Medienprofis auf Jobsuche: Angebot annehmen, auch wenn das Gehalt zu niedrig ist?

 

Nach vielen Bewerbungen endlich ein interessantes Angebot, aber dann ist das Gehalt zu niedrig: Diese Situation frustriert viele Medienprofis auf Jobsuche. Mediencoach Attila Albert sagt, wann Sie zusagen sollten und wann es empfehlenswerter ist, abzulehnen und weiterzusuchen.

Die Redakteurin einer Lokalzeitung bekam das Angebot, für ein Magazin in der Hauptstadt zu arbeiten. Sie würde rund 20 Prozent mehr verdienen. Ein Blick in die Immobilienportale zeigte ihr jedoch, dass sie sich bei einem Umzug damit trotzdem nur noch eine kleinere Wohnung in schlechterer Lage als bisher würde leisten können. Auch ihre sonstigen Kosten wären höher. Sie versuchte, ein höheres Gehalt auszuhandeln, aber erfolglos. Sollte sie den Job dennoch annehmen und sich dafür einschränken - oder ablehnen und weitersuchen?

Wer nach vielen Bewerbungen endlich ein Angebot erhält, ist oft enttäuscht über das Gehalt. Bei langjährigen Medienprofis mit Altvertrag liegt es manchmal bis zu 30 Prozent unter dem bisherigen Einkommen. Jüngere können zwar eine Steigerung erreichen, aber oft von einem niedrigen Gehaltsniveau aus - oder nicht ihre steigenden Kosten ausgleichen, wenn ein Umzug nötig wäre. Diese Situation führt regelmäßig zu einem Zwiespalt: Man will die angebotene Stelle zwar annehmen, sich aber auch nicht "unter Wert verkaufen".

Immer Bruttojahreseinkommen vergleichen

Zuerst sollten Sie natürlich immer prüfen, ob Ihnen ein marktgerechtes Gehalt angeboten wurde. Eine Orientierung ist der Gehaltstarifvertrag für das entsprechende Segment (z. B. Tageszeitung). Selbst wenn der potenzielle neue Arbeitgeber ihn nicht anwendet, lehnen sich eigene Haustarife oft daran an. Besser ist das Gespräch mit Branchenkennern, die einschätzen können, was das konkrete Unternehmen üblicherweise zahlt. Fragen Sie etwa befreundete Kollegen, die einmal dort gearbeitet haben oder es aktuell tun.

(Kennen Sie ehrlicherweise niemanden, sollten Sie Ihr Netzwerk ausbauen. Die besten Arbeitgeber der Medienbranche finden Sie im Ranking von Kress Pro, Heft 2022/1.)

Vergleichen Sie dabei immer Bruttojahreseinkommen. Denn je nach Medienhaus wird in bis zu 15 Einzelbeträgen bezahlt: zwölf Monatsgehälter, dazu Urlaubs- sowie Weihnachtsgeld plus Tantieme bzw. Prämie. Unterschiedlichste Extras können dazukommen, beispielsweise für die Presseversorgung oder andere Versicherungen, für Nahverkehr, Kantine, Sportstudio, für ein auch privat nutzbares Handy oder sogar einen Dienstwagen. Die Jahressumme fasst alles zusammen und erleichtert Ihnen damit Vergleich und Verhandlung.

Drei Fälle, in denen die Zusage sinnvoll ist

Stellt sich heraus, dass Sie sich finanziell real verschlechtern würden und sich auch nicht mehr aushandeln lässt, kann eine Zusage in drei Fällen trotzdem sinnvoll sein:

  1. Sie verbessern sich insgesamt. Das Gehalt wäre niedriger, Ihre Lebensqualität aber in der Summe höher. Typische Gründe: Die Arbeit interessiert Sie inhaltlich mehr, das Betriebsklima ist angenehmer, Sie müssen nicht mehr pendeln.

  2. Sie kommen einem größeren Ziel näher. Hier nehmen Sie das zu niedrige Gehalt in Kauf, weil es Ihnen einen wichtigen Schritt ermöglicht. Beispiel: Sie kommen damit in eine bestimmte Stadt, Rolle (z. B. Führungsposition) oder Branche (z. B. PR).

  3. Sie haben keine andere Option. Manchmal geht es nicht um Optimierung, sondern darum, überhaupt etwas zu haben. Beispiel: Nach langer vergeblicher Arbeitssuche wieder in der Branche aktiv sein zu können bzw. wieder selbst zu verdienen.

Nachverhandeln nur begrenzt möglich

Eine Untergrenze stellen meist die eigenen Kosten dar. Eine gewisse Flexibilität beim Lebensstandard hilft immer (z. B. zeitweiser Verzicht aufs Sportstudio oder Reisen, WG statt eigene Wohnung), um sich dafür andere Optionen zu eröffnen. Wenig ratsam sind dagegen Jobs, die nur mit dauerhafter Subventionierung durch andere (z. B. Eltern, Partner, Aufstockung über die Arbeitsagentur) oder einen Zweitjob finanzierbar sind. Kurzfristig kann das helfen, verschleppt aber gleichzeitig die notwendige Umorientierung.

Manche Medienprofis akzeptieren ein zu niedriges Gehalt auf die vage Zusage hin, dass man "später noch einmal sprechen" werden. Dieses Versprechen wird oft nicht eingelöst, meist begründet mit "noch nicht ganz erfüllten Erwartungen", mit der Branchen- oder Unternehmenslage. In der Vergangenheit war vielfach eine Gehaltserhöhung von fünf bis zehn Prozent als Anerkennung zum Ende der Probezeit üblich. Heute müssen Sie das selbst ansprechen und sollten da auch keine Hemmung haben. Direkt nach der Probezeit bei sachlich begründbaren sehr guten Leistungen, ansonsten nach einem Jahr.

Flexible Gehaltsbestandteile riskant

Viele Arbeitgeber locken inzwischen mit einem niedrigen Grundgehalt, das man durch gute Leistungen steigern könne. Diese flexiblen Gehaltsbestandteile ("Erfolgsanteil" o.ä.) sind vor allem für Führungskräfte üblich und liegen für sie meist bei zehn bis 20 Prozent zusätzlich zum Grundgehalt. Risiko hier: Sie können den Unternehmenserfolg persönlich nur sehr begrenzt beeinflussen. Die Bewertung erfolgt daher schlussendlich häufig doch recht subjektiv. Sehen Sie diese grundsätzlich interessante Option daher eher als möglichen zusätzlichen Bonus - nicht als etwas, mit dem Sie sicher rechnen können.

Ohne Bedenken sollten Sie Gehaltsangebote absagen, die so niedrig sind, dass sie Ihnen "gegen die Ehre gehen", nur einen von mehreren gravierenden Kritikpunkten an dem Job darstellen oder wenn Sie es sich finanziell gar nicht leisten können. Engen Sie sich gleichzeitig nicht selbst mit der Annahme ein, dass Ihr Gehalt immer nur nach oben gehen müsse. Je nach Lebensphase und Bedarf dürfen Sie immer wieder andere Schwerpunkte (z. B. auch wieder mehr Freizeit für weniger Geld) setzen.

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis bei beruflichen Veränderungen. Er hat mehr als 25 Jahre journalistisch gearbeitet, u.a. bei der Freien Presse, bei Axel Springer und Ringier. Begleitend studierte er BWL, Webentwicklung und absolvierte eine Coaching-Ausbildung in den USA. www.media-dynamics.org.

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