Boie gegen Reichelt: Duell auf dem Boulevard

 

Bei Axel Springer beobachten nicht wenige argwöhnisch, wie viel Aufmerksamkeit Ex-Bild-Chefredakteur Julian Reichelt als One-Man-Show digital auf sich zieht. Und wer spricht eigentlich über Johannes Boie? Zur neuen kress pro-Kolumne.

Aus der Kolumne "Aus unseren Kreisen" im neuen kress pro - Magazin für Führungskräfte in Medien:

Die Enttäuschungen auf beiden Seiten waren riesig. Julian Reichelt war nach seinem Rauswurf sauer, dass Springer-Chef Mathias Döpfner ihn nach den Vorwürfen des Machtmissbrauchs geopfert hat, und unterstellte ihm in seinem "Zeit"-Interview Ende vergangenen Jahres knallhart, gelogen zu haben. Bei Springer hingegen fanden viele das Nachtreten Reichelts total unmöglich.

Jetzt werkelt der Ex-"Bild"- Chef ja in Berlin mit einer kleinen Mannschaft an einer eigenen Medienmarke. Viel mehr weiß man auch sieben Monate nach seinem Rauswurf bei Axel Springer noch nicht. Wer allerdings die Aktivitäten von Reichelt auf den sozialen Medien verfolgt, der kann erahnen, gegen wen der ehemalige "Bild"-Chef mit seinen knalligen, rechtsbürgerlichen Ansagen antreten wird: gegen "Bild". Das sehen auch bei Axel Springer nicht wenige so und beobachten argwöhnisch, wie viel Aufmerksamkeit der ehemalige Chef als One-Man-Show immer noch auf sich zieht. Und mancher stellt sich die Frage: Welche Rolle spielt eigentlich Reichelts Nachfolger Johannes Boie in der öffentlichen Debatte? Antwort: eine kleine.

Beispiel: Die SPD und der Krieg. Boie twittert: "Mein Eindruck: Die Ukraine nimmt sehr genau wahr, wie sehr sich das Außenministerium um ihr Land kümmert und wie sehr die SPD bremst. Vom Verteidigungsministerium bis zum Kanzleramt."

Mein Eindruck: Das ist alles, aber kein Boulevard.

Bei Reichelt hört sich das gleiche Thema so an: "Die SPD ist korrupt und russisch unterwandert. Wer SPD wählt, wählt die Kollaborateure des Kreml. (...)" Und über den SPD-Generalsekretär schreibt er: "Kevin Kühnert ist ein kleingeistiger, zickiger Putschist."

Rums. Als Führungskraft hat Reichelt im Umgang mit Menschen versagt, aber Boulevard kann er.

Digitalprofis bei anderen Nachrichtenmarken sind überzeugt, dass es in Deutschland einen Markt für ein knalliges Reichelt-Portal gibt, das politisch irgendwo rechts der Mitte steht. Dabei würde der Ex-"Bild"-Chef im gleichen Becken fischen wie die ehemaligen Springer-Kollegen.

Wirklich interessant wird das Ganze erst dann, wenn Reichelt mit seinem Projekt endlich mal startet. Ganze sieben Monate nach seinem Rauswurf bei Axel Springer gibt es immer noch keinen offiziellen Termin. Wird Reichelt "Bild" attackieren? Es ist immerhin eine Marke, über die er zu "kress pro" mal sagte: "Ich bin so sehr Bild, dass ich niemandem hinterherweine, der sich entscheidet, nicht mehr Bild zu sein."

Abseits des Social-Media-Gebimmels wirken die Bemühungen von Gründer Reichelt noch nicht sehr furchteinflößend. Echte Topleute konnte Reichelt bisher von Springer noch nicht abwerben. Und nicht zu unterschätzen ist, dass Reichelts Startup etwas braucht, was er bei Springer immer hatte: gute Leute im Tech-Bereich und eine professionelle Vermarktung.

Es kann gut sein, dass Reichelt bald feststellen wird, dass er bei "Bild" am besten funktioniert hat. Und es kann gut sein, dass Axel Springer bald feststellen wird, dass "Bild" mit Reichelt am besten funktioniert hat.

Autor: Markus Wiegand, Chefredakteur kress pro

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