Forscher schlagen Alarm: Medien-Transformation macht Journalisten krank

21.07.2022
 

Wie erleben Journalistinnen und Journalisten die Transformation des Mediensystems - als berufliche Profis und dahinter stehende Menschen? Mit dieser Frage hat sich eine Studie der Otto Brenner Stiftung befasst. Die Ergebnisse von vier Heidelberger Professoren (u.a. Burkhard Schmidt, Foto) sind alarmierend.

Digitaler Wandel, ökonomische Krise und medialer Vertrauensverlust als Herausforderungen der Transformation führen bei Journalistinnen und Journalisten zu noch größerem Stress in einem Berufsleben, das ohnehin schon durch hohe Beanspruchung gekennzeichnet ist. Gleichzeitig sehen Medienschaffende im Kontext der medialen und gesellschaftlichen Transformation mehrheitlich einen Qualitäts- und Bedeutungsverlust des eigenen Berufsstands. Dies sind zentrale Ergebnisse der Studie "Arbeitsdruck - Anpassung - Ausstieg", die die Otto Brenner Stiftung vorgelegt hat.

Wie erleben Journalistinnen und Journalisten die Transformation des Mediensystems - als berufliche Profis und dahinter stehende Menschen? So lautet die zentrale Frage der Pilotstudie, die einen arbeits- und organisationspsychologischen Forschungsansatz mit medienwissenschaftlicher und -praktischer Perspektive verbindet. Die Heidelberger Professoren, Burkhard Schmidt, Rainer Nübel, Simon Mack und Daniel Rölle, interviewten zunächst 20 hauptberufliche Journalistinnen und Journalisten verschiedener Mediensegmente und überprüften die dadurch gewonnenen Erkenntnisse anschließend in einer Online-Befragung.

Laut der aktuellen OBS-Studie sagen rund 60 Prozent der befragten Journalistinnen und Journalisten, Einsparungen ihres Medienunternehmens hätten ihre persönliche Arbeitssituation verschlechtert. Die allermeisten Medienschaffenden bestätigen, dass ein Vertrauensverlust des Journalismus - häufig aufgrund des Vorwurfs der einseitigen Berichterstattung - als weitere Herausforderung des Wandels vorliege. Während in den qualitativen Interviews mehr als die Hälfte der Befragten die Publikumskritik für bedingt richtig hält und damit eine Mitverantwortung der Medien an der Vertrauenskrise konstatiert, weist in der Online-Befragung die Mehrheit dies von sich. Ein großer Teil der Journalistinnen und Journalisten insgesamt stellt jedoch fest, dass der Journalismus im Kontext des digitalen und gesellschaftlichen Wandels an Qualität (48 Prozent), Bedeutung (50 Prozent), Renommee (84 Prozent) und Attraktivität (66 Prozent) verloren hat.

"Die zentralen Herausforderungen der medialen Transformation lösen bei den Journalistinnen und Journalisten primär negative Gefühle aus", resümiert das Autorenteam. Dies zeigten vor allem die Interviews: Neben Frustration und Unsicherheitsgefühlen bestehe bei vielen Sorge um die Jobsicherheit. In der Online-Befragung geben fast 60 Prozent aller Befragten, insbesondere jüngere Journalistinnen und Journalisten, an, dass sie in den vergangenen zwölf Monaten wiederholt an das Aufgeben ihres Berufs gedacht haben - 10 Prozent sogar einige Male in der Woche.

Mehrheitlich versuchen die Journalistinnen und Journalisten jedoch, so ein weiterer Befund der Autoren, den gravierenden beruflichen Herausforderungen sachorientiert zu begegnen - zum Beispiel in Form einer noch sorgfältigeren Recherche (59 Prozent).

Durch den Einsatz standardisierter und validierter psychometrischer Messinstrumente konnten in der Untersuchung deutliche Hinweise auf psychosoziale Belastungen am Arbeitsplatz festgestellt werden. Dies bezieht sich zum einen auf erhöhte Werte auf der Burnout-Skala "Mentale Erschöpfung": Jeweils zwei Drittel der Online-Befragten geben an, sich "schon vor der Arbeit müde" zu fühlen und dass die Belastungen durch die Arbeit "nicht zu ertragen" seien, 40 Prozent sind arbeitsbedingt immer häufiger "emotional ausgelaugt". Zum anderen ließen sich berufliche Gratifikationskrisen ermitteln - beispielsweise sehen nur rund 28 Prozent der Journalistinnen und Journalisten für sich angemessene Aufstiegschancen. Aus diesen Ergebnissen lässt sich nach Auffassung der verantwortlichen Projektmacher ein statistisch erhöhtes Gesundheitsrisiko für körperliche und psychische Folgeerkrankungen ableiten.

Aus Sicht der OBS fällt in diesem Kontext besonders auf, dass zahlreiche Journalistinnen und Journalisten eine mangelnde Unterstützung durch die Arbeitgeberseite beklagen. "Die psychische Gesundheit von Journalistinnen und Journalisten muss mehr in den Fokus der Öffentlichkeit und von Arbeitgebern rücken", betont Autor Burkhard Schmidt, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Hochschule Fresenius Heidelberg, und zieht damit ein erstes Fazit aus der Untersuchung.

Jupp Legrand, Geschäftsführer der OBS, greift diese Einschätzung auf und verbindet die zentralen Befunde der Studie mit einer Forderung, die auch die Gewerkschaften im Mediensektor ansprechen soll: "Ein psychologisches Gesundheitsmanagement unter Einbezug der Interessenvertretungen kann ein wertvoller Beitrag sein, um die Gesundheit von Journalistinnen und Journalisten nachhaltig zu schützen und die Arbeitsbedingungen den Transformationsherausforderungen anzupassen."

Hintergrund: Burkhard Schmidt, Rainer Nübel, Simon Mack und Daniel Rölle: Arbeitsdruck - Anpassung - Ausstieg. Wie Journalist:innen die Transformation der Medien erleben

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