Zeit-Verleger entmachten Herausgeber Josef Joffe

17.05.2022
 

Ein geleakter persönlicher Brief hat schmerzhafte Konsequenzen für Josef Joffe. Der langjährige Mitherausgeber der Wochenzeitung Die Zeit wird seine Rolle künftig nicht mehr ausüben. Der Spiegel und die Welt berichten über die pikanten Details.

Zuletzt war Josef Joffe als Publizist in der Zeit in Erscheinung getreten. Er kommentierte die Forderungen nach einer Nato-Flugverbotszone über die Ukraine, war Co-Autor bei dem Artikel "Ist Putins Politik wahnsinnig?" und schrieb an der Story "Was würde ich machen, wenn mir Twitter gehörte" mit.

Seit dem Jahr 2000 wirkt Joffe als Herausgeber der Zeit. Diese Rolle wird er künftig nicht mehr ausüben. Eine Sprecherin der Zeit-Verlagsgruppe bestätigte: "Die Verleger und Josef Joffe haben einvernehmlich entschieden, dass sein Mandat als Herausgeber bis zum Vertragsende ruht." Zuerst hatte Christian Meier in der Welt darüber berichtet. Der Vertrag mit Joffe läuft demnach noch bis März 2023. Zeit-Verleger sind die Medienunternehmer Dieter und Stefan von Holtzbrinck.

Warum haben die Zeit-Verleger Josef Joffe entmachtet? Anfang Mai enthüllte der Spiegel, dass Joffe die Hamburger Warburg Bank vor einer kritischen Zeit-Berichterstattung gewarnt haben soll. Der Spiegel bezog sich bei seiner Recherche auf einen persönlichen Brief, den Joffe im Januar 2017 an Warburg Miteigentümer Max Warburg geschrieben hatte. Beide sollen befreundet gewesen sein.

Die Warburg Bank war in den Cum-Ex-Skandal verstrickt. Die Zeit berichtete 2016 davon: "Jetzt auch noch Warburg?" Laut Spiegel soll sich darüber Max Warburg "offenbar bei seinem Freund Joffe beschwert" haben.

In seinem Antwortbrief wies Joffe dem Spiegel zufolge die Kritik zurück und betonte, er habe sich vielmehr um "Schadensbegrenzung" für Warburg bemüht. "Ich habe Dich gewarnt, was in der Pipeline steckte", wird Joffe wörtlich zitiert Seiner "Intervention" sei es zu verdanken gewesen, dass der Artikel "geschoben wurde und die Bank die Gelegenheit erhielt, Widerrede zu leisten". Joffe erinnerte laut Spiegel zudem daran, dass er den Banker "angefleht" habe, wegen der Vorwürfe "eine exzellente PR-Agentur" zu engagieren.

Gegenüber dem Spiegel bestreitet Joffe, Einfluss auf die Berichterstattung genommen zu haben. Er habe der Redaktion lediglich geraten, "der Warburg Bank eine Gelegenheit zu geben, sich zu äußern". Zugleich habe er Max Warburg animiert, "mit unseren Reportern zu reden". Daraufhin sei der Artikel um etwa eine Woche geschoben worden. Auch eine Verlagssprecherin erklärte gegenüber dem Spiegel, Joffe habe keinen Einfluss auf die Berichterstattung genommen.

Einer der Autoren des damaligen Zeit-Artikels von 2016, der Journalist Oliver Schröm, widerspricht Joffe via Twitter. Schröm veröffentlichte dort den kompletten Brief und betont, man hätte Warburg rechtzeitig konfrontiert. Ein früh angefragtes Interview sei abgelehnt worden.

Christian Meier schreibt in seinem Artikel in der Welt: "Schröms Belege legen nahe, dass die Autoren die Bank tatsächlich journalistisch sauber vor der Veröffentlichung mit ihren Recherchen konfrontiert haben. Ob die Aufforderung von Joffe an die Redaktion, noch einmal auf ein Gespräch mit Vertretern der Bank zu drängen, zu dem von Schröm genannten Treffen geführt hat, ist unklar."

Nach Informationen von Meier hat der veröffentlichte Brief von Joffe an Warburg "für Entsetzen in der Zeit-Redaktion gesorgt": "Zwar ist man sich sicher, dass Joffe tatsächlich keinen Einfluss auf den veröffentlichten Artikel genommen hat. Denn dieser Artikel sei schließlich in der geplanten Form erschienen, wie auch mehr als ein Dutzend weiterer Artikel zum Fall. Doch der Duktus des Briefes beschädige die Integrität der Redaktion, indem er den Eindruck erwecke, diese sei tatsächlich zu beeinflussen."

Freundschaften von so gut vernetzten Journalisten wie Josef Joffe mit Entscheidern aus Politik und Wirtschaft seien vielleicht sogar die Regel. Gut für den Journalimus seinen sie aber eher nicht, kommentiert Meier in der Welt. Wo Grenzen überschritten würden, müssten Konsequenzen gezogen werden.

Das haben die Zeit-Verleger Dieter und Stefan von Holtzbrinck nun getan. Bereits in der Vergangenheit war im Hause Holtzbrinck Tradition, die Unabhängigkeit der Redaktion hochzuhalten. Ehemalige Führungskräfte hatten stets betont, dass vor allem Dieter von Holtzbrinck bei Verstößen gegen diese Leitlinie empflindlich reagiert hat.

Zur Frage, ob Joffe künftig noch für die Zeit schreiben werde, heißt es bei der Zeit, das entscheide "von Fall zu Fall die Redaktion".              

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