t-online-Chefredakteur Florian Harms gibt Gerhard Schröder nicht auf

16.05.2022
 

Im Frühjahr 2021 begann Gerhard Schröder als Publizist für t-online zu schreiben - sechs Beiträge sind bei dem News-Portal des Außenwerbers Ströer bereits erschienen. Warum Florian Harms, Chefredakteur von t-online, die Tür für den Altkanzler nicht zumacht.

"Ich freue mich sehr, dass wir Altkanzler Gerhard Schröder als Autor gewinnen konnten. Er hat herausragende politische Erfahrung und scheut sich nicht, zu kontroversen Themen Klartext zu reden. Seine Beiträge sind wichtige Impulse in einer turbulenten Zeit", schrieb Florian Harms zur Vorstellung seines neuen promimenten Publizisten im April 2021.

Nun sind die Zeiten turbulenter geworden, als es sich Harms und wir alle hätten vorstellen können. Gerhard Schröder ist selbst in seiner eigenen Partei SPD heftig umstritten, man fordert von ihm eine deutliche Distanzierung von Wladimir Putin inmitten des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine.

Was ist aus der Zusammenarbeit mit t-online geworden? "Unter den derzeitigen Gegebenheiten veröffentlichen wir [...] keine Beiträge von ihm gegenwärtig", sagt t-online-Chefredakteur Florian Harms im Interview mit Sven Gösmann und Anna Ringle bei dpa.

Harms, der von kress pro jüngst zum Chefredakteur des Jahres (Digital) gewählt worden ist, hält sich aber eine Rückkehr des umstrittenen Ex-Bundeskanzlers Gerhard Schröder als Gastautor bewusst offen. Seine Begründung: "Beiträge von ihm für alle Zeit kategorisch auszuschließen, wäre journalistisch nicht klug. Die Weltlage ist dynamisch, wer weiß, was noch geschieht oder ob er seine Position doch noch überdenkt?", so Harms gegenüber kress.de.

Die Frage, ob er es als Fehler bezeichnen würde, Schröder engagiert zu haben, verneint Harms: "Seine sechs Gastbeiträge zu Themen wie Innenpolitik, China und Afghanistan waren interessant und sind auf großes Leserinteresse gestoßen. Er hat darin nicht über russische Rohstoffe geschrieben – übrigens anders als in anderen Medien."

Derzeit sind bei dem Nachrichtenportal t-online keine Politiker als Kolumnisten tätig.

Chefredakteur Florian Harms will bei der Medienmarke, zu der sein täglicher Podcast "Tagesanbruch" zählt, nicht auf Polarisierung setzen: "Mit einer dezidierten Polarisierung oder einem scharfen Profil erreicht man immer nur jene Menschen, die diese Ausrichtung wertschätzen. Es ist schwer, dann noch zu wachsen." Das sehe man an den Reichweitenentwicklungen mancher Mitbewerber.

Die t-online-Reichweite soll auch abseits der Homepage erhöht werden. "Zum Beispiel haben wir ein Nachrichtenformat für unsere Public-Video-Screens in U-Bahnen, Innenstädten und Einkaufszentren entwickelt", so Harms gegenüber dpa.

Zur Person: Florian Harms studierte Islamwissenschaft und Politikwissenschaft in Freiburg und Damaskus, promovierte über islamische Missionsgruppen im Internet, volontierte bei der Neuen Zürcher Zeitung und schrieb u.a. für die Süddeutsche Zeitung und die taz. Seit Mai 2004 arbeitete er in verschiedenen Positionen bei Spiegel Online, von Januar 2015 bis Dezember 2016 war er Chefredakteur des Newsportals. Im September 2017 rückte Harms an die Spitze von T-Online und ist zugleich Geschäftsführer der Ströer News Publishing.

Hintergrund: Ströer erwarb 2015 t-online und erzielt nach eigenen Angaben damit einen Umsatz von mehr als 100 Millionen Euro im Jahr. Marc Schmitz, Geschäftsführer der Ströer Content Group sagt im aktuellen dpa-Gespräch: "Wir verdienen Geld mit Werbung. Wir sind profitabel." Das Portal hat eine hohe Reichweite im Netz, es gab kürzlich einen Relaunch der Webseite. Eine Bezahlschranke für Inhalte, die inzwischen viele Zeitungen und Zeitschriften auf ihren Internetseiten etabliert haben, favorisiert t-online nicht. Hauptkonkurrent, was die Anzahl der Visits angeht, ist für das Portal die Springer-Marke bild.de.

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