Wie Diversität Medienunternehmen das Überleben sichert - Gründerin Konstantina Vassiliou-Enz im Interview

 

Zwei Profi-Journalistinnen, die die Medienhäuser umkrempeln - und zukunftsicher - machen wollen. Zusammen mit Ferda Ataman hat Konstantina Vassiliou-Enz die Berliner Beratung Diversity Kartell gegründet - mit Kunden wie RTL, Google und SZ. Im kress.de-Gespräch betont sie, wie dringend der Handlungsbedarf ist.

kress.de: Frau Vassliou-Enz, Sie waren lange selbst journalistisch tätig und beschäftigen sich beruflich auf verschiedenen Feldern seit einigen Jahren mit Fragen rund um Antidiskriminierung und Vielfalt. Was hat Sie bewogen, nun auch noch eine Agentur zu gründen?

Konstantina Vassiliou-Enz: Ich will Medienhäusern, Verlagen und anderen beim Überleben helfen. Der Bedarf ist da. Ich wurde immer öfter zum Thema Diversität angefragt, aber konnte nebenberuflich nur sehr beschränkt unterstützen. Weil mir kaum jemand einfiel, den*die ich stattdessen empfehlen konnte, fand ich: dann mache ich es besser selbst, anstatt mein Herzensthema anderen zu überlassen, die weniger Fachwissen besitzen.

kress.de: Wie ist die Idee zur Gründung entstanden, wie hat sich das Team zusammengefunden?

Konstantina Vassiliou-Enz: Diversity in Kommunikation und Medien ist eine Marktlücke. Also wollte ich eine Firma mit Fachleuten dazu aufbauen - Diversität hat so viele Ebenen und Dimensionen, es ist viel zweckmäßiger, nicht allein daran zu arbeiten. Schließlich geht es bei dem Thema gerade darum, die verschiedensten Perspektiven und Aspekte mit einzubeziehen. Deswegen habe ich mich im Kernteam mit Frauen zusammengetan, die unterschiedliche Fachgebiete, Kompetenzen und Lebenserfahrungen mitbringen, aber auch gut vernetzt sind in diverse Communitys. Je nach Auftrag, arbeiten wir zusätzlich noch mit weiteren Fachleuten zusammen, zum Beispiel mit Expert*innen mit Behinderung oder für LSBTI*-Themen. Und perspektivisch wollen wir wachsen und das Team erweitern.  

"Ich mag es, wenn es knallt."

kress.de: Nicht nur in der Medienbranche ist ja ein "Kartell" immer auch ein Reizbegriff. Wie kommt es zu dem eigenwilligen Namensbestandteil, wie muss man ihn verstehen?

Konstantina Vassiliou-Enz: Wäre unser Name "Beratungsunternehmen für Diversität" würde ich als Kundin uns nicht anheuern. Niemand würde aufhorchen. Ein Kartell ist anders, das merkt man sich. Und es drückt aus, dass wir den Anspruch haben, die besten Fachleute zum Thema zu versammeln, so dass niemand an uns vorbeikommt. Aber vor allem haben wir Spaß daran, Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen und ein bisschen zu provozieren. Ich mag es, wenn es knallt.

"Das Thema Diversity ist im Moment über alle Bereiche hinweg so gefragt wie nie. Ich habe das Gefühl, alle wollen gerade die Ersten sein. Aber die wenigsten wissen, wo sie anfangen sollen."

kress.de: Sie wollen mit dem Team Ihre geballte Expertise Medienunternehmen anbieten und haben ja auch schon namhafte Kunden: In welchen Bereichen können Sie helfen und was wird aktuell am stärksten nachgefragt?

Konstantina Vassiliou-Enz: Das Thema Diversity ist im Moment über alle Bereiche hinweg so gefragt wie nie. Ich habe das Gefühl, alle wollen gerade die Ersten sein. Aber die wenigsten wissen, wo sie anfangen sollen. Da kommen wir ins Spiel. Wir erklären, wie man strategisch vorgeht und bieten Antworten auf all die Fragen, die sich dazu stellen: Wo und wie starte ich den Prozess, wenn ich mehr Diversität und damit auch neue Zielgruppen erreichen will? Welche Maßnahmen wirken und welche nicht? Was brauche ich und worauf muss ich achten, wenn ich zeitgemäße Inhalte liefern und neues Publikum gewinnen will? Wie vermeide ich diskriminierende Kommunikation nach innen und nach außen? Aber auch: Wie positioniere ich mich als attraktive*r Arbeitgeber*in in einer vielfältigen Gesellschaft? Und in diesem Zusammenhang auch: Wie nehme ich in diesem ganzen Prozess meine bestehenden Mitarbeiter*innen mit? Was wir dazu anbieten geht von der Erstberatung bis zur ausgewachsenen Diversity-Strategie fürs ganze Haus und von der Analyse des Ist-Zustands bis zur Entwicklung von Konzepten oder konkreten Werkzeugen für die tägliche Arbeit. Wir führen aber auch Trainings und Workshops durch, halten Keynotes und beraten in der Öffentlichkeitsarbeit oder in der Werbung.

kress.de: Welche Arten von Mandanten kommen für Sie aktuell am ehesten in Frage?

