Medienprofis auf Jobsuche: Welcher Arbeitgeber würde zu mir passen?

 

Bei welchem Medienhaus bewerben und wo lieber gar nicht erst versuchen? Wer auf die Werte und Kultur eines möglichen neuen Arbeitgebers achtet, reduziert das Risiko falscher Entscheidungen. Doch das setzt voraus, die eigenen Wünsche genau zu kennen, sagt Mediencoach Attila Albert.

Wäre es eine Verbesserung, von der Süddeutschen Zeitung zum Spiegel zu wechseln, wenn sich die Chance böte? Wird bei Bild Online so ähnlich gearbeitet wie bei Focus Online oder müsste man sich ganz umstellen? Ist eine redaktionelle Stelle bei Ströer (T-Online) oder 1&1 (web.de, gmx.de) heute gleichwertig zu einer in einem klassischen Medienhaus? Wer sich als Medienprofis beruflich verändern will, steht vor derartigen Fragen. Zwar geht es zuerst meist um die mögliche Stelle, Arbeitsort und Einkommen. Direkt danach aber: Passt dieser Arbeitgeber überhaupt zu mir, würde ich dort gerne und erfolgreich arbeiten?

Wer im Laufe seines bisherigen Berufslebens schon mehrmals den Arbeitgeber gewechselt hat, konnte sich bereits einen eigenen Eindruck davon verschaffen, wie es unterschiedlich es andernorts zugeht. Andere kennen bisher nur wenige oder gar nur das aktuelle Unternehmen. Das kann bei einem Wechsel zu unschönen Überraschungen führen. Ich habe immer wieder Kollegen und später Coaching-Klienten erlebt, die begeistert zu einem renommierten Medienhaus - oft zu ihrem Wunsch-Arbeitgeber - gewechselt waren und noch in der Probezeit wieder kündigten: Es war dort ganz anders als erwartet.

Manchmal war die Eigen-PR des Arbeitgebers irreführend. Man fand im neuen Job etwas vor, das so ziemlich das Gegenteil des Versprochenen darstellte (dafür überraschen andere natürlich positiv). Meist hatten sich die Medienprofis aber vorab gar nicht so viele Gedanken darüber gemacht, wie ein bestimmtes Unternehmen kulturell geprägt ist und ob ihnen das entsprechen würde - fanden es nicht so wichtig oder wussten es nicht.

Persönliche Einordnung entscheidet

Die besten Arbeitgeber für Führungskräfte hat Kress Pro in Heft 4/22 bewertet, aufgegliedert nach Mediengattungen (Zeitungen, Zeitschriften usw). Aufschlussreich für alle sind darin insbesondere die Hinweis auf die Firmenkultur. So heißt es beispielsweise zu SWMH (Süddeutsche, Stuttgarter Zeitung): "Eine nach innen und außen völlig intransparente Unternehmenskultur, die nicht zu den Marken passt." Zu Axel Springer: "In keinem anderen Medienkonzern klaffen Anspruch und Wirklichkeit derzeit so weit auseinander." Zu Ströer: "Sehr agiles Umfeld, große wirtschaftliche Dynamik. Auf Wachstumskurs."

Wenn es um einen möglichen Job-Wechsel geht, ist aber die persönliche Einordnung entscheidend. Eine intransparente Firmenkultur z. B. wird der eine als diskret bewerten, der andere als geheimniskrämerisch. Eine große Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist für den einen ambitioniert, für den anderen heuchlerisch. Ein sehr dynamisches Umfeld empfindet der eine als anstrengend, der andere als belebend. Zudem sind die eigene Prioritäten bedeutsam. So hat SWMH, um im Beispiel zu bleiben, einige der angesehensten Marken im Journalismus, dafür zahlt Springer besser. Was ist einem persönlich wichtiger?

Eigene Vorliebe und Werte kennen

Wer einen kulturell passendes Arbeitgeber finden möchte, muss sich zuerst selbst erkennen und annehmen. Sind Sie beispielsweise, wenn Sie ganz ehrlich zu sich selbst sind, eher versöhnlich oder aggressiv? Arbeiten Sie besser mit viel Ruhe oder unter Druck, lieber allein oder im Team? Schätzen Sie klare Ansagen von oben oder gemeinsame Entscheidungen, auch wenn diese mehr Kompromisse erfordern und länger dauern? Sie müssen Ihre wahren Vorlieben nicht schon im Anschreiben offenlegen, werden Sie aber unbewusst bald preisgeben und sollten Sie daher für sich kennen und akzeptieren.

