Warum ein Chefredakteur sehnlichst auf die Hilfe von Maschinen wartet

 

Künstliche Intelligenz und Automatisierung werden sich in den kommenden Jahren in der Branche rasant ausbreiten. "Ich kann es kaum erwarten", sagt kress pro-Chefredakteur Markus Wiegand im Editorial zur neuen Ausgabe.

Aus dem Editorial im aktuellen kress pro, dem Magazin für Führungskräfte in Medien:

Ich find's ein bisschen schade, dass die künstliche Intelligenz (KI) noch so rückständig ist, dass ich dieses Editorial selbst schreiben muss. Viel lieber hätte ich einer Software gesagt, welchen Text ich gerne hätte. Etwa so: sanft-ironische Unterhaltung zum Einstieg (wenn möglich nicht zu platt), dann einige ernsthafte Gedanken zum Thema KI (gerne über meinem intellektuellen Niveau) und als Ausstieg ein Hinweis auf den European Publishing Congress, der im Juni endlich wieder vor Ort in Wien stattfinden kann (nicht zu werberisch, aber mit Call-to-Action bitte). Dann hätte ich gerne noch, dass möglichst wenige Formulierungen auftauchen, die ich schon in den vergangenen Editorials häufig verwendet habe. Fertig.

Falls Sie jetzt denken: Dieser Wiegand ist doch Journalist. Wo bleibt da die Freude am Schreiben? Dann sind Sie ziemlich sicher kein Journalist. Dass Schreiben nämlich Spaß macht, glauben meiner Erfahrung nach nur Menschen, die das beruflich nicht machen müssen. Schreiben macht mir in etwa so viel Spaß wie kalt duschen. Das wohlige Gefühl stellt sich erst ein, wenn es vorbei ist.

Ich war während der Recherche zur Titelgeschichte dieser Ausgabe (Seite 14) etwas irritiert, dass so viele Quellen beim Thema KI und Automatisierung gebetsmühlenartig und ständig betont haben, dass die vielen Anwendungen, die sich künftig rasant ausbreiten werden, nur zur Unterstützung gedacht sind, um Menschen von lästigen Routinearbeiten zu befreien. Die Botschaft: Keine Sorge, Sie werden nicht ersetzt.

Das ist ein ziemlich mutloses Denken. Ich bin überzeugt, dass der Journalismus besser wird, wenn wir unsere Zeit nicht mehr damit verplempern müssen, etwa Interviews abzutippen oder irgendwelche Texte und Bilder per Copy-Paste von hier nach da zu schieben. Außerdem versetzt uns die Technologie zum ersten Mal in die Lage, den Leserinnen und Lesern die Inhalte zu liefern, die sie wirklich wollen. Das Ende des Bauchgefühls ist der Anfang von Journalismus, nicht das Ende.

Ich persönlich mache mir ohnehin keine Sorgen, durch eine Maschine ersetzt zu werden. Ein Großteil meines Jobs besteht aus Telefonieren. Den Hörer zu greifen und an das Ohr zu führen, ist motorisch ein ziemlich komplexer Vorgang. Roboter tun sich da noch schwer. Von der Recherche ganz zu schweigen. Würden Sie ein vertrauliches Gespräch mit einer Maschine führen? Eben.

Beim Blattmachen wiederum hätte ich zuletzt gerne Hilfe in Form künstlicher Intelligenz in Anspruch genommen. Der Krieg in der Ukraine hat die ursprüngliche Planung ziemlich über den Haufen geworfen. Und die Frage lautete: Wie stark setzen wir auf das Thema? Was erwartet die Zielgruppe? Wir haben uns schließlich entschlossen, die Auswirkungen des Krieges auf die Branche kurzfristig an vielen Stellen aufzunehmen: Wie helfen Medien den Menschen in der Ukraine? (Seite 60.) Was heißt das Ganze für den Werbemarkt? (Seite 68.) Warum hat ntv.de seit Kriegsbeginn größere Reichweitenzuwächse als die Konkurrenz? (Seite 56.) Warum gründet das Start-up "Katapult" eine eigene Redaktion für die Ukraine? (Seite 46.) Auf den Titel aber haben wir das Thema KI und Automatisierung gehoben. Ganz einfach, weil ich glaube, dass wir Ihnen damit auch in dieser außergewöhnlichen Situation am meisten weiterhelfen können.

PS: Ich erwarte nicht, dass es bald eine Software geben wird, die Editorials schreibt. Wenn Sie aber einen Tipp für eine echt gute Transkriptionssoftware von Telefoninterviews haben, lade ich Sie zum Essen ein. In ein Restaurant Ihrer Wahl.

Anmelden für den European Publishing Congress

Wir freuen uns: Der European Publishing Congress findet am 19. und 20. Juni 2022 im Palais Niederösterreich in Wien statt. Mit persönlichen Begegnungen vor Ort. Die besten Medienmacherinnen und -macher Europas präsentieren ihre Strategien und sprechen über die Zukunft der Branche. Alle Infos unter: https://www.publishing-congress.com Wenn Sie mich in Wien am Rande des Kongresses treffen wollen, bitte eine kurze E-Mail an: markus.wiegand[at]kresspro.de.

Die Titelthemen in kress pro 2/2021:

Wie Verlage KI heute schon nutzen: Ippen-Digital-CTO Markus Fanz ist begeistert von den neuen Möglichkeiten. 20 Anwendungen zu KI & Automatisierung in den Medien, die Führungskräfte kennen sollten.

Ranking: Die 20 besten TV-Manager Deutschlands

Digitalvertrieb: Warum die "Zeit" mit ihrem Bezahlmodell so erfolgreich ist. Was man sich davon abschauen kann.

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