Konstantina Vassiliou-Enz: Grundsätzlich helfen wir allen, die es ernst meinen und offen sind für Veränderung.

kress.de: Natürlich.

Konstantina Vassiliou-Enz: Klar, wir sind in den Medien zuhause, kennen das Geschäft und lieben guten Journalismus. Deshalb kann das ideale Projekt ein umfassender Zukunftsplan für eine Verlagsgruppe sein, aber genauso das diversity-gerechte Kommunikationskonzept für ein Unternehmen. Oder auch die einzelne Maßnahme für den Bundesligaklub - im Sport braucht es schließlich ebenfalls Wissen über Diversität. Wir haben zum Beispiel Klient*innen, die uns regelmäßig ihre Werbekampagnen zur Prüfung vorlegen, weil sie als respektvoll und fortschrittlich wahrgenommen werden wollen. Und natürlich wollen sie sich keinen Shitstorm einhandeln, weil sie etwas übersehen haben oder ihnen das entsprechende Wissen fehlt. Punktuelle Maßnahmen sind aber meistens nur der erste Schritt. In vielen Häusern wird schnell klar, dass Diversity mehr bedeutet, als mal einen Workshop für diskriminierungssensible Sprache zu veranstalten. Und mit dieser Erkenntnis kann dann eine Zusammenarbeit beginnen, in der wir Schritt für Schritt weiter beraten und begleiten.

kress.de: Dass Diversität ein Gebot der Stunde ist, scheint immer mehr zum Konsens zu werden. Wo sehen Sie dennoch die größten Denkblockaden und mögliche innere Widerstände in den Firmen-Chefetagen?

Konstantina Vassiliou-Enz: Viele halten Diversity & Inclusion für ein Nice-to-Have, ein Charity-Projekt. Wenn der Absatz sinkt oder die Reichweite abstürzt, wirkt das Thema nur wie eine weitere, lästige Baustelle. Sich dann die Frage zu stellen, ob man sich mehr Vielfalt leisten kann, ist nachvollziehbar, aber leider sehr kurzsichtig. Der gesellschaftliche Wandel lässt sich nicht ignorieren. Allein die Zahlen machen das deutlich: Zehn Prozent der Bevölkerung in Deutschland leben mit einer schweren Behinderung. Elf Prozent aller Erwachsenen beschreiben sich als nicht heterosexuell. Vierzig Prozent aller Kindern und Jugendlichen in Deutschland haben einen Migrationshintergrund. In einigen Städten sind sie längst in der Mehrheit und ihr Anteil wächst von Jahr zu Jahr. Wer diese und andere Gruppen links liegen lässt, sie nicht als Zielgruppen begreift und einfach so weiter macht, wie bisher, verliert den Anschluss an die Lebenswirklichkeit. Und wird bald in der Bedeutungslosigkeit verschwinden.

"Viele glauben, mehr Diversität zu erreichen, indem sie bei den Praktis und Volos anfangen. Aber der Nachwuchs allein kann's nicht richten."

kress.de: Warum ist trotz aller Beteuerungen nach innen und außen offenbar doch so schwierig, echte Diversität etwa in eine Redaktionstruppe zu bringen?

Konstantina Vassiliou-Enz: Es gibt so viele Gründe, dass ich ein halbes Buch zu dieser Frage vollgeschrieben habe. Der wichtigste ist: Viele glauben, mehr Diversität zu erreichen, indem sie bei den Praktis und Volos anfangen. Aber der Nachwuchs allein kann's nicht richten. Eine neue Schwarze Volontärin oder ein Hospitant mit Behinderung sind noch keine Diversity-Strategie. Die beiden ziehen ohnehin schnell wieder weiter, wenn das Arbeitsklima nicht stimmt und sie Diskriminierung erfahren - ganz egal, ob sie mit Absicht geschieht oder nicht. Die Redaktionskultur ist ein entscheidender Faktor, aber ebenso sollten die eigenen Inhalte auf den Prüfstand. Und machen wir uns nichts vor: Hier geht's ans Eingemachte. Da wird Einfluss abgegeben und die eigene Deutungshoheit in Frage gestellt. Dafür braucht es neben guten Argumenten, auch Überzeugungskraft, einen langen Atem und klare Ansagen aus der Chef*innenetage.

