Die Spiegel-Berichterstattung im Fall Reichelt verdient keinen Preis

 

Die "Spiegel"-Geschichten über Julian Reichelt sind schwach belegt. Doch statt Kritik gibt es Preise. Neue Recherchen von "kress pro" erschüttern jetzt die ohnehin schon dünne Beleglage weiter. Chefredakteur Markus Wiegand (Foto) schreibt im Editorial an die Leser: "Ich bin genauso irritiert wie Sie".

Editorial zur neuen Ausgabe von kress pro, Magazin für Führungskräfte in Medien:

Eigentlich geht mir dieser ewige Kulturpessimismus ja ziemlich auf den Zeiger. Ich glaube zum Beispiel überhaupt nicht, dass der Journalismus immer schlechter wird. Wenn Sie anderer Meinung sind, schnappen Sie sich einmal Zeitungen oder Magazine, die vor 20 oder 30 Jahren erschienen sind. Vermutlich ist es einfach so, dass es heute durch die Digitalisierung mehr von allem gibt: mehr Glanzstücke und mehr Schrott.

Diese Doppeldeutigkeit führt mich zu einer Entwicklung, auf die ich allerdings einen pessimistischen Blick habe. Ich finde, es geht in unserer Branche mehr und mehr die Fähigkeit und der Wille verloren, Grautöne zu sehen und Widersprüche zu akzeptieren. Oft dominiert das Schwarz-Weiß-Denken.

Nehmen Sie die Berichterstattung über Julian Reichelt im vergangenen Jahr. Irritierend viele Journalistinnen und Journalisten hatten zu dem Thema eine ganz klare Meinung, obwohl die wenigsten über Informationen aus erster Hand verfügten. Das Urteil fiel ungefähr so aus: Reichelt = Boulevardjournalist = unsympathisch = frauenverachtend = hat seine Macht gegenüber jungen Frauen missbraucht.

Eines steht nach den Recherchen dieses Magazins fest: so einfach ist es nicht. Jetzt denken Sie vielleicht: Dieser Wiegand spinnt. Bildet sich dieses kleine Branchenmagazin echt ein, schlauer zu sein als der "Spiegel", für den acht Journalisten monatelang recherchiert haben? Und schlauer zu sein als die Jury des renommierten Nannen-Preises (in diesem Jahr: Stern-Preis)?

Nun, die Antwort lautet: Ja. Und glauben Sie mir: Das irritiert mich nicht weniger als Sie.

Bei genauer Betrachtung war die Beleglage, die der "Spiegel" in seinen Geschichten im März und Oktober präsentierte, schon damals schwach. Merkwürdigerweise hat sich nur kaum jemand in der Branche dafür interessiert. (Über die Grenzen des Wettbewerbs hinweg dürfen wir feststellen: Eine Ausnahme war der "Horizont"-Herausgeber Uwe Vorkötter.) Es wird beispielsweise an keiner Stelle gesagt, wie viele Frauen Reichelt eigentlich genau vorwerfen, seine Macht missbraucht zu haben. Auch eindeutige Belege lieferten die Texte nicht. Vieles bleibt im Ungefähren.

Neue Recherchen von "kress pro" erschüttern jetzt die ohnehin schon dünne Beleglage weiter. So zeigen Textnachrichten, dass eine zentrale Quelle des "Spiegel" nach dem Ende der Beziehung Kontakt zu Reichelt suchte. Zudem erwecken zwei ihrer Nachrichten den Anschein, dass sie die Affäre nicht bereut.

Eigentlich könnte das Editorial an dieser Stelle vorbei sein. Da wir den Text aber auch digital veröffentlichen werden, wo Menschen dazu neigen, schnelle Urteile zu fällen, möchte ich lieber kurz zusammenfassen: Wir sind nicht Team Reichelt und wir sind nicht Team Spiegel. Wir bringen Hinweise in eine Debatte, die man führen sollte.

Was wir nicht behaupten:

- Wir sagen nicht, dass die "Spiegel"-Geschichte nicht stimmt. Wir sagen nur, dass die bisher präsentierten Belege schwach sind.

- Wir unterstellen übrigens auch niemandem, die Unwahrheit gesagt zu haben. Genau genommen hat bisher niemand den Vorwurf des Machtmissbrauchs in einer Form erhoben, die man irgendwie überprüfen kann.

- Wir wollen auch nicht behaupten, dass diese dünne Beleglage typisch ist für "Spiegel"-Geschichten oder die Autoren.

- Und wir wollen vor allem nicht sagen, dass es kein Problem ist, wie Männer Frauen in der Medienbranche behandeln. In diesem Feld gibt es viel zu oft immer noch Missstände.

Was wir behaupten:

- Eines ist sicher: Die Berichterstattung des "Spiegel" im Fall Reichelt verdient keinen Preis. Sie ist an einer Reihe von Stellen (wie wir im Text ab Seite 60 beschreiben) eher ein Beispiel dafür, welche Fehler Journalisten nicht unterlaufen sollten. Vor allem dann, wenn man den Anspruch des "Spiegel" und seine finanziellen Möglichkeiten hat.

- Es ist enttäuschend, dass der "Spiegel" sich der Kritik an seinen Beiträgen nicht stellt. Das Magazin teilt mit: "Unserer Berichterstattung über den Fall Reichelt haben wir nichts hinzuzufügen." Wenn Journalismus die bestmögliche Version der Wahrheit ist, darf man festhalten, dass das Interesse des "Spiegel" nicht sehr ausgeprägt ist, daran mitzuwirken.

Ich möchte nicht den gleichen Fehler begehen. Finden Sie unsere Geschichte schwach? Dann schreiben Sie mir. Finden Sie unsere Geschichte stark? Dann schreiben Sie mir auch. Ich bin gespannt. Erwarten Sie bitte nur nicht sofort eine Antwort. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass ich gerade in einem Kanu durch eine schwedische Seenlandschaft paddele und mich von den gelegentlichen Irritationen erhole, die der Job so mit sich bringt. Wünsche einen schönen Sommer allerseits.

[...] Lesen Sie die komplette Titelgeschichte "Die Zweifel an der Reichelt-Geschichte des Spiegel" in kress pro. Darin befasst sich Chefredakteur Markus Wiegand mit diesen Fragen:

Wie gut sind die Vorwürfe belegt?

Welche Fehler hat der Spiegel gemacht?

Wie ist das Verhältnis von Julian Reichelt und Axel Springer?

Warum hat die Nannen-Jury den Spiegel ausgezeichnet?

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Lothar Riemenschneider

Lothar Riemenschneider

SOCiOTHERAPiE
Gruender

02.08.2022
!

Z.B.:selbst ernanntes „Hauptstadtblatt“interviewt SPD-„Generalsekretär“,der mit 10.000 Euro Salär+Spesen„in Berlin eine Wohnung nicht findet".„Journalisten“ hängen dem „Hoffnungsträger“an den Lippen,ohne kritische Frage,was das „Angebotsproblem“ verursacht,wer Bauherren+Investoren vertrieben haben könnte?Die „Politik“ der SPD+Bruderparteien womöglich?95% der „Hauptstadtblatt“-„Journalisten“wählen diese„Parteien“.„Grautöne“sind da nicht erwünscht und werden unterdrückt - von Männern wie Frauen.


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