Funke-Verlegerin Julia Becker: "Die Ausdünnung der Lokalredaktionen war ein Fehler“

20.06.2022
 

"Die Sparrunden der Verlage in der Vergangenheit haben unverhältnismäßig stark die Redaktionen getroffen und dazu geführt, dass zum Beispiel das Netz der Lokalredaktionen immer mehr ausgedünnt wurde. Das war ein Fehler", sagt Julia Becker selbstkritisch beim European Publishing Congress 2022 in Wien. Warum die Funke-Verlegerin auch die "Klick-Logik" vieler Redaktionen für gefährlich hält.

"Damit Demokratie lebendig bleibt braucht es, wie wir es bei Funke in unserer Vision formuliert haben, 'eine offene, informierte Gesellschaft'. Dazu trägt unabhängiger Journalismus entscheidend bei. Denn nur, wer etwas weiß und verstanden hat über die 'res publica', die öffentlichen Angelegenheiten, wird bereit sein, sich für die Demokratie einzusetzen", so Funke-Verlegerin Julia Becker in ihrer Erföffnungsrede beim European Publishing Congress in Wien. Mut zu machen für ein gesellschaftliches Engagement, Mut zu machen, für die "Zumutung der Demokratie" - auch das sei die Aufgabe des Journalismus, insbesondere des Regional- und Lokaljournalismus, denn er sei nahe bei den Menschen und genau dort, wo die Menschen Demokratie erlebten: wenn es um den Bau einer Umgehungsstraße oder von Windrädern geht, um neue Fahrradwege oder die Erhaltung von Spielplätzen. "Nicht in Berlin oder Wien erleben die meisten Menschen Demokratie, sondern in Gelsenkirchen oder Bergedorf, oder - um österreichische Orte zu nennen - in Linz oder Bad Aussee ..."

Julia Becker verweist in ihrer Rede auf Studien in den USA und Kanada. Dort sehe man, was passiert, wenn es keinen Regionaljournalismus mehr gebe. Und leider gibt es laut Becker in Amerika immer mehr Regionen, die nicht mehr durch unabhängige regionale Medien "versorgt" werden. Korruption nehme zu - das sei leicht einsichtig, wenn keine Instanz mehr den Einflussreichen und Mächtigen auf die Finger schaue. Genauso wichtig sei aber, dass die Bereitschaft zu gesellschaftlichem Engagement abnehme. "Weniger Menschen wirken in Vereinen mit, das Interessen an den öffentlichen Angelegenheiten erlahmt. Das Vertrauen in die staatlichen Institutionen - Bürgermeisteramt, Gemeindeparlamente - erodiert. Und last but not least: Die Wahlbeteiligung sinkt", betont Becker und zitiert Jeff Bezos - "ausgerechnet der Amazon-Gründer" habe es auf den Punkt gebracht: "Die Demokratie stirbt in der Dunkelheit." Guter Journalismus bringe Licht ins Dunkel. Oder, wie es der österreichische Publizist Alfred Polgar mal gesagt habe: "Die Presse hat auch die Aufgabe das Gras zu mähen, das über etwas zu wachsen droht."

Die Funke-Lenkerin zeigt sich in Wien selbstkritisch:

"Wir müssen in unseren Redaktionen hart daran arbeiten, dass wir die Erwartungen unserer Leserinnen und Leser weiterhin erfüllen. Da ist in der Vergangenheit leider einiges versäumt worden - und das sage ich durchaus selbstkritisch: Die Sparrunden der Verlage in der Vergangenheit haben unverhältnismäßig stark die Redaktionen getroffen und dazu geführt, dass zum Beispiel das Netz der Lokalredaktionen immer mehr ausgedünnt wurde. Das war ein Fehler, denn die Leserinnen und Leser merken genau, ob wir vor Ort präsent sind oder nicht. Die Nähe zu den Lebenswelten der Leserinnen und Lesern ist ein Faktor, der über den Erfolg eines Mediums entscheidet."

Als gefährlich sieht Becker zudem die "Klick-Logik" vieler Redaktionen an, bei der exakt gemessen wird, wie viele Menschen einen Text aufrufen, wie lange und bis zu welchem Absatz sie ihn lesen, ob er Abos generiert hat und wie er in den unterschiedlichen Kanälen "trendet". Leserverhalten wird damit transparent und auf den Dashboards sichtbar gemacht. "Dieses datenbasierte und datenorientierte Arbeiten verändert natürlich vieles. Die Interessen der Leserinnen und Leser finden ganz neue Berücksichtigung", so die Funke-Verlegerin. In dieser Entwicklung liege jedoch auch eine Gefahr der Boulevardisierung, Skandalisierung und "Blaulichtisierung". "Datenorientiert arbeiten ist auf jeden Fall sinnvoll, datengetrieben ganz bestimmt nicht", sagt Becker. Sie zitiert einen Text von Benjamin Piel, den Chefredakteur des Mindener Tageblatt:

Die "Durchökonomisierung journalistischer Inhalte. Sie träufelt Datenauswertungen in die Adern von Medienleuten, die süchtig gemacht werden nach der scheinbar heilsbringenden Botschaft: Dein Text hat sich gut verkauft, er hat viele interessiert! Das hast du gut gemacht, mach es morgen wieder! Halt die Werte oben! Und wage nicht, einen Text abzuliefern, der nicht funktioniert!"

