Sebastian Matthes: Wie der "Handelsblatt"-Chef die "Generation Biontech" einfangen will

 

Sebastian Matthes ist seit einem Jahr "Handelsblatt"-Chefredakteur. Im Interview mit dem kress-Schwestermagazin "Wirtschaftsjournalist" spricht er über den Ausbau seines Technologieteams und kündigt an, weitere Korrespondenten einzustellen. Die Wirtschaftszeitung will er zum "Medium der Generation Biontech" machen.

Auszug aus dem Interview im aktuellen Wirtschaftsjournalist:

Wirtschaftsjournalist: Herr Matthes, vor einem Jahr wurden Sie überraschend zum Chefredakteur des "Handelsblatts". Müssen Sie sich manchmal kneifen, dass das alles tatsächlich wahr geworden ist?

Sebastian Matthes: Eigentlich ja, oft bleibt mir nicht die Zeit dafür. Aber die Aufgabe macht mir riesigen Spaß, ich hat- te noch nie in meinem Berufsleben so sehr das Gefühl, das zu machen, was ich im- mer wollte.

Viele hatten Sie für den Job nicht auf der Karte. Nach der Berufung gab es Zweifel. Haben Sie die Skepsis gespürt?

Ich habe gelesen, dass in ein oder zwei Artikeln damals Zweifel geäußert wurden. Die große Mehrheit der Reaktionen aber war Zuspruch – intern wie extern – weil mit meiner Personalie der künftige Kurs klar war. Und offenbar wurde mir der Job ja auch zugetraut. Insofern war das eher eine theoretische Diskussion für mich.

Anders als Ihre Vorgänger sind Sie im politischen Berlin nicht vernetzt. Auch bei den großen Konzernen hatten Sie kein nennenswertes Netzwerk.

Bei den Konzernen hatte ich damals schon ein ordentliches Netzwerk, außerdem beschäftige ich mich seit vielen Jahren mit der Szene der jungen Wachstumsunternehmen in der Technologie- und Innovationsszene und glaube auch, dass mein Netzwerk in Berlin ganz gut ist. Die Interviews, die wir haben wollen, die bekom- men wir auch.

Haben Sie sich eigentlich um den Job beworben?

Nein. Ich glaube auch nicht, dass das ein Job ist, um den man sich bewerben kann.

Ihr Verleger Dieter von Holtzbrinck ist dafür bekannt, dass er seinen Redaktionen eigentlich nicht reinregiert. Abgesehen von Gabor Steingart, den er 2018 wegen eines Kommentars gefeuert hat. Wie stark mischt er sich bei Ihnen ein?

Wir tauschen uns sehr regelmäßig, mindestens einmal im Quartal, über die strategische Weiterentwicklung des "Handelsblatts" aus. Da geht es dann mal um unser neues Layout für die Website und die Zeitung, das in den nächsten Monaten kommen wird, oder um Produktinnovationen. Inhaltlich mischt sich Dieter von Holtzbrinck nie ein.

Er kommentiert die Inhalte gar nicht?

Wenn überhaupt, dann nur den generellen redaktionellen Kurs.

Das "Handelsblatt" ist eine Traditionsmarke. An der Spitze gab es immer erfahrene Journalisten. Der Chef war eine Galionsfigur – von Ziesemer über Steingart bis Afhüppe. Wer oder was sind Sie?

Solche Bewertungen überlasse ich anderen. In jedem Fall bin ich ein Teamplayer, der zusammen mit sehr fähigen Kolleginnen und Kollegen an der Zukunft des "Handelsblatts" arbeitet. Denn ich bin überzeugt davon, dass Wirtschaftsjournalismus in Zukunft noch eine viel größere Rolle spielen kann – und muss.

Wie soll das gelingen?

Es geht um Journalismus. Vielleicht ging es noch nie so sehr um Journalismus. Die großen Titelgeschichten sind noch wichtig und bleiben es auch. Aber es kommt immer mehr auf jeden einzelnen Text an. Wir müssen im Digitalen jeden Tag und jede Stunde unsere Leserinnen und Leser mit jedem einzelnen Text immer wieder neu überzeugen. Wenn wir sie langweilen, dann sind sie weg.

Genauer bitte!

