Wie Chefredakteur Sascha Chaimowicz das Zeit Magazin weiterentwickelt - wie er tickt und wie er führt

 

Mit einer brisanten Titelgeschichte über den Kinderfotografen Achim Lippoth, der junge Modelle missbraucht haben soll, brachte Chefredakteur Sascha Chaimowicz das Zeit Magazin pünktlich zum 15-Jahre-Jubiläum in die Schlagzeilen. Im kress.de-Interview verrät Chaimowicz seine Taktik.

kress.de: Herr Chaimowicz, oft nimmt man ja runde oder halbrunde Geburtstage zum Anlass nicht nur zur Nabelschau, sondern um Zukunftsentscheidungen zu treffen. Was ist Ihnen bei der Zeit Magazin-Neuausrichtungen aktuell besonders wichtig?

Sascha Chaimowicz: Ich halte nichts davon, in kurzer Zeit möglichst viel zu verändern, einfach nur damit die Branche merkt: Da weht jetzt ein ganz neuer Wind. Wofür das ZEITmagazin heute steht, kann man gut anhand der Titelgeschichten der vergangenen Ausgaben erkennen: Wir hatten eine investigative Titelgeschichte über den berühmten Kinderfotografen Achim Lippoth, in der wir aufdecken, dass er seine Kindermodels sexuell missbraucht haben soll. Er bestreitet das.

Wir haben der Geschichte einer Jugendlichen namens Ella eine ganze Ausgabe gewidmet: Vor acht Jahren entschied sie, dass sie eine Frau werden will - wir haben Ella seitdem begleitet. Und nachdem im Netz alles ständig bewertet wird - die beste Pizza, der beste Friseur - fragten wir uns, wie es eigentlich denen geht, die im Ranking ganz unten stehen. Also haben wir eine Reise zu den am schlechtesten bewerteten Orten Deutschlands unternommen. Diese Vielfalt an Themen, die Mischung aus Leichtem und Schwerem, aus gesellschaftlicher Relevanz, Originalität und Weltläufigkeit, macht das ZEITmagazin für mich aus.

Das von Ihnen geführte Magazin dürfte eine treue Leserschaft haben, die an viele Details gewohnt ist. Wie behutsam muss man, wie forsch kann man da als Chefredakteur überhaupt an Stellschrauben drehen?

Es geht mir darum, das Zeit Magazin gemeinsam mit der Redaktion kontinuierlich weiterzuentwickeln. Das heißt: Das Gute bewahren, beliebte Kolumnen wie der Wochenmarkt und Martenstein etwa, die seit Jahren laufen, sind kostbar. Und auf möglichst überzeugende neue Ideen kommen - wir haben unser 15-jähriges Jubiläum gefeiert, in dem wir neun Menschen aus neun Jahrzehnten fragten, wie es für sie war, fünfzehn zu sein: Von Marina Weisband über Bruce Darnell bis Konstantin Wecker. Seit Kriegsbeginn zeichnet der Illustrator Sergiy Maidukov, der sonst für Zeitschriften wie den New Yorker arbeitet, wöchentlich für uns Alltagsszenen aus Kiew. Wir haben ein neues Interviewformat namens "Unter uns" entwickelt, in dem Angehörige einer Migrationsgruppe - Deutschtürken etwa oder Deutschitaliener - miteinander diskutieren und streiten. Denn oftmals ist es ja leider so, dass man in den Medien immer nur die Lautesten mitbekommt, die Diversität der Meinungen innerhalb der Communities ist zu wenig sichtbar. Manchmal sind es auch die kleinen Einfälle: Statt für unser Adele-Interview mit Fotos der Sängerin auf dem Doppelcover zu arbeiten, entschieden wir uns für eine minimalistische Variante: Auf Cover eins stand einfach das Wort "Hello", auf dem zweiten "It's me". Sowas gefällt mir.

Längere Zeit hatten Sie das Magazin in einer Doppelspitze mit Maria Exner geführt - übrigens ähnlich, wie das die Kollegen vom "SZ Magazin" ja auch machen. Wie sehr vermissen Sie jetzt schon die bisherige Aufgabenteilung und die Freiheiten, wenn man sich gegenseitig auch mal den Rücken schützt?

