Warum für Journalisten Besserwisserei nicht mehr funktioniert

 

Corona und der Krieg zeigen die Grenzen des Journalismus: Davon ist kress pro-Chefredakteur Markus Wiegand überzeugt. Welche Strategie jetzt dringend geboten ist.

Lesen Sie hier das Editorial zum aktuellen kress pro 3/2022, in dem dazu geraten wird, offen einzugestehen, dass schwierige Fragen auch erst einmal unbeantwortet bleiben müssen:

Ich komme ja ursprünglich aus dem Sportjournalismus. Auf den Fußballplätzen rund um Münster schaute ich mir für die "Westfälischen Nachrichten" Spiele an und beschrieb anschließend, warum es genau so kommen musste, wie es kam. Anfangs war ich verblüfft, dass man mich dafür sogar bezahlte. 

Später lernte ich, dass es im überregionalen Sportjournalismus auch nicht viel anders läuft. Sportjournalisten warten ab, wie ein Fußballspiel ausgeht, und halten anschließend den Verantwortlichen, meistens den Trainern, ihre Fehler vor. Im Grunde, so erkannte ich, funktioniert Journalismus oft gleich. 

Wirtschaftsjournalisten warten ab, bis ein Unternehmen die Geschäftszahlen meldet, und vergeben dann Haltungsnoten für die Manager. Wenn es Probleme gibt, hätte man das natürlich alles vorher wissen müssen. 

Politikjournalisten warten ab, wie sich die Corona-Bekämpfung entwickelt, und sagen den Regierenden dann, warum sie mit ihren Entscheidungen falsch lagen. Und zu spät geöffnet haben oder zu früh. Oder beides.

Nun darf man natürlich gerne der Meinung sein, dass es Aufgabe von Journalisten ist, die wichtigen gesellschaftlichen Fragen zu kommentieren und dabei Kritik an den Mächtigen zu üben. Aber vielleicht wäre es an vielen Stellen angebracht, den Brustton der Überzeugung etwas runterzudimmen.

In Pandemie- und Kriegszeiten zeigt sich ein Problem des Journalismus besonders scharf: Das Konzept der Besserwisserei funktioniert nicht mehr. Oft wäre in den vergangenen zwei Jahren die ehrlichste Antwort gewesen, dass man eigentlich zu wenig weiß, um eine Einschätzung über den Sinn und Unsinn einer Corona-Maßnahme abzugeben. Und in den Fragen, wie stark Deutschland sich mit der Nato militärisch in der Ukraine engagieren sollte, ist es nicht viel anders. Vielleicht ist Ihnen das auch aufgefallen: Manche Journalisten sind in der Coronakrise recht schnell zu Virenexperten mutiert und haben sich seit Kriegsbeginn zu Militärexperten umschulen lassen. 

Besonders irritierend ist es, wenn Menschen wie Springer-Chef Mathias Döpfner oder Ex-"Bild"-Mann Julian Reichelt sich in Fragen von Leben und Tod zu Ratgebern aufschwingen. Beide haben es nicht einmal in ihren eigenen Verantwortungsbereichen geschafft, eine Kultur zu schaffen, die einen respektvollen Umgang und Austausch miteinander ermöglicht, wollen jetzt aber allen anderen erzählen, wie sie die ganz großen Probleme unserer Zeit in den Griff bekommen. 

Auch in den Zukunftsdebatten der Branche kann man angetrieben vom Egomarketing in den sozialen Medien den Hang zu absoluten Wahrheiten besichtigen. Die Haltbarkeiten sind allerdings mitunter recht kurz. Ein Beispiel: Noch vor wenigen Jahren galten digitale Bezahlinhalte als Teufelswerk und Verteidigung eines überkommenen Geschäftsmodells, heute sind sie der heilige Gral des Publishing. Dabei gilt oft, dass man das eine tun kann, ohne das andere zu lassen. Im Titelinterview dieser Ausgabe beschreibt Verleger Ansgar Heise etwa, wie er ins Digitale investiert hat, gleichzeitig seine alten Printmarken stärkte und bewusst den Wettbewerb im eigenen Haus anfachte. Davon können sich Führungskräfte inspirieren lassen. Denn für mich scheint nur eins klar: Es gibt viele Wege zum Glück, nicht nur einen.

Anmelden für den European Publishing Congress

Vom 19. bis 20. Juni 2022 findet der European Publishing Congress im Palais Niederösterreich in Wien statt. Wir freuen uns auf persönliche Begegnungen vor Ort. Sie dürfen sicher sein: Besserwissern wird der Zugang verwehrt. Medienmacherinnen und -macher aus ganz Europa präsentieren ihre Strategien und sprechen über die Zukunft der Branche. Die Themen reichen vom Einsatz künstlicher Intelligenz über Rezepte zum Verkauf von Digitalabos bis hin zu visuellen Konzepten für Print und Digital. 

Mehr zum EPC-Programm, den Themen und Sprecherinnen und Sprechern können Sie hier lesen. Jetzt ein Ticket sichern.

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