Süddeutsche Zeitung schreibt: Nannen gehört vom Sockel geholt

23.05.2022
 

Der neue stern-Chefredakteur Gregor Peter Schmitz stellt die Person Henri Nannen massiv infrage. Dass das gerade jetzt passiert, hängt nach Ansicht der Süddeutschen Zeitung auch mit dem Eigentümerwechsel beim ehemaligen Gruner+Jahr-Magazin zusammen.

"Es ist sicher kein Zufall, dass der Stern sich gerade jetzt in Sachen Nannen Aufklärung verordnet. Der Hamburger Traditionsverlag Gruner + Jahr ist an RTL verkauft worden, wo man Nannen nichts verdankt. Und der Stern hat mit Gregor Peter Schmitz einen neuen Chefredakteur, der ein Interesse daran haben muss, dass sein Magazin nicht irgendwann von der Vergangenheit des Gründers eingeholt wird", schreibt Christian Mayer in der Süddeutschen Zeitung. Der Ressortleiter Gesellschaft und Wochenende der SZ erinnert daran, dass Schmitz genau im selben Jahr seinen eigenen Nannen-Preis erhielt, in dem der ebenfalls ausgezeichnete US-Investigativjournalist Jacob Appelbaum die Rolle Nannens in der Nazizeit anprangerte und ankündigte, deshalb seine Trophäe einschmelzen zu lassen.

Henri Nannen habe sich lange auf der sicheren Seite fühlen können. Mit wohltemperierten Bekenntnissen, wie 1989 in einem Fernsehinterview: "Wir waren zu feige, wir waren zu opportunistisch. Das waren wir, meine Generation", habe sich Nannen geschickt aus der Affäre ziehen können - die meisten Journalisten hätten sich damit zufrieden gegeben, so Mayer in der SZ. Es habe ja noch so viel anderes mit dem Zeitzeugen Nannen zu bereden gegeben: Die nackten Frauen auf dem Cover des Stern, die politischen Aktionen ("Wir haben abgetrieben!"), das Debakel um die gefälschten Hitler-Tagebücher.

Doch nun hätten sich die Zeiten geändert: Der Stern, der mal eine Auflage von zwei Millionen erreichen konnte, spreche eher eine woke Zielgruppe an: "Heute wäre ein launenhafter Großjournalist, der eine Redaktion nach Gutsherrenart regiert, Mitarbeiter demütigt und das Geld, das in den guten Zeiten reichlich vorhanden war, aus dem Fenster schmeißt, nicht mehr vorstellbar", meint Christian Mayer.

Die SZ-Führungskraft fordert: "Ein großer Rabauke, irgendwie genial. Vom Sockel geholt gehört er [Nannen] trotzdem."

Hintergrund: Der neue stern-Chefredakteur Gregor Peter Schmitz hat auf Recherchen des NDR zur Rolle von Henri Nannen im Zweiten Weltkrieg reagiert (kress.de berichtete). Schmitz lobt die NDR-Rechercheure ausdrücklich für ihre Arbeit - und kündigt an: "Als Magazin, das Henri Nannen geprägt hat, wollen wir uns der Debatte stellen, ob wir noch kritischer als bisher auf den (komplizierten) Menschen Nannen schauen müssen und wie sehr die oft angeführten Argumente zu seinen Gunsten noch taugen: dass so viele andere Deutsche auch oder schlimmer schuldig geworden sind, dass er nach dem Krieg die deutsche Demokratie durchlüftet hat. Dass er die eigene Schuld durchaus thematisierte, auch als Auftrag, nie wieder so ein Regime zuzulassen."

Der neue stern-Lenker Gregor Peter Schmitz will jede neue Erkenntnis, jedes neue Detail nutzen, um bisherige Bewertungen wieder und wieder infrage zu stellen. Deshalb werde man in den kommenden Wochen im stern offen um die Frage ringen, wie man die Person Nannen bewerten soll, ob er weiter Namensgeber einer Schule sein könne, in der junge Journalistinnen und Journalisten ausgebildet werden, ob einer der renommiertesten Medienpreise seinen Namen tragen und ob Henri Nannen im stern-Impressum Gründungsherausgeber bleiben soll.

"Und wir werden, wie schon länger geplant, anlässlich des 75. Geburtstags des stern alle Facetten seiner Tätigkeit in den Nazijahren von Fachleuten untersuchen lassen - und auch eine mögliche Einflussnahme Nannens auf die spätere Berichterstattung im stern", stellt Schmitz klar. Das sei keine Demontage und erst recht keine Kampagne. Es sei das, was der Journalist Henri Nannen Generationen von Journalistinnen und Journalisten aufgetragen habe: den Dingen auf den Grund zu gehen.

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