Dramatische Situation: Mehr als 2.000 Zeitschriftentitel sind stark gefährdet

26.04.2022
 

Eine repräsentative Analyse, die die Unternehmensberatung Schickler mit dem VDZ durchgeführt hat, schockt die Zeitschriftenverleger.

Dramatisch steigende Energie- und Papierpreise sowie kontinuierlich zunehmende Postzustellkosten belasten die Zeitschriftenverlage in Deutschland stark. Die 2021 erreichte Erholung relevanter Geschäftszahlen nach dem Corona-bedingten Einbruch 2020 werde durch die aktuelle Kostenexplosion weitgehend zunichte gemacht, teilte der Medienverband der freien Presse (MVFP) am Dienstag auf seiner Jahrespressekonferenz in Berlin mit. Der Verband, der deutsche Zeitschriftenhäuser vertritt, hieß ehemals Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ).

Die düstere Prognose:

"Bei Fortschreibung der aktuellen Entwicklungen sind bis 2024 30 Prozent der Zeitschriftentitel in ihrer Existenz stark gefährdet. Das sind über 2.000 von insgesamt über 7.000 Zeitschriftentiteln. Es handelt sich um bis zu 30 Prozent der Titel der Fachmedien, bis zu 80 Prozent der konfessionellen sowie bis zu 20 Prozent der Publikumsmedien in Deutschland. Das zeigt eine repräsentative Branchenanalyse, die die Unternehmensberatung Schickler mit dem VDZ, an dessen Stelle im April der MVFP getreten ist, im März/April 2021 durchgeführt hat. Weil in dieser Analyse weder die jüngsten Steigerungen der Papierpreise von bis zu 150 Prozent noch das Ausmaß der Erhöhung des Mindestlohns in 2022 noch die extrem gestiegenen Energiekosten berücksichtigt sind, ist die konkrete ökonomische Bedrohung einzelner Titel und ganzer Verlage deutlich akuter."

Weiter heißt es beim MVFP: Die in der digitalen Transformation und der Wirtschafts- und Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009 erwiesene hohe Resilienz und Innovationskraft der Branche stünden vor der größten und komplexesten Herausforderung in diesem Jahrhundert.

Der Hilferuf der Verleger:

Rudolf Thiemann, Präsident des MVFP, sagt: "Es ist nun mehr als deutlich, dass die Berliner Koalition die Förderung periodischer Presseerzeugnisse im Sinne einer diskriminierungsfreien, ordnungspolitisch unbedenklichen Förderung von Zeitschriften und Zeitungen auf den Weg bringen muss - andernfalls droht ein massiver Schaden für die Pressevielfalt, für die freie Information und Meinungsbildung." Von größter Bedeutung sei dafür ein nicht selektiver, objektiver Maßstab für die Förderung, der den Wettbewerb innerhalb der Presse nicht verzerre, so Thiemann weiter.

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Philipp Welte, Sprecher des Vorstands des MVFP und Vorstand der Publikumsmedien, erklärte auf der Jahrespressekonferenz: "Eine gesunde Demokratie braucht gesunde Verlage, denn die freie Presse ist unverzichtbar für die Stabilität unserer Demokratie und für die Vielfalt unserer pluralistischen Gesellschaft. Aber weder die Freiheit an sich noch das Überleben der freien Presse sind im 21. Jahrhundert eine Selbstverständlichkeit." Die diskriminierungsfreie Förderung jetzt umzusetzen sei absolut unverzichtbar, um die unabhängigen, journalistischen Leistungen von über 7.000 gedruckten Zeitschriftentiteln und digitalen Kanäle dieser Marken für die Zukunft zu sichern. Welte: "Andernfalls droht ein Verlust von über 2.000 Titeln in den nächsten beiden Jahren". Die Redaktionen und die Tausenden von Autorinnen und Autoren dieser verlegerischen Angebote informierten auf allen medialen Kanälen Millionen Menschen vertieft über alles, was eine Gesellschaft im Beruf oder im Privaten wissen müsse. "Diese Leistung kontinuierlicher vertiefter Information und Bildung ist ebenso einmalig und demokratierelevant wie die aktuelle Information der Tagespresse."

