Von "beeindruckend" bis "peinlich": Was Medienprofis zum Merkel-Interview mit Alexander Osang sagen

08.06.2022
 

Altkanzlerin Angela Merkel hat sich am Dienstagabend zum ersten Mal seit Ende ihrer Amtszeit in einem Interview geäußert. Gegenüber dem Spiegel-Reporter Alexander Osang nahm sie auch Journalisten auf die Schippe. Wie Medienprofis wie Melanie Amann, Ulrich Reitz, Nikolaus Blome, Nils Minkmar, Paul Ronzheimer ihren Auftritt bewerten - und warum Marc Felix Serrao Alexander Osang peinlich fand.

Die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel hat ihre Russland-Politik während ihrer 16-jährigen Amtszeit gegen Kritik angesichts des eskalierten Ukraine-Konflikts verteidigt. Eine Entschuldigung für die von vielen als zu nachsichtig gegenüber Russland kritisierte Politik lehnte sie am Dienstagabend in Berlin in ihrem ersten großen Interview seit Ausscheiden aus dem Amt ab. "Also ich sehe nicht, dass ich da jetzt sagen müsste: Das war falsch, und werde deshalb auch mich nicht entschuldigen", so Altkanzlerin Merkel im Phoenix-Interview mit Alexander Osang. Merkel verurteilte den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine scharf. "Das ist ein brutaler, das Völkerrecht missachtender Überfall, für den es keine Entschuldigung gibt." Der Angriff sei von Russlands Seite ein großer Fehler.

Gegenüber dem Spiegel-Journalisten Osang, der sie mehrfach porträtiert hatte, erklärte Merkel auch, warum sie sich nach ihrem Ausscheiden aus dem Amt nicht zu tagesaktuellen Themen äußern will. Mit ihrer Erklärung brachte Merkel das Publikum im Berliner Ensemble zum Lachen:

"Ich suche mir aber aus, was ich mache, wo ich auftrete, was ich machen will. Ich möchte Sachen machen, die mir Freude machen. Ich möchte jetzt keine Journalistenschelte machen, aber wenn ich dann lese 'Merkel macht nur noch Wohlfühltermine' - dann kann ich nur sagen: Ja."

Merkel betonte weiter, dass sie als Bundeskanzlerin a.D. zwar keine ganz normale Bürgerin sei, doch sei es auch nicht ihre Aufgabe, ständig Kommentare von der Seitenlinie zu geben.

Marc Felix Serrao, Chefredakteur von NZZ Deutschland, fand den Abend eher peinlich, aber nicht wegen Merkel:

"Es wäre schön gewesen, wenn Angela Merkel bei ihrem ersten grösseren Auftritt seit dem Ende ihrer langen Amtszeit einen Gesprächspartner gehabt hätte, der sie nicht anhimmelt. Doch der Kanzlerin ausser Diensten sass auf der Bühne des Berliner Ensembles an diesem Dienstagabend ein Journalist gegenüber, der zumindest mit ihr als Gesprächspartnerin ausserstande war, vernünftige, also aus einer professionellen Distanz gestellte Fragen zu formulieren. 'Meine Kanzlerin wird sie sowieso immer bleiben', bekennt der in deutschen Journalistenkreisen sehr angesehene Spiegel-Reporter Alexander Osang gleich zu Beginn und behält den Flötenton für den Rest des Abends bei", so Serrao in seiner Kritik über "Frau Merkel und ihr Fan vom Spiegel".

Melanie Amann, Mitglied der Chefredaktion beim Spiegel, nennt den ersten Auftritt der Altkanzlerin einen Wohlfühltermin voller Widersprüche. Die Altkanzlerin wolle im Umgang mit Putin alles richtig gemacht haben - und widerlege sich in ihren Antworten selbst.

Focus Online-Korrespondent Ulricht Reitz arbeitet in seinem Kommentar drei Punkte heraus, die ihn besonders beeindruckt haben. So schreibt Reitz: "Merkel jedenfalls verteidigt ihre Weichenstellungen faktenstark, selbstbewusst, staatsmännisch und souverän. Und hier ein anderer großer Satz Merkels, groß, weil mutig just in dieser Zeit: 'Russland ist ein faszinierendes Land.' Und: 'Die Tragik wird größer dadurch, dass ich dieses Land mag.'" 

Auch auf Twitter herrscht unter Medienprofis großes Interesse an dem Gespräch:

Paul Ronzheimer, Stellvertretender Chefredakteur der Bild-Zeitung und Ukraine-Kriegsreporter, meint:

"Als der Reporter zur Begrüßung sagte, dass Merkel 'sowieso immer meine Kanzlerin' bleiben werde, war der Ton und die mangelnde Schärfe für das Gespräch leider gesetzt. Vor allem beim Thema Ukraine viel zu wenig kritische Nachfragen #Merkel"     

SZ-Autor Nils Minkmar fand alles "sehr entspannend" und fragt: "Werden die beiden damit auf Tour durch Kurorte gehen? #Merkel"

Übermedien-Gründer Stefan Niggemeier bemerkt: "Angela #Merkel erzählt, dass sie fünf Wochen an der Ostsee war, in ihrem ehemaligen Wahlkreis, Wandern, Kapuze auf, Hörbücher ('Macbeth', 'Don Carlos'). 'Und weil die Leute dort an mich gewöhnt sind, sind sie auch sehr schweigsam.'"

Robin Alexander, stellvertretender Chefredakteur der Welt, schreibt:

"#Merkel gibt zur Russlandpolitik die Piaf: 'Je ne regrette rien!' Und für den Zustand der Bundeswehr ist der Haushaltsausschuss verantwortlich ..."

RTL-Politik-Chef Nikolaus Blome twittert:

"Angela #Merkel räumt ihr Scheitern bei Putin ein, ist sich aber keiner Schuld oder Versagens bewusst. Es sei es wert gewesen, es versucht zu haben. Das stimmt zwar, aber damit kann man halt alles und nichts begründen. Darum reicht es nicht."

Und weiter:

"Diplomatie ist ja nicht falsch, nur weil sie nicht gelingt", sagt Angela #Merkel. Deshalb werde sie sich "nicht entschuldigen". Aber die Frage ist doch, WARUM diese Diplomatie mit #Putin nicht funktioniert hat, mithin: Was an der real praktizierten Diplomatie falsch war.

Lars Radau, Geschäftsführer des DJV Sachsen, geht noch mal auf die Rolle von Alexander Osang ein: "Ich bin großer Fan von Alexander #Osang - als Autor. Und seine Art zu fragen, funktioniert sicherlich hervorragend, Protagonisten seiner Reportagen aufzuschließen. Aber nicht, wenn er selbst Akteur ist, als Interviewer von #Merkel - zumal live, im Fernsehen."

Zeit-Journalist Stefan Schirmer sieht das ähnlich: Der #Spiegel macht das schon richtig, dass er Alexander #Osang als Reporter angestellt hat, nicht als Moderator."

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