"Kisch, Tucholsky oder Heine würden heute keine Festanstellung anstreben": Marco Eisenack im Köpfe-Interview

 

Neue, eigene Wege gehen: Marco Eisenack, Medienunternehmer und MUCBOOK-Gründer aus München, empfiehlt jungen Journalisten, eigene Geschäftsmodelle zu entwickeln und sich von der starren bestehenden Medienlandschaft zu lösen. Wie das genau funktionieren kann, verrät er im kressköpfe-Interview.

kress.de: Herr Eisenack, das Journalismus Lab der Landesanstalt für Medien NRW macht sich unter anderem für wirtschaftlich tragfähigen Journalismus stark, also auch neue Wege neben dem vermeintlichen Traumberuf einer Festanstellung in einer Redaktion zumindest in Erwägung zu ziehen. Wie sehr stecken die etablierten Journalisten-Berufsbilder Ihrer Meinung nach denn in einer Krise?

Marco Eisenack: Das Wort Krise ist mir hier eigentlich zu negativ. Es vollzieht sich eine Veränderung der Arbeitswelt wie in allen Branchen. Aber es gibt ja eigentlich wirklich wenige Berufe, die alleine schon aus der Historie heraus so sehr mit "freier Kunst" verbunden sind, wie der Journalismus. Nicht nur zu den Anfängen des Journalismus waren die meisten der prägenden Autoren freischaffend tätig, auch in der jungen Bundesrepublik hatten viele Persönlichkeiten des Journalismus bekanntlich keine Festanstellung bzw. gründeten ihre eigenen Medien. Daher sehe ich die Transformation in den Redaktionen aus Sicht von Autoren, die mit ihren Geschichten etwas bewegen wollen keinesfalls einseitig negativ. Anders sieht es natürlich für Autoren aus, die einfach nur "gerne schreiben". Aus Sicht der so genannten Lohnschreiber*innen ist die Entwicklung natürlich bedauernswert.

"Was würden ein Egon-Erwin Kisch, ein Kurt Tucholsky oder ein Heinrich Heine heute tun? Doch sicher keine Festanstellung anstreben."

kress.de: Selbstständige und freie Journalisten gab es ja schon immer. Was macht das Gründungsprojekt für Journalisten aus Ihrer Sicht interessant?

Marco Eisenack: Was würden ein Egon-Erwin Kisch, ein Kurt Tucholsky oder ein Heinrich Heine heute tun? Doch sicher keine Festanstellung anstreben. Oder um auf Brecht Bezug zu nehmen: Noch nie war es so einfach, selber zum Sender zu werden. Es hat sich ein Zeitfenster geöffnet, schier unerschöpflich wirkende neue Möglichkeiten der medialen Berichterstattung zu entdecken. Die alte Medienwelt erodiert. Genau jetzt und heute wird die neue Medienwelt errichtet. Was gibt es Spannenderes, als in dieser Zeit mit einem eigenen Projekt Neuland zu entdecken.  

"Es reicht nicht, Dinge besser machen zu wollen als andere, die diese Dinge bereits tun."

kress.de: Sie unterstützen als Mentor das "Media Innovation Fellowship" des Journalismus Lab der Medienanstalt NRW. Ein Programm, das journalistischen Startups Rückenwind geben soll. Was sind denn die wichtigsten Tipps, die Sie weitergeben können?

Marco Eisenack: Ich empfehle immer, erstmal alles abzuschütteln, was man an Gewissheiten hat, wie Journalismus und sein Geschäftsmodell zu funktionieren haben. Dazu gehört auch, nicht verbessern, sondern erneuern! Hüte dich davor dein Geschäftsmodell auf einer Art Refurbishment aufzubauen. Wenn du aus dem Nichts startest, musst du Neubauten errichten. Es reicht nicht, Dinge besser machen zu wollen als andere, die diese Dinge bereits tun. Wenn andere es bereits tun, gibt es meistens einen Grund, warum sie es nicht besser tun. Meist liegt es am mangelhaften Geschäftsmodell und den dadurch fehlenden Ressourcen. Geh stattdessen lieber neue Wege, die vorher noch keiner gefunden hat.

"Es entstehen stetig neue Medien-Nischen."

kress.de: Sind nicht längst fast alle Medien-Nischen ausgebaut: Wo sehen Sie denn noch Potenzial für mutige Selbermacherinnen und Selbermacher?

Marco Eisenack: Ganz und gar nicht! Unsere gesamte Gesellschaft befindet sich im Umbruch. Noch viel mehr als vor zehn Jahren. Entsprechend groß ist das Informationsbedürfnis der Menschen. Zugleich schreitet die Digitalisierung stetig voran, was neue Kanäle und Finanzierungsmodelle eröffnet. Und das wird so weitergehen. Das anstehende Ende des Trackings leitet ja bereits eine weitere Disruption ein. Es entstehen also stetig neue Medien-Nischen.

kress.de: Was muss man aus Ihrer Sicht mitbringen, um sich mit einer Gründung auf umkämpften Medienmärkten zu behaupten?