Wir sind gerade dabei, sehr genau zu verstehen, was unsere Zielgruppen von uns erwarten. Wir analysieren, zu welchen Themen Leserinnen und Leser sekunden-aktuelle News erwarten, in welchen Feldern lange Analysen – und zu welcher Zeit all das auf der Website stehen muss. Mittlerweile sind mehr als drei Viertel unserer zahlenden Nutzer Digitalabon-nenten. Das "Handelsblatt" wird deshalb immer mehr von einer reinen Tageszei-tung zu einer 24/7-Newsplattform, die rund um die Uhr aus allen Teilen der Welt exklusiven und investigativen Wirtschaftsjournalismus bietet. Und in diesem Transformationsprozess wird exzellenter Journalismus noch viel wichtiger, weil wir noch viel mehr Leserinnen und Leser dazu bewegen wollen, für unsere Inhalte zu bezahlen.

Unterscheiden Sie sich da groß von Ihren Vorgängern? Da ging es doch auch um Journalismus.


Wir haben unsere inhaltliche Strategie deutlich geschärft. In den vergangenen Jahren hat das "Handelsblatt" versucht, sehr vieles zu sein. Im politischen Bereich ist es sehr breit geworden. Wir haben uns nun die Frage gestellt: Wofür wollen wir eigentlich wirklich stehen? Was soll das "Handelsblatt" sein in Zukunft?

Nämlich?

Wir werden mehr und mehr zu der Plattform, auf der die Menschen erfahren, wie die Zukunft der Wirtschaft aussieht. Welche Innovationen Unternehmen und Geschäftsmodelle und letztlich das Leben von uns allen verändern werden. Dazu kommt die Frage, wie der gigantische grüne Umbau der Wirtschaft erfolgen soll. Wir sprechen hier vom größten Umbau der Wirtschaft seit der industriellen Revolution. Diese Themen treiben wir voran. Und ich denke, diese Akzente wurden in der Vergangenheit so nicht gesetzt.

War das "Handelsblatt" altmodisch?

Nicht unbedingt, aber wir leben in einer sehr spannenden Zeit. Die Wirtschaft steht gerade vor der zweiten Welle der Digitalisierung. Die erste Welle war das Konsumenten-Internet mit E-Mails, Videos und E-Commerce. Jetzt kommt die zweite Welle. Jetzt werden Geschäftsprozesse digitalisiert und Fabriken automatisiert. In die- sen Feldern sind interessanterweise deutsche und europäische Technologieunternehmen sehr stark. Das heißt, die deutsche Wirtschaft hat allerbeste Chancen, eine extrem wichtige Rolle in dieser neuen Phase zu spielen. Wir wollen das "Handelsblatt" zu dem Medium machen, das die Wirtschaft der Zukunft verstehen will.

Was heißt das?

Wir wollen das Medium der Generation Biontech sein, von Menschen, die Innovationen als Chance begreifen und die Zukunft der Wirtschaft prägen werden – sei es in einem Konzern, bei einem Mittelständler, in einem Start-up – oder in der Verwaltung.

Wie setzen Sie das um?

Wir haben unser Technologieteam deutlich ausgebaut und verstärken uns auch mit Korrespondentinnen und Korrespondenten dort auf der Welt, wo die wichtigsten Innovationen entstehen – für einen ersten Schritt in den USA und China, weitere Standorte werden aber folgen. Wir versuchen dabei, die besten journalistischen Köpfe für diese Themen an uns zu binden. Denn wir können die tollsten Dashboards haben: Wenn wir nicht die besten Journalistinnen und Journalisten aus diesen Themengebieten beschäftigen, wird die Strategie nicht aufgehen. Dafür bauen Sie die Redaktion um. Ja. Wir haben im vergangenen Jahr angefangen, die redaktionellen Ressourcen stark in Richtung Technologie und Inno- vationen zu verschieben. Gleichzeitig ar- beiten wir an neuen Newslettern, Podcasts und Videoformaten. Und wir bilden neue, ressortübergreifende Teams: Das erste wird von Kathrin Witsch und Klaus Stratmann geleitet, und befasst sich mit dem grünen Umbau der Wirtschaft und der Energiewende.

[...] Das Gespräch mit Sebastian Matthes ist ein Auszug aus einem langen Interview mit dem Wirtschaftsjournalist, erschienen in der Ausgabe 1/2022. Darin verrät der "Handelsblatt"-Chefredakteur auch, wie er die Zahl der Digtial-Abonnenten steigern will und welche Geschichten besonders gut ziehen. Hier können Sie die "Wirtschaftsjournalist"-Ausgabe mit dem Matthes-Interview bestellen.

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