Gerade hier müsse man sehr aufpassen, findet Becker. Menschen erwarteten von ihrem Medium, insbesondere ihrem Lokalmedium Distanz, Objektivität, Zurückhaltung, Seriosität und gerade keine Zuspitzung. "Sie wollen möglich genau wissen, wie es wirklich ist. So könnte ausgerechnet das konsequente Streben nach der Befriedigung des Nutzerinteresses dazu führen, dass Menschen sich abwenden."

Becker verweist darauf, dass 76% der Deutschen heute davon überzeugt seien, dass die Print- und Online-Ausgaben ihrer Regionalzeitung bei lokalen Themen das Informationsmedium Nummer 1 sei. 96 Prozent der Befragten der Studie "Zeitungsqualitäten 2022" - und damit die überwältigende Mehrheit der Befragten - hielten sie für glaubwürdig und für eine feste Größe in ihrer Region.

"Das ist ein ungeheurer Schatz!", unterstreicht die Verlegerin. "Ein Schatz der Glaubwürdigkeit und des daraus gewachsenen Vertrauens Diesen Schatz dürfen wir nicht verspielen: Glaubwürdigkeit ist zweifellos die wichtigste Währung der Medienbranche. Und hier punktet niemand so sehr wie die Lokalzeitung. Geglaubt wird der Zeitung - das gilt übrigens für alle Generationen."

Mit der Zusammenstellung vieler Redaktionen ist die Funke-Verlegerin nicht zufrieden: "Wir haben allzu häufig versäumt, uns in den Redaktionen so bunt aufzustellen, wie unsere Gesellschaft heute ist. Auch wenn die digitale Revolution weiblich ist, haben wir noch immer zu wenige Frauen in den Redaktionen unserer Tageszeitungen und Plattformen, vor allem in Führungspositionen. Bei uns arbeiten zu wenige Menschen mit Migrationshintergrund. Wir stellen nur wenige Menschen mit 'unbürgerlichen' Biographien ein - Abitur, Studium, Journalistenschule, Volontariat sind noch immer die Normalität, obwohl vielleicht der Weltenbummler oder die engagierte Studienabbrecherin oder der Kollege, der schon mal in einem 'richtigen' Beruf gearbeitet hat, die interessanteren, weil lebensnäheren Geschichten zu erzählen hat. Wir müssen diverser im umfassenden Sinne werden, um nahe bei den unterschiedlichen Zielgruppen zu sein - und, ganz wichtig, um junge Menschen als Leserinnen und Leser zu gewinnen", sagt Becker bei ihrer Eröffnungsrede des European Publishing Congress in Wien.

Vom Staat fordert die Medienmanagerin einen Verzicht auf die Mehrwertsteuer. Angesichts Leistungen, die Medien für die Gesellschaft erbringen, und angesichts der enormen Herausforderungen, vor denen Verlage stehen, wäre ein derartiger Schritt eine wirkungsvolle Investition in die Demokratie. "Wer es schafft, innerhalb weniger Wochen Steuern auf klimaschädliche Treibstoffe zu reduzieren und tatenlos dabei zuschaut, wie Ölkonzerne Teile der Steuerreduzierung als Gewinn abschöpfen, wird es wohl auch hinbekommen, journalistische Produkte als 'Treibstoff der Demokratie' geringer zu besteuern", verdeutlichte Becker.

Hintergrund: Nach zwei Jahren Pandemie-bedingter Pause sind knapp 300 Chefredakteure und Führungskräfte europäischer Medienhäuser nach Wien gekommen, um sich über ihre Konzepte auszutauschen. Der European Publishing Congress endet heute abend mit der Ehrung der besten Medienmacherinnen und -macher Europas. Diese kommen in diesem Jahr aus Portugal, Spanien, Belgien, Norwegen und aus der Schweiz. Unterstützt wird dieser größte europäische Medienkongress unter anderem durch den Verband der österreichischen Zeitungs- und Zeitschriftenverleger, durch die Bundeszentrale für politische Bildung in Deutschland und Readly aus Schweden. Veranstalter sind der Medienfachverlag Oberauer, zu dem kress.de gehört, und der deutsche Zeitungsdesigner Norbert Küpper.

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