Ich glaube, der entscheidende Faktor dafür, dass wir als neue Chefredaktion erfolgreich sind, ist, dass wir sehr vertrauensvoll und partnerschaftlich zusammenarbeiten. Das klingt nach Floskel, ist für mich aber wirklich essenziell: Natürlich trage ich als Chefredakteur die Verantwortung, aber es ist mir wichtig, dass wir alles - von der Themenidee bis zur Personalentscheidung - innerhalb der Chefredaktion offen besprechen und kritisieren können. Führungsjobs verführen dazu, Beschlüsse schnell zu fällen, gerade vor Publikum, um stark und souverän zu wirken, doch ich bin überzeugt: Viele Entscheidungen unserer Chefredaktion wurden durchs Diskutieren besser. 

Sie haben das Führungsteam neu ausgerichtet: Wie soll es konkret neue Akzente setzen?

Anna Kemper, Emilia Smechowski und Tillmann Prüfer haben vor ihrer Zeit in der Chefredaktion alle schon etliche Texte geschrieben, die ich idealtypisch fürs Zeit Magazin halte - vom preisgekrönten Interview über deutsche Erziehung über die monatelang recherchierte Reportage über einen Kriegsverbrecherprozess bis hin zum Essay übers Vatersein. Mit ihrem Gespür für außergewöhnliche Geschichten und Ideen - sowohl für die leichten, heiteren, komischen als auch für die ernsten, gesellschaftspolitisch relevanten - machen sie das Zeit Magazin als stellvertretende Chefredakteure noch stärker.

Ihr Magazin ist Beiboot einer Wochenzeitung, was dem Zeit Magazin eine gewisse Sonderstellung gibt. Wie teilen Sie sich mit den Zeitungskollegen eigentlich die Themen auf und wie positionieren Sie das Magazin gegenüber dem Mutterblatt?

Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal ist die Optik: Wir können großzügiger mit Fotos und Illustrationen umgehen, und können beim Layout, mit der Typographie etwa, noch experimenteller sein. Fast alles, was Sie im Zeit Magazin sehen, die Fotos, die Zeichnungen, produzieren wir mit unserem Netzwerk an Künstlerinnen und Fotografen weltweit selbst. Jede Idee, die wir fürs Magazin umsetzen wollen, besprechen wir zu Beginn mit Jasmin Müller-Stoy, unserer Art Direktorin, Mirko Borsche, dem Creative Director, ihrem Layout-Team und der Fotoredaktion, die derzeit von Maximilian Virgili geleitet wird und nach ihrer Elternzeit wieder von Milena Carstens. Gerade in düsteren Zeiten wie diesen zeigt sich auch eine inhaltliche Rollenverteilung zwischen dem Magazin und dem Hauptblatt besonders deutlich: Wir sehen unsere Aufgabe neben gesellschaftlicher Relevanz schon auch darin, nach dem Schönen in der Welt Ausschau zu halten. Die Eleganz, die Lebensfreude, der Glamour und der Genuss - alles wichtig fürs Zeit Magazin.

Lange galten die großen Zeitungsmagazine als Luxusvergnügen für Leser, die nicht nur in schönen, meist opulent bebilderten Magazinstrecken, sondern auch in die Welt sehnsüchtig stimmender Anzeigenversprechen eintauchten. In wie weit ist diese Ausflucht, die man auch für etwas dekadent halten könnte, noch zeitgemäß?

Mit dieser Widersprüchlichkeit leben doch wahrscheinlich die meisten von uns: Wir nehmen Anteil am Weltgeschehen, lesen über Krieg, Klimakrise und Artensterben, und wollen aber auch, dass es Momente in unserem Leben gibt, die wir einfach genießen können. Ich glaube, diese Momente müssen nichts mit Überfluss oder Dekadenz zu tun haben - in Elisabeth Raethers Kochkolumne "Wochenmarkt" werden Sie kein Foie Gras finden, eher das Grilled Cheese Sandwich. Und wenn unsere Style Directorin Claire Beermann über Mode schreibt, dann zum Beispiel über ihre wochenlange Online-Jagd nach der einen Vintage-Jacke. Wenn ich an Genuss im Zeit Magazin denke, geht es also nie um das Anhäufen möglichst vieler prestigeträchtiger Luxusgüter, sondern um diese kleinen Glücksmomente, nach denen wir uns doch auch in schlechten Zeiten sehnen.

