Warum Ulf Poschardt Twitter mal wieder den Rücken kehrt

 

Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt hat das Twittern mal wieder eingestellt. Im Interview mit der Zeit erklärt er, warum die Plattform ihm nur noch schlechte Laune bereitet, und attackiert Kontrahenten wie Jan Böhmermann und Christian Drosten.

Poschardt (@ulfposh) ist mit knapp 97.000 Followern einer der reichweitenstärksten deutschen Medien-Twitterer mit erheblichem Polarisierungs-Potenzial: Er teilt gerne aus - und bekommt selbst viel Prügel, etwa wegen seiner Unterstützung des Welt-Kolumnisten Rainer Meyer alias Don Alphonso. So war es jedenfalls bisher - doch jetzt soll bis auf Weiteres Schluss mit den Twitter-Schlachten unter seiner Beteiligung sein: Poschardt hat das Twittern eingestellt.

"Ich habe Twitter geschätzt, weil ich das Gefühl hatte, es ist eine Art Debattierclub, ein freier Ort", sagt der Welt-Chef im Interview mit der Zeit. "Aber es entwickelte sich wie im Nachtleben: Wenn dir ein Club keine gute Laune mehr macht, wenn er dir nichts mehr gibt, dann gehst du da auch nicht mehr rein. Ich bin Hedonist, kein Masochist." Auf Twitter imitiere nur noch ein "mittelaltes Publikum" den Fight Club: "Das ist moralisches Luschentum für die, die zu feige sind, sich vor der Tür zu prügeln, wenn sie ein Problem mit Leuten haben. Twitter ist Gratismut in Potenz."

Der unmittelbare Anlass für Poschardts Rückzug von der Plattform sind die Reaktionen dort auf einen Kommentar von ihm in der Welt. In dessen Online-Fassung stand die Formulierung "super Holocaust-Überlebende und deren PR-Abteilungen in der ARD" - sie war offenbar wegen eines technischen Fehlers dorthin geraten. Dennoch hagelte es Kritik für Poschardt. "Wer mich kennt, hätte wissen können, dass ich so eine Formulierung niemals benutzt hätte", sagt er dazu. "Wie viele Menschen auf Twitter mir nur das Übelste unterstellen, wurde mir erst in dem Moment klar."

Poschardt beklagt auch eine "Diskursverschiebung" auf der Plattform: "Wenn Sie da eine Wahl abhalten würden, würden die Linken und die Grünen 90 Prozent holen". Der "selbstberauschte Twitter-Protestantismus" gehe ihm "ziemlich auf die Nerven": "Twitter ist eine national-moralistische Zauberbude voller Spießer, die mit aller Bitterkeit gegen Leute vorgehen, die anders auf die Welt schauen als sie selbst." Leute, die ihre Moral aggressiv vor sich hertrügen, seien aber oft besonders "bösartig": "All diese User, in deren Selbstbeschreibung steht: Antifaschist, Feminist. She/her – die haben im nächsten Moment kein Problem damit, 'Halt die Fresse, Springer-Presse' zu rufen, 'Poschardt in den Kofferraum' und so weiter."

Poschardt kritisiert in seinem Interview-Rant auch den Virologen Christian Drosten: Der soll einmal seine "Jünger" gegen ihn aufgehetzt haben und ihn "in einem Tweet persönlich seiner Meute zum Fraß vorgeworfen" haben. Auch der Moderator und Komiker Jan Böhmermann, ein weiterer Poschardt-Kritiker, bekommt sein Fett ab: Er sei der "bestbezahlte Regierungssprecher im Range eines Chefpredigers".

Seinen Kolumnnisten Don Alphonso, dem Hasskampagnen vorgeworfen werden, nimmt Poschardt indes in Schutz: "Don Alphonso hat wahrscheinlich mehr Morddrohungen erhalten als all seine angeblichen Opfer zusammen." Als Chefredakteur müsse er, Poschardt, sich vor seine Autoren stellen: "Don Alphonso ist ein grüner, vegetarischer Fahrradfahrer aus Bayern, der vielleicht seine Probleme mit dem urbanen, links-'liberalen' Mainstream hat. Wohltuend, dass es so einen überhaupt noch gibt. Aber man will ihn zerstören. Diese Täter-Opfer-Umkehr macht mich einigermaßen wütend."

Im November 2019 hatte der "Welt"-Chef schon einmal wortreich seinen Abschied von Twitter verkündet, war dann aber doch wieder zurückgekehrt. Auch diesmal hält er sich ein Hintertürchen offen und will seinen Account nicht löschen. Bis auf Weiteres tobt er sich aber lieber auf LinkedIn aus: "Da sind Leute, die sind an Erfolg interessiert. Da schreibt mir ein Landgerichtspräsident erfreut, dass er über meinen Kommentar gestolpert ist – statt die empörten Tini und Bini mit fünf Followern."

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