(Wenn Sie mehr über Varianten der inneren Einstellung erfahren wollen, finden Sie in meinem E-Book "7 Arten, dein Leben zu führen" eine Typologie mit Empfehlungen).

Ein Arbeitgeber, der Ihnen kulturell entspricht, macht jeden weiteren Schritt leichter. Sie freuen sich auf die Vorstellungsgespräche, können ungezwungen auftreten und müssen sich nicht bei jedem Wort überlegen, ob Sie das überhaupt so offen sagen können. Unklarheiten und Missverständnisse, wie sie bei jeder Zusammenarbeit auftreten, bleiben selten und erhalten kein besonderes Gewicht. Kurz: Sie können so sein, wie Sie sind. Schon die ersten Interaktionen mit einem potenziellen Arbeitgeber im Bewerbungsverfahren geben Ihnen wertvolle Hinweise auf das, was Sie später dort erwarten würde.

Werte und Gebräuche erkennen

Die meisten Stellenanzeigen der Medienbranche sind professionell formuliert und gestaltet. Doch sobald Sie den ersten Kontakt aufnehmen, eine Nachfrage stellen oder sich direkt bewerben, werden Sie gravierende Unterschiede feststellen.

  • Finden Sie ein einfaches, angenehm zu benutzendes Bewerberportal vor, genügt eventuell sogar eine E-Mail mit Ihren Unterlagen im Anhang - oder zwingt man sie auf eine veraltete, umständliche Plattform mit unzähligen Formularfeldern?

  • Erhalten Sie innerhalb von zwei bis vier Wochen eine persönliche Rückmeldung - oder hören Sie nach einer automatisierten Eingangsbestätigung über mehrere Monate nichts mehr oder erhalten Sie eventuell überhaupt keine Antwort?

  • Wenn man Sie zu einem Vorstellungsgespräch einlädt: Nimmt man Ihnen die normale Unsicherheit schnell und erlaubt Ihnen, sich zu zeigen, wie Sie sind - oder fühlen Sie sich eingeschränkt, unter Druck gesetzt, sogar eingeschüchtert?

  • Hält sich Ihr Aufwand für die Bewerbung insgesamt in Grenzen, liegt etwa bei zwei bis drei Runden und einer Beispielaufgabe - oder erwartet man deutlich mehr Gespräche und umfangreiche Ausarbeitungen, die Sie leisten sollen?

  • Ist das gewünschte bzw. mögliche Gehalt schon am Anfang ein Streitthema oder gar ein Ausschlusskriterium - oder will man zuerst herausfinden, ob Sie zueinander passen und anschließend individuell über Gehalt und Extras verhandeln?

  • Bei einer Absage: Ruft man Sie kurz an, um Ihnen für Ihre Mühe zu danken, die Entscheidung zu erklären und Sie zu ermutigen, sich in Zukunft gerne erneut zu bewerben - oder erhalten Sie eine nichtssagende Standard-Mail?

In all dem drücken sich die Werte und Gebräuche eines möglichen Arbeitgebers aus - und in der Summe eine Kultur. Man sollte sich jedoch davor hüten, sie moralisierend in "gut" oder "schlecht" einzuteilen. Besser: Als unterschiedliche Möglichkeiten sehen, die alle ihre Berechtigung und Gründe haben. Neutral eingeordnet entsprechend der fünf Faktoren, die die Persönlichkeitspsychologie zur Bewertung heranzieht: Wie 1. konservativ oder offen ist das Umfeld, wie 2. unbekümmert oder organisiert, ist man 3. eher reserviert oder gesellig, 4. eher wettbewerbsorientiert oder kooperativ und 5. eher ruhig oder emotional?

Innerhalb dieser Pole finden Sie Arbeitgeber, die objektiv besser oder schlechter zu Ihnen passen (für eine individuelle Einschätzung senden Sie mir gern eine Nachricht). Achten Sie daher früh auf kulturelle Passgenauigkeit, auch wenn Sie sich die Stelle sehr wünschen oder sie dringend brauchen. Sie können sie trotzdem annehmen, wissen dann aber schon, worauf Sie sich eventuell einlassen und können entsprechend planen (z. B. zusagen, aber weitersuchen, nicht umziehen, sondern pendeln). Vor allem senken Sie damit Ihr Risiko, bald wieder wechseln zu müssen, weil sie gar nicht zueinander passen.

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis bei beruflichen Veränderungen. Er hat mehr als 25 Jahre journalistisch gearbeitet, u.a. bei der Freien Presse, bei Axel Springer und Ringier. Begleitend studierte er BWL, Webentwicklung und absolvierte eine Coaching-Ausbildung in den USA. www.media-dynamics.org.

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