wieder Tschernobyl), Wirtschaftskrise, Inflation und ein ausgedehnter Krieg zu einer allgemeinen Untergangsstimmung zusammen. Sie flüchten sich in erregte Diskussionen und emotionale Ausbrüche auf Social Media, die erkennbar eher der eigenen Neufindung und Beruhigung dienen. Das Problem: Sie beschäftigen sich mit der ganzen Welt und erschöpfen sich dabei. Gleichzeitig bleiben Ihre eigenen Aufgaben liegen.

Das bringt Sie jetzt weiter: Eine strenge Nachrichten- und Social-Media-Diät. Wenn das beruflich nicht möglich ist (weil Sie z. B. in einem Nachrichtenressort arbeiten), dann privat. Es ist auch nicht ehrenrührig, den Wechsel in ein anderes Ressort anzustreben, wenn Sie sich seelisch überlastet fühlen und zumindest zeitweise Abstand brauchen. Beschäftigen Sie sich überwiegend mit ermutigenden, positiven Aspekten des Lebens. Wollen Sie helfen, tun Sie etwas praktisch - nicht digital bzw. verbal. Gelingt Ihnen das über mehrere Wochen nicht, sollten Sie eine therapeutische oder geistliche Begleitung in Betracht ziehen.

(Wenn Sie sich antriebs- und ideenlos, finden Sie Empfehlungen dafür beim Presseclub München in einem Beitrag von mir, den Sie sich hier als PDF herunterladen können.)

Abgeklärt: Eine Stütze für andere sein

Gleichzeitig gibt es Medienprofis, bei denen praktisch Normalität herrscht. Sie kümmern sich um ihre beruflichen und privaten Aufgaben, ohne davon überlastet zu sein. Verfolgen die Weltlage schon aufmerksam mit, ohne aber davon stark beeinflusst oder gar überfordert zu sein. Oft liegen sogar zwei ausgesprochen erfolgreiche Jahre hinter ihnen - Beförderungen, abgeschlossene Weiterbildungen, schöne Reisen. Das Problem: Andere sehen sie mit Neid oder unterstellen ihnen Desinteresse und Egoismus. Bald wagen sie deshalb kaum noch, von den glücklichen, nun scheinbar banalen Seiten ihres Lebens zu erzählen.

Jetzt empfehlenswert: Lassen Sie sich nicht davon einschüchtern, dass manche meinen, verbissen und rechthaberisch würde man Probleme besser lösen. Das werden später die ersten sein, die wegen Erschöpfung ausfallen und selbst Hilfe brauchen. Wer sich nicht immer auch wieder regeneriert und die schönen Seiten des Lebens sieht, wird langfristig selbst zur Belastung und verliert jede Zuversicht. Zeigen Sie gleichzeitig Empathie, indem Sie sich z. B. für andere engagieren, soweit Sie das für sinnvoll und möglich halten. Sie müssen sich dabei nicht verausgaben, zwei Stunden pro Monat wären ein guter Start.

Meine grundsätzliche Empfehlung ist immer ein moderates, ganzheitliches und nachhaltiges Lebensmodell. Das bedeutet: Tun Sie Gutes, tun Sie aber auch sich selbst etwas Gutes. Helfen Sie, aber nur so weit, dass Sie nicht bald selbst Hilfe brauchen. Und jede praktische eigene Tat, sei sie noch so klein und scheinbar unbedeutend, wiegt hundert Absichtserklärungen und Forderungen an andere auf.

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis bei beruflichen Veränderungen. Er hat mehr als 25 Jahre journalistisch gearbeitet, u.a. bei der Freien Presse, bei Axel Springer und Ringier. Begleitend studierte er BWL, Webentwicklung und absolvierte eine Coaching-Ausbildung in den USA. www.media-dynamics.org.

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