Klusmanns Kampfansage: Der Spiegel muss zum Biest werden

20.07.2022
 

Spiegel-Chefredakteur Steffen Klusman hat in dem Talkformat "BÄMerkenswert" mit Frank Vogel über seine Ziele mit dem Nachrichtenmagazin gesprochen. Was Klusmanns größte Angst ist und wie er sich die New York Times zum Vorbild nimmt.

"Wir sehen jetzt, dass die angrenzenden Felder rund um den Spiegel-Kern auch gut gehen, also, dass man durchaus thematisch leicht ausfransen kann, weil das auf die Marke Spiegel einzahlt", sagt Chefredakteur Steffen Klusmann im Gespräch mit Frank Vogel, Marketing- und Sales-Chef der Ad Alliance. Als Beispiel nennt er das Thema Geld.

Klusmanns "größte Angst" ist, "dass irgendwann so ein Aggregator kommt, ala Netflix, Amazon Prime oder Apple News, der dann sagt: 'Hey, jetzt aggregieren wir hier mal Medien, ihr seid alle dabei, wir haben hier ein Angebot von 200 Medienmarken drin. Tolles Angebot'". Aber für jeden würden dann nur Cent- oder Micro-Cent-Beträge übrig bleiben und das würde dem Spiegel das Genick brechen, so Klusmann in dem Talkformat "BÄMerkenswert".

Klusmanns Weg: "Wir müssen das machen, was die New York Times in Amerika gemacht hat: zum Biest werden. So fett und breit machen, dass keiner mehr an dir vorbeikommt. Egal, ob du über Erziehung oder Psychologie - über Politik und Wirtschaft sowieso - berichtest. Aber in allen relevanten Bereichen, die für die Leser persönlich wichtig sind, egal ob im privaten oder beruflichen Alttag, so da drin sitzen, dass keiner mehr an dir vorbei kommt. Dann kann dich auch keiner mehr aggregieren, denn dann bist du dein eigener Aggregator. Das wäre unser Ziel", betont Klusmann.

Beim ambivalenten Thema "Alle sind für Nachhaltigkeit, aber ganz viele fahren SUV" gibt der Spiegel-Chefredakteur Einblicke in seinen redaktionellen Kurs mit dem Spiegel, den er als großes Nachrichtenportal mit angeschlossenem Magazin ansieht:

"Wir sind keine Missionare und keine Aktivisten, wir sollten nicht versuchen, die Gesellschaft, wie sie ist, zu ändern. Das ist nicht unser Job." Man könne eine Dissonanz beschreiben, dass die Leute nach der Lektüre sagen: "Echt scheiße, stimmt ja." Klusmann will die Leute also aufklären, dass sie sagen, so geht das nicht weiter. "Aber, dass wir jetzt hingehen und mit dem Zeigefinger die Leute bestrafen, oder erklären, dass es so, wie sie es machen, nicht geht" - kommt für den Spiegel-Lenker nicht in Frage. Er glaubt, "wenn wir mit solche einer Tonalität Geschichten verkaufen auf Spiegel.de oder als Titel im Heft, das würden die Leute ablehnen und sagen: 'Wisst ihr was, wir sind raus'." Man müsse gucken, dass man einen Nerv treffe, ohne die Leserschaft zu sehr zu verstören oder zu maßregeln.

Zur Person: Steffen Klusmann ist seit Januar 2019 Chefredakteur des Spiegel. Er studierte Volkswirtschaftslehre in Mainz, Glasgow und Hamburg. Anschließend absolvierte er ein Volontariat an der Georg von Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten und arbeitete danach mehrere Jahre als Redakteur im Ressort Wirtschaft und Politik der "Wirtschaftswoche". Ab 1996 berichtete Klusmann für das manager magazin über Wirtschaftspolitik und Technologietrends. 1999 wechselte er in die Entwicklungsredaktion der "Financial Times Deutschland", die ab Februar 2000 erschien. Er war zunächst als Ressortleiter Agenda unter anderem für Hintergrundberichte und Kommentare zuständig, später Blattmacher. 2003 kehrte Klusmann in der Position des stellvertretenden Chefredakteurs kurzzeitig zum manager magazin zurück, bevor er 2004 zum Chefredakteur der "Financial Times Deutschland" ernannt wurde. 2009 war er in derselben Funktion zusätzlich für "Capital" zuständig. Nach der Einstellung der FTD wechselte Steffen Klusmann im März 2013 als stellvertretender Chefredakteur zum "Stern". Seit November 2013 war Steffen Klusmann Chefredakteur des manager magazins. Steffen Klusmann wurde 1966 in Karlsruhe geboren.

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