Warum Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo die Waffen-Debatte feiert

10.05.2022
 

Um die Lieferung schwerer Waffen an Kiew wird in Deutschland leidenschaftlich gestritten. Auch Regierung und Medien sind bei entscheidenden Fragen diesmal nicht einer Meinung. Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo findet das gut - unter einer Bedingung.

"In Deutschland wird wieder leidenschaftlich diskutiert, und das ist in diesen entsetzlichen Zeiten eine tröstliche Nachricht", schreibt Giovanni di Lorenzo in einem bemerkenswerten Kommentar in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung Zeit. "Nun geht es auch um Krieg und Frieden, aber seit einer halben Ewigkeit hatten wir uns schon daran gewöhnt, dass von politisch verantwortlicher Stelle kaum kommuniziert und der öffentliche Diskurs eher von den sozialen Medien geprägt wurde - oft also durch Verkürzung, Unterstellung oder Beleidigung", so der Zeit-Chefredakteur weiter.

Zuletzt hatte Alice Schwarzer in ihrer Zeitschrift Emma einen viel beachteten Aufruf gestartet, der Bundeskanzler Olaf Scholz zu äußerster Vorsicht in der Politik gegenüber Russland mahnt und weitere Lieferungen schwerer Waffen in "direkter und indirekter" Art an die Ukraine ablehnt. Der Philosoph Jürgen Habermas schrieb in der Süddeutschen Zeitung einen Gastbeitrag, der den Kanzler in seiner zögernden Vorgehensweise unterstützt.

In der aktuellen Zeit ist nun ein ein Gegenaufruf erschienen, angestoßen von dem Politiker und Publizisten Ralf Fücks. Dort heißt es: "Intellektuelle um den Publizisten Ralf Fücks plädieren für die kontinuierliche Lieferung von Waffen an die Ukraine - nachdem eine Gruppe um Alice Schwarzer davor gewarnt hatte."

Die Positionen wirkten stellenweise unversöhnlich - und doch sei es gut, dass sie sich jetzt mit Aplomb bemerkbar machten, kommentiert Giovanni di Lorenzo in der Zeit. "Endlich spiegeln sie auch die Seelenlage weiter Teile der Bevölkerung wider - und nicht die Befindlichkeit einzelner Blasen." Was für den Chefredakteur nicht minder wichtig ist: Der breite Widerhall der Appelle in den Medien lasse diesmal den Vorwurf verblassen, Regierung und Medien stünden sich bei entscheidenden Fragen zu nahe, wie etwa bei der Flüchtlingskrise 2015 oder bei der Corona-Politik, was die öffentliche Auseinandersetzung an die Ränder gedrückt und Verschwörungstheorien und andere Irrungen genährt hätte, so di Lorenzo.

Ob Aufruf oder Gegenaufruf, gemeinsam sei allen die Abscheu vor dem russischen Angriffskrieg. Und beide Seiten machten sich angreifbar: "Die Befürworter der Waffenlieferungen können nicht ausschließen, dass diese zur weiteren Eskalation beitragen, möglicherweise zu einer nuklearen. Die Gegner der militärischen Unterstützung der Ukraine können auf der anderen Seite nur schwer, wenn überhaupt, erklären, wie ein für diplomatische Vorstöße bislang tauber Aggressor gestoppt werden kann, wenn sich die Überfallenen nicht handfest wehren sollen", argumentiert di Lorenzo.

Für den Journalisten ist der Maßstab für den Diskurs allerdings, dass nicht "wir", sondern die Menschen in der Ukraine die Opfer sind. "Und wenig würde zynischer anmuten als ein deutscher Ruf, der so klingen könnte wie: Jetzt ist aber mal Schluss!", betont di Lorenzo. Nur die Ukraine könne dem Elend und dem Sterben der eigenen Bevölkerung durch Konzessionen Grenzen setzen: "Deutsche Appelle hätten dazu keine moralische Legitimation - auch wenn sie in redlichster Absicht verfasst werden."

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