Kann Gregor Peter Schmitz den Stern retten?

 

Identitätskrise, Digitalisierungsrückstand, Relevanzverlust: Gregor Peter Schmitz übernimmt den "Stern" in unruhigen Zeiten. Seine härteste Herausforderung liegt jedoch in der Fusion mit RTL. Schafft es Schmitz? Zur Titelgeschichte des neuen "medium magazin".

Auszug aus der Titelgeschichte des "medium magazin", das wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer erscheint:

Jetzt ist er also da. Gregor Peter Schmitz, genannt GPS, soll den "Stern" als Chefredakteur wieder zu altem Glanz führen. [...] Schmitz, Jahrgang 1975, gilt als ideale Besetzung. Der ehemalige Washington-Korrespondent des "Spiegel" ist sowohl für seine Texte als auch für seine Arbeit als Chefredakteur vielfach ausgezeichnet worden. Bei seiner letzten Station in Bayern machte er aus einer soliden Regionalzeitung ein Blatt mit bundesweiter Ambition und Beachtung. Kein Wunder also, dass GPS in der "Stern"-Redaktion schon jetzt großes Vertrauen genießt - für manche ist er gar so etwas wie ein Hoffnungsträger in unruhigen Zeiten. Doch die Baustellen, die in Hamburg auf ihn warten, sind gewaltig. Denn es geht nicht nur um den "Stern" - im Kontext der von RTL geplanten Neustrukturierungen ist das Blatt nur eine Marke von vielen. Alles, was GPS vorhat, wird nur im Rahmen dieses gewaltigen Umbruchs umsetzbar sein. Die Herausforderungen im Überblick.

1. Publizistische Vision: Was kommt nach Wundertüte und Aktivismus?

Die Beschäftigung mit sich selbst ist bei einem stolzen Blatt wie dem "Stern" sicher keine Besonderheit. Dennoch, so heißt es aus Redaktionskreisen, ist man der ständigen Suche nach der eigenen publizistischen Identität mittlerweile überdrüssig. Man wolle endlich wieder erfolgversprechende Antworten auf die Frage: Wer wollen wir eigentlich sein? Einst galt der "Stern" als erfolgreiche "Wundertüte": Die Lektüre bot journalistische Überraschung, optische Opulenz und klug kuratierte Inhalte. Doch dieses ehemalige Erfolgsrezept klassischer Printmagazine ist längst obsolet geworden. Das Internet ist zur größten jemals vorstellbaren "Wundertüte" geworden und liefert immer neue Inhalte in Sekundenschnelle. Beim "Stern" hat das zu einer Identitätskrise geführt - rasch sinkende Auflagen inklusive.

Die bisherigen Chefredakteure Florian Gless und Anna-Beeke Gretemeier hatten die Neuerfindung deshalb mit einem - zumindest auf dem Papier - radikalen Konzept gewagt. "Aktivierender Journalismus" hieß die Devise, eine Wortschöpfung aus der Grauzone zwischen Journalismus und Aktivismus. Bei wichtigen gesellschaftlichen Themen wolle man nicht nur Beobachter am Spielfeldrand bleiben, sondern selbst mitmischen, erklärte Gless sinngemäß. Als Symbol dieser Strategie bleibt vor allem eine gemeinsam mit den Aktivisten von Fridays for Future konzipierte Ausgabe zum Weltklimatag 2020. Doch das Konzept ist gescheitert. Weder stimmten die harten Zahlen noch wurde die Strategie konsequent genug durchgezogen, um dem Publikum nachhaltig aufzufallen. Die in der Branche durchaus heiß diskutierte FFF-Ausgabe ließ die Käufer am Kiosk jedenfalls ziemlich kalt.

GPS wird nun eine komplett andere Linie verfolgen. Der Harvard-Absolvent steht für einen Politikjournalismus der "amerikanischen Schule": nüchtern, aber mit durchaus knackigen Thesen und Mut zur Reibung. Intern soll er Titel wie "New York Magazine" oder "The Atlantic" als Vorbilder genannt haben. Sein erstes Cover? CSU-Politiker Markus Söder mit der Schlagzeile: "Ohne ihn geht nix".

2. Endlich mehr Sichtbarkeit und Relevanz

Der Hunger nach Relevanz und Sichtbarkeit beim "Stern" ist groß. GPS soll diesen stillen und die Marke "Stern" wieder in den öffentlichen Diskurs bringen. Auf einer nicht unwichtigen Bühne hat er schon jetzt bewiesen, dass er seinen Vorgängern dabei etwas voraushat. Denn während Gless in seinen knapp dreieinhalb Jahren als Chefredakteur des "Stern" so gut wie keine TV-Präsenz hatte, brachte es Schmitz bereits als Chefredakteur einer Regionalzeitung auf Auftritte bei "Anne Will" und "Markus Lanz". Nur kurz nach seinem Antritt beim "Stern" saß er dann auch schon bei "Maischberger". Diese neue Sichtbarkeit kommt sowohl in der Redaktion als auch der Geschäftsführung sehr gut an.

Dennoch könnte es zumindest in der aktuellen Situation schwer werden, neue publizistische Relevanz zu erreichen. Zwar vergleicht man sich beim stolzen "Stern" gerne mit den Hamburger Kollegen von "Spiegel" und "Zeit". Ein Blick ins eigene Impressum dürfte aber zur Bescheidenheit mahnen. Denn während etwa der "Spiegel" allein in seinem Ressort Deutschland/Panorama 31 Namen aufführt, bringt es das Gesellschaftsressort des "Stern" gerade einmal auf sieben. Zumal der "Spiegel" auch noch 15 weitere Köpfe im Ressort Reporter vorweisen kann. Nicht wenige Redaktionsmitglieder räumen deshalb in Hintergrundgesprächen ein, dass mit dieser personellen Ausstattung kein ernsthafter Konkurrenzkampf denkbar ist.

Hinzu kommen strukturelle Entscheidungen und Sparmaßnahmen von Gless und Gretemeier, die zu einer weiteren Schwächung der Redaktion geführt haben. So wurden 2021 die traditionellen Doppelspitzen in den meisten Ressortleitungen aufgelöst. Das habe dazu geführt, dass die neuen Solo-Leitungen im Alltagsgeschäft gefangen blieben und kaum noch Raum für journalistische Glanzlichter geblieben sei, heißt es aus der Redaktion. Exzellente Autorinnen und Autoren seien zudem auf Leitungsfunktionen gelandet, wo ihre journalistischen Fähigkeiten verschenkt wurden.

Nicht zuletzt hat auch die Abschaffung des Hamburger Ressorts "Politik und Wirtschaft" sowie die Zusammenlegung des Berliner Büros mit "Capital" zu einer sinkenden Wahrnehmung des Magazins im Politikbetrieb geführt. Für erste Zuversicht sorgte nun, dass Schmitz Nico Fried von der "Süddeutschen Zeitung" als ersten Neuzugang präsentieren konnte. Der langjährige Leiter der Parlamentsredaktion soll ab August für harte Storys aus Berlin sorgen. Positive Signale sendet auch der Wechsel der renommierten Investigativen Manka Heise, Birte Meier und Christian Esser. Sie wechseln vom ZDF zu "RTL News" und sollen unter der Leitung der Chefredaktion "Reportage, Dokumentation & Investigativ" eine neue crossmediale Recherche-Einheit aufbauen, von der auch der "Stern" profitieren könnte.

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