Marco Eisenack: Das Bedürfnis, mit seinem Projekt die Welt ein Stückchen besser zu machen. Dann kommt der ganze Rest von alleine.

kress.de: Wie wichtig ist es, sich als Journalist zu einer Marke zu machen, wie man häufig liest?

Marco Eisenack: Unverzichtbar.

kress.de: Sie haben ja nicht nur Print- und Digital-Projekte aus eigener Kraft auf den Weg gebracht, sondern Ihre Marke auf dem durchaus gut besetzten München-Lokalmarkt ja auch "in die echte Welt" ausgedehnt. Wie schwer fiel dieser Schritt, wie wichtig ist er heute fürs Gesamt-Geschäftsmodell?

Marco Eisenack: Gar nicht schwer. Für uns war das inhaltliche Bespielen eigener Flächen eine logische Weiterentwicklung eines Stadtmagazins, die auf der Hand liegt. Ehrlich gesagt wundere ich mich bis heute, warum wir in Deutschland die ersten waren, die konsequent an einer Marke im Raum gearbeitet haben. Dabei hat das Time Out Magazin mit dem Time Out Market ja schon vor ein paar Jahren gezeigt, wie viel Musik da drin steckt. Mit dem MUCBOOK CLUBHAUS sind wir inhaltlich aber noch viel näher am journalistischen Produkt. Mit innovativen Talkformaten (wie z.B. der Creative Night) und Veranstaltungsreihen wie Munich Next Level kuratieren wir Themen und Akteur*innen der Stadt nach Nachrichtenwerten als sei es für die Ausgabe eines Magazins. Neue Medien müssen nicht immer digital sein. Der Raum ist das älteste Medium der Welt. Wir haben den physischen Raum für den Lokaljournalismus zurückerobert. In der Gesamtheit setzt der  Geschäftsbereich inzwischen mehr als ein Drittel der Erlöse um.

kress.de: Wenn Sie auf eigene frühere Berufsstationen, feste wie freie, zurückblicken: Welche haben Sie für Ihre aktuellen Aufgaben am stärksten geprägt?

Marco Eisenack: Tatsächlich war es vor allem die Ausbildung. Sowohl der geballte Input, die klugen Dozenten als auch der Teamspirit der Studierenden haben mich ungemein motiviert. Ich war ja schon fast 30 als ich mit dem Journalismus angefangen habe. Aber auch die sieben Jahre in der Lokalredaktion der SZ - in dieser typischen kuriosen Mischung aus Festanstellung und freier Mitarbeit - haben mich gut auf die heutigen Aufgaben vorbereitet: Es gab einfach nie eine Komfortzone.

kress.de: Irgendwann muss ja auch Feierabend sein: Wie tanken Sie denn selbst Ihre Batterien wieder auf?

Marco Eisenack: Indem ich meine Zeit mit einer ganz wunderbaren Frau verbringen darf. Und da bin ich der Pandemie fast ein bisschen dankbar für die Veränderungen, die sie brachte. Seit Corona habe ich kein Büro mehr und arbeite die meiste Zeit von daheim. Im Homeoffice entstand für mich die Möglichkeit Meditation und Sport in den Alltag zu integrieren.

kress.de: Was bringt Sie auf die besten Ideen?

Marco Eisenack: Fahrradfahren.

kress.de: Sie führen ein kressköpfe-Profil. Wie wichtig ist das Netzwerken für Sie?

Marco Eisenack: Ohne meine Lust auf Netzwerken gäbe es den MUCBOOK Kosmos nicht. Allerdings bin ich vor allem getrieben davon, andere Menschen miteinander in Verbindung zu bringen und sie durch Synergien zu stärken. Dazu passt auch unser Motto "Weniger Bussi Bussi, mehr Amore". Vielleicht entsteht dann so ein Karma-Ding.

kress.de: Welche Neuigkeiten und beruflichen Inspirationen ziehen Sie aus Ihrer Lektüre von kress.de und kress pro?

Marco Eisenack: Wenn ich Geschichten von anderen Medienmacher*innen lese, bringen sie mich immer auf mindestens drei neue Ideen.

Hintergrund: Das Journalismus Lab der Landesanstalt für Medien NRW will die Vielfalt am Medienstandort des Bundeslandes, aber auch neue journalistische Projekte, darunter viele Start-ups, fördern. Dafür gibt es neben finanzieller und logistischer Unterstützung auch ein Mentorenprogramm durch erfahrene Gründerpersönlichkeiten und journalistisch vorgeprägte Medienunternehmer wie den MUCBOOK-Initiator Marco Eisenack, der einst die der Deutschen Journalistenschule in München absolviert hatte und länger für die Süddeutsche Zeitung schrieb. Leiterin des Journalismus Lab ist Simone Jost-Westendorf. Alle Infos zu den Innovationsförderprogrammen gibt es hier: https://www.medienanstalt-nrw.de.

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