Wertekonflikte: 7 Fragen zeigen Medienprofis, ob sie bald den Job wechseln sollten

 

Solide Leistung, trotzdem Spannungen am Arbeitsplatz: Wenn Medienprofis sich regelmäßig falsch behandelt oder mißverstanden fühlen, stecken oft Wertekonflikte dahinter. Mediencoach Attila Albert sagt, anhand welcher Fragen Sie sie erkennen und wann Sie möglichst bald wechseln sollten.

Die Politikredakteurin einer großen Tageszeitung hatte seit längerem das Gefühl, von ihrem Chefredakteur kaltgestellt worden zu sein. Er lehnte praktisch alle ihre Themenvorschläge ab, die Begründungen wechselten. Ähnliche Beiträge liefen allerdings anderswo, was ihr die Gewissheit gab, nicht falsch zu liegen. Ihr Ressortleiter meinte vage, dass der Chef "andere Ansichten" habe und setzte sie nur noch für unverfängliche Ratgeberthemen ein. Auf Rat eines Anwaltes archivierte sie ihre Angebote, um bei Bedarf beweisen zu können, dass sie ihre "Arbeitsleistung angeboten" habe. Aber vergeudete sie so nicht ihre Lebenszeit?

Die Content-Managerin einer Pressestelle empfand sich als ständig überwacht. Sämtliche Arbeiten mussten in 15-Minuten-Schritten in einem System protokolliert werden. Die persönliche Leistung wurde fortlaufend ausgewertet und mit der anderer verglichen. Zum jährlichen Mitarbeitergespräch hatten sich alle Kollegen gegenseitig anonym zu bewerten. Ihr wurde dabei vorgeworfen, dass sie "unsere Mission nicht wirklich lebe" und sich "vom Team absondere", weil sie manchmal gern allein zum Mittagessen ging. Sie wusste, dass sie gut arbeitete, fühlte sich aber auf unangenehme Weise bedrängt und manipuliert.

Schwierig, das eigene Unbehagen einzuordnen

Manchen Medienprofis fällt es lange schwer, ihr Unbehagen überhaupt in Worte zu fassen. Die Arbeitsbedingungen sind eigentlich nicht schlecht. Der Vorgesetzte drückt sich bewusst "wertschätzend" aus, auch bei Kritik. Das Unternehmen gibt sich "achtsam", bietet etwa sogar Meditation gegen Stress an. Man kann "selbstbestimmt" arbeiten, etwa örtlich flexibel. Erst nach einiger Zeit wird klar: Formal stimmt das, faktisch aber trotzdem nicht.

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Manche "Empfehlung" ist eben doch nur getarnter Zwang, manches "konstruktive Feedback" doch eine glatte Zurechtweisung. Einmal wird klar: Es passt etwas grundsätzlich nicht.

Wenn eine Arbeitsbeziehung von fundamentalen Wertedifferenzen belastet ist, geht es um eine tiefere Ebene als bei strittigen Strategien oder Auseinandersetzungen um Projekte, Budgets oder Termine. Hier passt etwas nicht, das an Ihr Selbstverständnis als Mensch rührt: Sie fühlen sich missachtet oder übergangen, auch wenn man Ihnen dabei ins Gesicht lächelt oder bewusst unverfängliche Worte wählt (mehr dazu in "Ich will doch nur meinen Job machen"). Ist es deswegen Zeit zu gehen, damit auch aufzugeben, was Sie sich aufgebaut haben? Folgende Fragen können Ihnen bei der Selbstreflexion helfen: 

  1. Haben Sie ständig das Gefühl, Ihre persönliche Meinung verbergen und sich verstellen zu müssen, um nicht als Dauer-Opposition dazustehen?

  2. Werden Ihre Vorschläge häufig mit der Begründung abgelehnt, dass sie "nicht zu uns passen", "in die falsche Richtung gehen" oder ähnlich?