Holger Knapp, Vorstandsmitglied im MVFP und Sprecher der Deutschen Fachpresse, nahm ebenfalls Stellung: "Durch die akute Krise verschärfen sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Fachmedien in Deutschland enorm, ohne dass sie darauf Einfluss haben. Die Krise wird durch extreme Preissteigerungen bei Energie, Papier sowie die Erhöhung des Mindestlohns und damit die Verteuerung der Zustellung weiter verstärkt. Deshalb ist die von der Bundesregierung angekündigte diskriminierungsfreie Förderung der periodischen Presse unabdingbar, um zu verhindern, dass die Einstellung zahlreicher Titel das publizistische Fundament unserer Wissensgesellschaft nachhaltig beschädigt". "Die Strategien zur digitalen Transformation der Zeitschriftenmedien sind durch diese krisenbedingten Kostenexplosionen signifikant gefährdet, weil sich allein aus digitalen Geschäftsmodellen heraus die Redaktionen nicht nachhaltig finanzieren lassen. Wollen wir in Deutschland die bislang auch in der Transformation erhaltene Vielfalt der Zeitschriftenmedien nicht verlieren, ist eine Umsetzung der im Koalitionsvertrag vorgesehenen diskriminierungsfreien Förderung der periodischen Presse dringend erforderlich", sagte MVFP-Bundesgeschäftsführer Stephan Scherzer. Ein möglicher Ansatz für einen objektiven, nicht selektiven Fördermaßstab sei etwa die Anknüpfung an versendete oder verbreitete Exemplare von Zeitschriften und Zeitungen, ergänzte Scherzer.

Rückblick auf das Geschäftsjahr 2021 der Zeitschriftenbranche


Im vergangenen Geschäftsjahr haben die Zeitschriftenverlage unter Einbeziehung nicht publizistischer (sonstiger) Geschäftsfelder ihren Gesamtumsatz um 3,2 Prozent auf 19,4 Milliarden Euro leicht steigern können (2020: 18,8 Mrd. Euro) - das Vorkrisenniveau konnte damit nicht erreicht werden (2019: 20,2 Mrd. Euro). Erzielt haben sie das leichte Umsatzplus im Wesentlichen durch ein 15-prozentiges Plus der sonstigen Geschäftsfelder von 3,84 auf 4,42 Milliarden Euro. Die Geschäftsbereiche Print-Anzeigenmarkt und Print-Vertrieb verzeichnen für das vergangene Jahr ein Minus von 0,7 Prozent und 4 Prozent.

Genutzt hat den Medienhäusern im Transformationsprozess auch die weiter verstärkte Zusammenarbeit: Wie die MVFP-Trendumfrage zeigt, sind mittlerweile 51 Prozent Kooperationen eingegangen, 30 Prozent haben Allianzen geschmiedet. Die Zusammenarbeit innerhalb der Branche wollen die Zeitschriftenhäuser noch weiter vorantreiben: 31 Prozent planen, künftig Kooperation einzugehen, und 24 Prozent haben Allianzen für die Zukunft geplant.

62 Prozent wollen neue digitale journalistische Angebote launchen

Für das Geschäftsjahr 2022 erwarten die Zeitschriftenverleger laut der MVFP-Trendumfrage, die zwei Drittel des Branchenumsatzes repräsentieren, eine gemischte Entwicklung. Deutlichen Umsatzsteigerungen bei Paid Content (+39 Prozent), im digitalen Werbegeschäft (+11 Prozent), im Digital-Vertrieb (+23 Prozent), bei Online-basierten Geschäften (+18 Prozent) sowie bei Veranstaltungen (+ 34 Prozent) stehen erwartete Umsatzrückgänge im Print-Werbegeschäft von -3,5 Prozent und -5 Prozent im Print-Vertrieb gegenüber. Um weitere Umsatzpotenziale zu heben, planen 62 Prozent, neue journalistische Digital-Angebote auf den Markt zu bringen, 37 Prozent neue Audio-Angebote. Auch in neue Print-Produkte werden die Medienhäuser investieren. Demnach wollen 37 Prozent neue Print-Sonderausgaben und 26 Prozent neue periodische Printtitel launchen.

Folgen der Corona-Pandemie fordern Verlage auch über 2022 hinaus

Bei der Einschätzung der Dauer der Auswirkungen durch die weiter andauernde Pandemie sind die Zeitschriftenverlage skeptischer als noch im Jahr zuvor. Laut MVFP-Trendumfrage geht die große Mehrheit (85 Prozent) von länger andauernden Folgen der Pandemie aus: 30 Prozent rechnen auch 2023 mit Auswirkungen, 37 Prozent noch länger und 18 Prozent sogar mit dauerhaften Folgen. Lediglich 15 Prozent sind der Meinung, dass diese in 2022 enden.

Der Veränderungsdruck auf die Unternehmen durch Corona führte ebenfalls zu dauerhaft bedeutsamen Entwicklungen. Dazu zählen für 86 Prozent die Beibehaltung des Homeoffice, für 84 Prozent steigende Digital-Erlöse, für 78 Prozent die Digitalisierung weiterer Geschäftsbereiche und für 53 Prozent mehrheitlich digitale Veranstaltungsformate.

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