"Dass Menschen aus armen Familien es sehr viel seltener in die Medien schaffen, verhindert Vielfalt in den Redaktionen und das wirkt sich auch auf die Inhalte aus."

kress.de: Eine Medienkarriere und der Berufswunsch Journalismus schien zuletzt oft auch eine Frage des Elternhauses zu sein, das so einen durchaus riskanten Weg auch absichert. Wie problematisch schätzen Sie die soziale Dimension bei der Zusammensetzung von Teams ein?

Konstantina Vassiliou-Enz: Soziale Herkunft spielt eine enorm große Rolle. Dass Menschen aus armen Familien es sehr viel seltener in die Medien schaffen, verhindert Vielfalt in den Redaktionen und das wirkt sich auch auf die Inhalte aus. Mehr als zwei Drittel der Journalist*innen in Deutschland stammen aus privilegierten Verhältnissen. Und rein theoretisch finden alle: "Klar wollen wir auch Arbeiterkinder hier, Journalismus darf keine Eliteveranstaltung sein!" Aber junge Menschen ohne finanzielle Unterstützung von zuhause haben einfach nicht die Möglichkeit, all die unbezahlten Praktika zu machen, die oft verlangt werden. Außerdem fehlt ihnen der richtige Habitus. Dieser Stallgeruch, den Leute aus armen Familien nicht mitbringen, ist in Auswahlgesprächen aber oft genauso viel wert, wie Talent und Qualifikation. Selbst selbst wenn man die Ausbildung mal geschafft hat, ist Journalismus heute kein sicherer Beruf. Dieses Risiko muss man sich leisten können. Kurz: Man sollte als Kind von Eltern ohne Geld und Bücherwand schon extrem unvernünftig und leidenschaftlich fixiert auf den Job sein, um das alles in Kauf zu nehmen. Das kann ich aus persönlicher Erfahrung auch so bestätigen.

kress.de: Was hat Sie einst in Ihren Beruf gebracht, wo lagen die größten Steine im Weg?

Konstantina Vassiliou-Enz: Ich bin in armen, ziemlich desolaten Verhältnissen aufgewachsen und ich hatte nur einen Realschulabschluss. Da war es nicht drin, Journalist*in zu werden. Ganz abgesehen davon, dass ich fast ausgewiesen worden wäre - aber die Launen der deutschen Ausländerpolitik sind eine anderen Geschichte. Als Journalist*in zu arbeiten war ein Traum aus einer anderen Galaxie, in einem anderen Leben. Um dem Beruf wenigstens ein bisschen nahe zu kommen, habe ich eine Berufsausbildung als Verlagskauffrau gemacht - die hilft mir beim Gründen bis heute. Mein Glück war, dass in den 80er Jahren in Deutschland Privatfernsehen und die ersten Privatradios lizensiert wurden. Es war verhältnismäßig leicht, als Seiteneinsteigerin reinzukommen, ich konnte ein Volontariat bei einem Regionalsender landen und einige Jahre dort arbeiten. Natürlich habe ich immer zu spüren bekommen, dass ich nicht als vollwertig angesehen wurde. Weniger beim Privatradio, sondern als ich später bei den Öffentlich-Rechtlichen moderiert habe, ohne zig Jahre Studium und zehn Praktika, das hat nicht allen geschmeckt. Ich will aber gar nicht bloß über Hürden sprechen, sondern darüber, wie wichtig diesen ganzen Weg über meine Vorgesetzten waren. Sie haben mir eine Chance gegeben, ihnen war egal, wo ich herkam oder dass mein Name kompliziert und lang ist. Sie haben mich gehört und mich machen lassen. Und hier schließt sich der Kreis: Diversity ist eben Chef*innensache.

"Ich bin auf Medienweltverbesserung aus."

kress.de: Und was macht für Sie trotz allem immer noch die Magie Ihres Berufs aus: Womit motivieren Sie sich zum Aufbrechen jeden Morgen?

Konstantina Vassiliou-Enz: Ich bin auf Medienweltverbesserung aus. Und ich wüsste nichts Schöneres. Nichts, dass so sinnstiftend und glückbringend ist.

Hintergrund: Zusammen mit Ferda Ataman hat Konstantina Vassiliou-Enz aktuell die Beratungsagentur Diversity Kartell in Berlin gegründet. Vassiliou-Enz war langjährige Geschäftsführerin der Neuen deutschen Medienmacher*innen und ist Autorin des Fachbuchs "Wie deutsche Medien mehr Vielfalt schaffen". Sie befasst sich seit den Nullerjahren mit Rassismus und Antidiskriminierung in Medien und Kommunikation und hat 25 Jahre Rundfunkjournalismus gemacht.

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