Traditionell kommt die Lebensfreude im Zeit Magazin nicht zu kurz: Wie wollen Sie die typischen Genuss-Themen stärken?

Vor kurzem ist unsere zweite Zeit Magazin Wochenmarkt Ausgabe erschienen: Ein Kioskheft mit 40 Rezepten, die zum Frühsommer passen, aber auch mit Interviews, Porträts und Reportagen übers Essen und Trinken, recherchiert und geschrieben von Zeit-Autorinnen und Autoren. Ein Highlight der Ausgabe ist für mich zum Beispiel ein Interview von Elisabeth Raether mit dem Sternekoch Christian Jürgens, der, wie ich dort gelernt habe, immer mit seinen drei Michelin-Sternen unterschreibt. Zwei Mal im Jahr bringen wir zusätzlich eine Genuss-Ausgabe des wöchentlichen Zeit Magazins heraus, im Frühjahr war es ein Heft über scharfes Essen.

Wie kann man das vermutlich vielen Lesern liebgewonnene Kochen passend zur Zeit interpretieren und vielleicht sogar noch stärker beleben?

Da auch das Essen politischer geworden ist, spielt es auch außerhalb der Spezial-Ausgaben eine wichtige Rolle fürs wöchentliche Zeit Magazin, es gibt einfach so viele gute Geschichten zu erzählen. Ich denke zum Beispiel an ein Interview neulich mit der kanadisch-vietnamesischen Schriftstellerin Kim Thúy Ly Thanh, die bei uns erzählt hat, wie sie in einem Flüchtlingslager ihre Liebe zum Essen entdeckte und warum die vietnamesische Küche weltweit so beliebt geworden ist. Oder an eine Reportage unserer China-Korrespondentin Xifan Yang, die in die chinesische Provinz Sichuan gefahren ist, um die dortige von Pfeffer- und Chiliaromen geprägte Küche und ihren Meister, einen Chefkoch namens Lan Guijun, zu porträtieren. Das sind Stücke, die zum Zeit Magazin passen, weil Sie tiefgründig sind und Lesefreude machen.

Welche Geschäftsmodelle, die über das klassische Magazingeschäft hinausgehen, ergeben sich daraus und wie wichtig sind die für Ihre Gesamtbilanz?

Auch der digitale Wochenmarkt, unser tägliches Angebot, wächst. Ich glaube, das liegt an der Kombination aus Nutzwert und Lesegenuss. In der Rezeptdatenbank zum Beispiel können Sie eingeben, mit welcher Zutat Sie kochen wollen, wie viel Zeit Sie haben, und wie aufwändig es sein soll, und Sie erhalten die passenden Vorschläge. Sie finden informative Interviews über Kinderernährung, Geschmacksforschung oder die Frage, welche Fische man halbwegs guten Gewissens essen kann. Es gibt einen wöchentlichen Newsletter mit Rezeptvorschlägen. Und Formate wie die digitale Wein-Kolumne des ehemaligen Zeit-Redakteurs Gero von Randow, die einfach Spaß machen. Das ist, glaube ich, sowieso der Schlüssel, gerade wenn man Erfolg hat und wächst: Dahinter steckt eine Redaktion, die Leidenschaft hat für alles, was mit Essen und Trinken zu tun hat. Das spüren die Leser. Als das Zeit Magazin Wochenmarkt in den Redaktionsräumen angeliefert wurde, war es in kurzer Zeit vergriffen. Das ist schon mal ein gutes Zeichen. 

Zur Person: Sascha Chaimowicz wurde 1984 in München geboren. Er begann ein Medizinstudium, ließ sich dann aber an der Deutschen Journalistenschule in München ausbilden. Danach war er unter anderem sechs Jahre für die frühere Gruner + Jahr-Zeitschrift "Neon" tätig, zuletzt als stellvertretender Chefredakteur. Seit 2016 er als Redakteur für das Zeit Magazin. Seit April ist er alleiniger Chefredakteur beim Zeit Magazin, nachdem seine bisherige Co-Chefredaktin Maria Exner zur Stiftung Publix wechselte (kress.de berichtete).

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