Ippen-Digital-CTO Markus Franz im Interview: Wie KI das Publishing voranbringt

12.04.2022
 

Markus Franz, Chief Technology Officer von Ippen Digital, ist begeistert von der "schwachen künstlichen Intelligenz". Im Interview mit kress pro erklärt er, wie Redaktion, Leser- und Werbevermarktung von KI profitieren.

Auszug aus dem Titelinterview in kress pro, dem Magazin für Führungskräfte in Medien:

Herr Franz, Warum ist Ihnen künstliche Intelligenz solch ein Anliegen?

Markus Franz: Weil wir um dieses Thema nicht herumkommen. Es hat ein Momentum und kann unsere Branche enorm voranbringen. Allerdings sollten wir zunächst eine Begrifflichkeit klären.

Ich vermute, Sie wollen KI präzise definieren?

Künstliche Intelligenz ist ein Marketing-Wort, und es wird sehr theoretisch darüber diskutiert. Eine umfassend funktionierende KI, die Auto fahren, Kaffee kochen und Schach spielen kann, wird irgendwann kommen, aber nicht so schnell. Bezogen auf Publishing reden wir von "Weak AI", also einer schwachen künstlichen Intelligenz, die sich auf eine bestimmte Aufgabe fokussiert und zum Beispiel Artikel zusammenfassen oder Texte übersetzen kann. Das ist heute schon in beeindruckender Weise möglich.

Wie setzen Sie diese Form der "schwachen KI" bei Ippen Digital ein?


Publisher verfügen einerseits über zahlreiche Informationen, andererseits über sehr viele Benutzerdaten, aus denen hervorgeht, wie und welche Inhalte unsere Leserinnen und Leser konsumieren, wann und wie oft sie das tun. Das ist ein riesiger Fundus. Aus dieser Erkenntnis heraus haben wir vor sechs Jahren bei Ippen Digital eine Smart-Data-Initiative gestartet und verfolgen damit zwei Ziele: Wir wollen die redaktionellen Prozesse – von der Planung über Recherche bis zur Veredelung von Inhalten – unterstützen und eine bessere User Experience für unsere Leserschaft aufbauen.

Nehmen wir einen mittelständischen Publisher, der mit KI starten will. Wo und wie findet er solche Modelle?

Eine empfehlenswerte und große Anlaufstelle ist Hugging Face (https://huggingface. co/). Auf dieser Plattform stehen Texterkennung, Textzusammenfassung, Personalisierung spezielle Algorithmen zur Verfügung. Man kann also ein vorgefertigtes System übernehmen und veredeln.

Welche Überlegungen sollten Verantwortliche im Medienumfeld anstellen, wenn sie mit KI arbeiten wollen?

Grundsätzlich gilt: Wenn sich eine Aufgabe von einem Menschen in einigen Sekunden erledigen lässt, dann kann man das auch einer Maschine beibringen. Die schwache KI, über die wir sprechen, ist eine Erweiterung unserer Fähigkeiten. Es geht nicht darum, Kosten oder Stellen einzusparen, sondern Routinetätigkeiten der Maschine zu überlassen und somit Freiraum für das zu schaffen, was nur der Mensch kann: kreativ sein. Wenn KI dazu beiträgt, sollte man sich dafür entscheiden.

Seit Jahren ist KI ein Riesenthema. Dennoch hat sich die Branche bisher wenig verändert, abgesehen von Vermarktungsmethoden wie Programmatic Advertising. An welchem Punkt sind wir jetzt?

Schwache KI steht an der Schwelle zum Massenprodukt. Dafür gibt es zwei wesentliche Gründe. Erstens: Cloud Computing. Dadurch sind Ressourcen für rechenintensive Modelle entstanden, die für einzelne Unternehmen bezahlbar sind. Zweitens: Viele KI-Modelle sind auch für kleinere Publisher zugänglich geworden. Schauen Sie sich etwa Open-AI an, das zum Beispiel bei Spracherkennung, -verarbeitung und -verständlichkeit sehr stark ist und das als Service anbietet.

Wie können Publisher damit arbeiten?

Zum Beispiel, indem sie Question-Answering-Systeme nutzen. Der Algorithmus ist so trainiert, dass er zugrundeliegende Informationen nutzt, um Fragen zu beantworten. Ein Service, der gerade für Publisher mit ihren Bergen an Information sehr spannend ist. Leserinnen und Leser können Fragen stellen und erhalten, unbemerkt vom Menschen, maschinelle Antworten.

Auf welchen Themenfeldern bringt KI das Publishing besonders voran?

Redaktionell zum Beispiel in der Newsproduktion. KI hilft bei der Themenplanung, indem sie die Interessen der Leser erkennt und filtert, ebenso durch automatisierte Headlines und Textzusammenfassungen. Damit arbeiten wir bereits. Auch was heute als Roboterjournalismus bezeichnet wird, wird sich durchsetzen bei Themen wie Wetterprognosen oder Börsenberichten, weil hier strukturierte Grunddaten vorhanden sind.

Wie gut sind solche Anwendungen inzwischen?

Vor allem die englischsprachigen Modelle sind weit fortgeschritten, so dass man oft gar nicht unterscheiden kann, welcher Text von der Maschine oder vom Menschen stammt.

Wie kann KI die Recherche im redaktionellen Alltag unterstützen?

Wenn die Maschine gut trainiert ist, kann sie mehr leisten als klassische Suche. Zu längeren Texten oder Paragrafen wird der Algorithmus semantisch ähnliche Inhalte oder Dokumente finden. Auch das Recommender-System funktioniert, indem starke Ähnlichkeiten erkannt und daraus Empfehlungen zu Quellen, Dokumenten, Texten abgeleitet werden.

(...)

Im kompletten Interview mit Roland Karle spricht Markus Franz über KI-gestützte Formen der Personalisierung, gibt Tipps zur Auswahl von Dienstleistern und zur Einbindung der Mitarbeiter.
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Weitere Titelthemen in kress pro 2/2022:

  • 20 vorbildliche KI- und Automatisierungs-Lösungen in der Medienbranche
  • Warum das Bezahlmodell der Zeit so erfolgreich ist
  • Dossier Digitaler Vertrieb: Die Strategie der New York Times

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