Berichterstattung über Ukraine-Krieg: "Man müsste sich trauen, auch einmal abzuwarten"

 

Frederik von Castell, Redaktionsleiter des Medienmagazins "Übermedien", appelliert in einem Interview an Redaktionen, in der Berichterstattung über den Ukraine-Krieg bei Unsicherheiten "eine gewisse Langsamkeit" walten zu lassen.

"Mir wäre es lieber, erst zwei Tage später von etwas zu erfahren und dann aber auch sicher zu wissen, dass es so passiert ist", sagt von Castell im Gespräch mit der "Augsburger Allgemeinen". "Lieber nicht informieren als falsch informieren, ohne hier Christian-Lindner-Zitate abwandeln zu wollen."

Der Redaktionsleiter von "Übermedien" hat vor allem zu Beginn des Krieges eine zuweilen "sehr eilige Berichterstattung" wahrgenommen. Medien hätten "vieles gezeigt, was zu diesem Zeitpunkt nicht überprüfbar war und in ein bestimmtes Narrativ gepasst hat". Er verweist in diesem Zusammenhang auf Bilder von russischen Panzern ohne Benzin, die unüberprüft verbreitet und betextet worden seien. "Das fand ich sehr überraschend, weil wir in der Branche in den letzten Jahren angesichts von Terroranschlägen dazugelernt haben. Da gab es Formate, die dargestellt haben, was wir wissen und was wir nicht wissen."

von Castell nimmt auch Stellung in dem Streit um die Verwendung des Wortes "mutmaßlich" für Gräueltaten wie die in Butcha. "Was wir alle aushalten müssen, ist, dass wir, solange es nicht zweifelsfrei feststeht, als Journalisten sagen: Es sind Gräueltaten, das ist erwiesen, aber sie sind mutmaßlich von russischen Soldaten begangen worden", meint er. "Erst dann, wenn ich den unwiderlegbaren Beweis habe, dann kann man auch sagen und schreiben: Russische Soldaten sind verantwortlich."

Der Medienjournalist bejaht die Frage, ob Medien Kriegstote zeigen sollen, nennt aber Einschränkungen: Sie solten unkenntlich gemacht werden. "Es darf nicht sein, dass man über eine Rückwärtssuche die Social-Media-Profile von Opfern recherchieren und deren Leben rekonstruieren kann. Das gehört sich nicht."

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