  3. Fühlen Sie sich von Ihrem Chef falsch verstanden, haben aber die Erfahrung machen müssen, dass Klarstellungen und Aussprachen nicht helfen? 

  4. Kreisen Ihre Gedanken immer wieder darum, wie bestimmte Themen im Unternehmen aus Ihrer Sicht falsch gesehen oder angegangen werden?

  5. Ist das Vertrauen zu Ihrem Chef verloren gegangen, notieren Sie sich z. B. bereits jede Äußerung von ihm, weil Sie langsam an sich selbst zweifeln?

  6. Stellen Sie fest, dass sich in Ihnen Wut gegen oder sogar Hass auf Ihren Unternehmensleiter oder den direkten Vorgesetzten aufbaut? 

  7. Merken Sie selbst, dass sich Ihr Frust nicht verbergen lässt, Sie beispielsweise vor anderen immer wieder über Ihren Arbeitgebers klagen oder schimpfen? 

Wenn Sie vier oder mehr dieser Fragen mit Ja beantworten: Es ist Zeit für einen Wechsel innerhalb der nächsten sechs bis neun Monate. Ständig gegen die eigenen Überzeugungen und Werte zu arbeiten, ist enorm erschöpfend. Jeder Arbeitsauftrag wird zum inneren Konflikt und führt zu Disputen mit Vorgesetzten. In diesem Fall kann der Wechsel zu einem passenderen Arbeitgeber Ihr Leben sehr verbessern. 

Wenn Sie zwei bis drei Fragen mit Ja beantwortet haben: Sie können wahrscheinlich noch ein bis zwei Jahre bleiben, ohne dass es Sie zu sehr belasten würde. Prüfen Sie aber, ob ein interner Wechsel möglich und sinnvoll wäre. Empfehlenswert ist es, fortlaufend die eigenen Ansichten zu klären und zu beobachten, wie sich die Lage weiterentwickelt. Eine erneute Bestandsaufnahme in ungefähr sechs Monaten empfiehlt sich.

Nicht mehr zu viel in den Job investieren

Wenn Sie feststellen, dass Sie sich am Arbeitsplatz in einem Wertekonflikt befinden, sollten Sie realistisch sein. Sie werden einige Zeit damit leben können, aber dort niemals so erfolgreich sein, wie es Ihren Fähigkeiten entspricht. Ohne eine vertrauensvolle, belastbare Beziehung und Kommunikation mit Ihren Vorgesetzten und Kollegen wird jede alltägliche Herausforderung zur Grundsatzfrage und zum Angriff auf Ihre Würde. Die beste Taktik in dieser Situation: Nehmen Sie mit, was Sie können - Einkommen, gute Projekte, die Ihnen bei späteren Bewerbungen nützen könnten, Zugang zu hilfreichen Kontakten.

Schauen Sie sich gleichzeitig konsequent nach einer passenderen Stelle um. Sie werden in solch einem Umfeld zunehmend verunsichert, müde und damit tatsächlich schlechter. Eine Klientin drückte es einmal so aus: "Ich habe am Ende gezweifelt, ob ich überhaupt etwas kann." Investieren Sie also nicht zu viel darin, sich in einen Job im falschen Unternehmen zu zwängen. Sondern eher in Bewerbungen bei Arbeitgebern, bei denen man Sie als Profi und Mensch haben will, wie Sie sind. Es liegt viel innere Klarheit in dem Satz: "Ich möchte so nicht länger arbeiten". Denn dann wissen Sie endlich, dass nicht Sie sich hier ändern müssen - sondern ihren Arbeitgeber.

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis bei beruflichen Veränderungen. Er hat mehr als 25 Jahre journalistisch gearbeitet, u.a. bei der Freien Presse, bei Axel Springer und Ringier. Begleitend studierte er BWL, Webentwicklung und absolvierte eine Coaching-Ausbildung in den USA. www.media-dynamics.org.

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