Christoph Schwennicke: Die Verlage sind wieder dabei, einen Jahrhundertfehler zu machen

23.05.2022
 

"Der erste große Fehler der Verlage war es, Texte gratis ins Netz zu stellen", stellt Christoph Schwennicke in der SZ fest. Wenn professioneller Journalismus überleben soll, müssten deutsche Verlagshäuser einen zweiten vermeiden.

Nach Ansicht von Christoph Schwennicke, Geschäftsführer der Verwertungsgesellschaft Corint Media, ändert sich gerade vieles zu Gunsten der Verlage: "Neben dem Presseleistungsschutzrecht schafft auch der Digital Markets Act der Europäischen Union die rechtlichen Grundlagen für fairen Wettbewerb. In den USA debattiert man ganz anders über die Verantwortung der Digitalkonzerne und die Frage, wer Inhalte wie verwerten darf. Vor allem aber haben Streamingdienste wie Netflix und Amazon die Nutzerinnen und Nutzer an das Abomodell gewöhnt. Die sind nun bereit, für Qualität im Netz auch zu bezahlen", schreibt Schwennicke in einem Gastbeitrag in der Süddeutschen Zeitung.

Irgendwann hätten sogar die großen Plattformen begriffen, dass da ein Prozess im Gange sei, der ihr Geschäftsmodell untergrabe. "Ohne Inhalte funktioniert Google nicht mehr. Niemand braucht eine Suchmaschine. Aber jeder braucht Suchergebnisse. Und die kommen zu großen Teilen von der Presse. Ohne Presseinhalte ist auch Facebook todgeweiht, denn kein Mensch schaut sich auf Dauer nur diesen schlecht gelaunten Schund an, den weite Teile der Nutzer dort verbreiten. Facebook lebt zu einem guten Teil davon, dass Menschen ihren Freunden Presseinhalte anbieten. Das Überleben der traditionellen Medien ist auch für die Plattformen selbst existenziell", so Schwennicke.

Gerade mit diesem Mehrwert sei das neue Presseleistungsschutzrecht zu begründen: Es sollte die Digitalmonopolisten zwingen, für die Presseinhalte pauschal zu bezahlen, mit denen sie bislang gratis ihr Geschäftsmodell zum eigenen Vorteil betrieben. Dieses Recht ist für Schwennicke das schärfste Schwert, das die Presse bislang im Überlebenskampf gegen die Digitalkonzerne von der Politik an die Hand bekommen habe. Doch leider sei die Branche zum zweiten Mal in einem Vierteljahrhundert dabei, einen Jahrhundertfehler zu machen:

"Statt die Gunst des Gesetzes zu nutzen, leistet sich die Branche Scharmützel in ihrem Verband. Eitelkeiten, Animositäten und Missgunst triumphieren über Vernunft und Gemeinsinn. Nun steht vielen von ihnen das Wasser bis zum Hals. Sie brauchen das schnelle, kleine Geld von Google zum Überleben. Viele können auf das große Geld nicht warten, das vermutlich erst nach einem Gerichtsverfahren rückwirkend fließen wird. Die horrend steigenden Papierkosten machen die Lage nicht leichter. Die Digitalkonzerne nutzen die Not der Branche aus, die sie selbst geschaffen haben und missbrauchen ihre Monopolstellung, um den Inhaltlieferanten Dumping-Preise zu diktieren."

Was Schwennicke Hoffnung macht: Es bewege sich atmosphärisch etwas und politisch: "Die Plattformen werden nicht mehr romantisiert als Urquell einer neuen Form der Demokratie. Vielmehr wird ihre gesellschaftszersetzende Seite gesehen. Lange Zeit hat sich die Politik nicht an die Plattformen herangetraut. Lange Zeit herrschte auch in einem Teil der, vor allem jüngeren, Öffentlichkeit der irrige Glaube vor, dass das Netz und seine Betreiber das Gute sind und jeder automatisch der Böse, der sie den fairen Bedingungen eines Marktes unterwerfen möchte. Längst sieht das Gros der Nutzerinnen und Nutzer die digitalen Räume äußerst kritisch. Die Politik hat das allmählich begriffen und handelt. Es wird Zeit, dass es auch die Verlage begreifen und ihren Fehler korrigieren. Sonst war es ihr letzter."

Zur Person: Christoph Schwennicke ist Geschäftsführer der Verwertungsgesellschaft Corint Media, die die Urheber- und Leistungsschutzrechte von 180 Privatsendern und über 300 digitalen Verlagsangeboten vertritt. Schwennicke, Jahrgang 1966, hat nach Stationen und Leitungsfunktionen in den Parlamentsredaktionen der Badischen Zeitung, der Süddeutschen Zeitung und des Spiegels neun Jahre als Chefredakteur und Herausgeber von "Cicero" gearbeitet. Er zählt zu den namhaften politischen Publizisten in Deutschland und ist regelmäßiger Gast politischer Talkshows und Presserunden in Radio und Fernsehen. Als Journalist hat er zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter den Theodor-Wolff-Preis, den Henri-Nannen-Preis sowie den Medienpreis des Deutschen Bundestages.

Exklusive Storys und aktuelle Personalien aus der Medien- und Kommunikationsbranche gibt es von Montag bis Freitag in unserem kressexpress. Kostenlos unseren Newsletter abonnieren.

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.