"Wille zu Aufklärung und Transparenz darf nicht erlahmen": Was die Branche zum Schlesinger-Komplettrücktritt sagt

 

Der Druck wurde zu stark: Angesichts zahlreicher Vorwürfe, zuletzt sogar über unklare Bonus-Zahlungen für Patricia Schlesinger, muss beim rbb viel aufgearbeitet werden. Das ist eine der zentralen Forderungen in den Reaktionen zum Rücktritt. Wer sich prominent zu Wort meldete.

Die Liste mit Vorwürfen wegen vermeintlicher oder tatsächlicher Interessenskonflikte (unter anderem Beraterverträge, ein luxuriöses Dienstfahrzeug mit Massagesessel, Abendtermine in Privaträumen) bei der Amtsführung der rbb-Intendantin, die bis vergangene Woche bekanntlich auch als ARD-Vorsitzende im medialen Fokus stand, wurde über das Wochenende noch einmal länger.

Der zu Springer gehörige "Business Insider" berichtete von zumindest in ARD-Führungskreisen recht ungewöhnlichen zusätzlichen Entlohnungspraktiken in der rbb-Chefetage.

"Nach Informationen von Business Insider hat Schlesinger 2021 neben ihrem Grundgehalt einen Bonus von mehr als 20.000 Euro erhalten", heißt es beim "Business Insider". "Der RBB sagt zu der Höhe: nichts. Stattdessen erklärt ein Sprecher: 'Die ARD weist für die Intendantinnen und Intendanten die Grundvergütung aus, das tut auch der RBB. Variable Gehaltsanteile für außertariflich bezahlte Führungskräfte sind im RBB seit Jahren gängige Praxis. Das Modell und die praktische Umsetzung sind nicht intransparent, sondern wurden mit der Personalberatung Kienbaum entwickelt und mit dem Verwaltungsrat abgestimmt, zu weiteren Details äußern wir uns nicht.'"

Nach dem kompletten Rücktritt reißen die Forderungen nach weitreichenden Untersuchungen nicht ab - im Gegenteil.

"Es ist angesichts der unaufgeklärten von Patricia Schlesinger nicht glaubhaft entkräfteten Vorwürfe des Missmanagements und der Günstlingswirtschaft richtig und konsequent, dass sie mit sofortiger Wirkung zurücktritt", sagt der DJV-Bundesvorsitzender Frank Überall zum Schlesinger-Rückzug. "Bei der Suche nach einer Nachfolgerin oder einem Nachfolger komme es darauf an, eine fachlich kompetente und absolut integre Führungsfigur zu finden. "Unsere Kolleginnen und Kollegen beim RBB haben eine Person an der Spitze verdient, die sich mit Kompetenz und Engagement für den Sender und seine Beschäftigten einsetzt."

Der Vorsitzende des DJV Berlin/JVBB Steffen Grimberg mahnt weitere Ermittlungsanstrengungen an: "Mit dem Rücktritt von Patricia Schlesinger ist es nicht getan. Der Wille zu Aufklärung und Transparenz darf nicht erlahmen." Grimberg fordert, dass lückenlos recherchiert werden müsse, ob und wenn ja in welchem Umfang Mittel aus dem Rundfunkbeitrag zweckwidrig ausgegeben worden seien. "Außerdem gilt es nun, den Kolleginnen und Kollegen im RBB den Rücken zu stärken, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen", so Grimberg. "Der RBB muss wieder als das wahrgenommen werden, was er ist: der kompetente und engagierte öffentlich-rechtliche Sender für Berlin und Brandenburg."

Die Tonalität der vorerst letzten offiziellen Schlesinger-Äußerung zu ihrem Rückzug von der rbb-Spitze (kress.de berichtete) wurde wiederholt unter Medienprofis kritisiert.

So urteilt Michael Bröcker, Chefredakteur von The Pioneer, in einem Fazit zu Schlesinger: "Noch im Abgang wirkt Frau Schlesingers Rücktritt stillos. Dem öffentlich-rechtlichen Rundfunkt hat sie mit ihrem Verhalten einen Bärendienst erwiesen."

Ähnlich scharf kritisiert Hans-Jürgen Jakobs im "Handelsblatt"-Morgen-Newsletter die Rahmenbedingungen des Rückzugs: "Hier will jemand nicht vom Hof gejagt werden, sondern erhobenen Hauptes gehen und noch mal Bedingungen diktieren", schreibt er über Patricia Schlesinger. "Der RBB-Rundfunkrat wird auf seiner heutigen Sondersitzung klären müssen, inwieweit er die kaum verklausulierte Idee eines Zehrgeldes (Pensionsansprüche mitberücksichtigt) konkret bewertet. Es bräuchte hier aber auch ein Konzept für vertrauensbildende Maßnahmen beim Rundfunkbeitragszahler nach Schlesingers Doppel-Abgang (als Chefin des RBB und zuvor der ARD)."

Ebenfalls das Rücktrittsschreiben kritisiert Alexander Kissler, NZZ-Redakteur in Berlin, bei Twitter: "Im Lichte des Rücktrittsschreibens von Frau #Schlesinger stellt sich auch die Frage, inwieweit ein Sender verlässlich die Realität abbilden kann, dessen Intendantin in eigener Sache Realitätsverleugnung betrieb."

Dagegen betont Claudia Tieschky in einem "Süddeutsche Zeitung"-Bericht zum Intendantinnen-Rücktritt, dass zumindest rbb-intern sauber in eigener Sache berichtet wird. "Auf sehr ansehnlich öffentlich-rechtliche Art betreibt das Medienmagazin vom RBB-Sender Radio Eins gerade unerschrocken Aufklärung in eigener Sache", schreibt die renommierte Medienjournalistin und ARD-Kennerin. "Im Podcast bekommt man die gesamte Affäre erklärt, auch der Sendersprecher wird streng befragt."

"Das ist die gute Nachricht: Der Journalismus im Schlesinger Sender funktioniert", so Tieschky.

Die renommierte Journalistin und Palais F*luxx-Gründerin Silke Burmester, die sich schon lange für die Initiative ProQuote stark macht, schreibt bei Twitter: "Ich bin einfach total enttäuscht. Patricia #Schlesinger war eine wichtige Figur, eine Vorreiterin was Karriere und Aufstieg von Frauen und #Diversität in den Medien anbelangt. Warum kann Macht und Integrität nicht zusammen existieren?"

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