Niggemeier: Der Schaden für die ARD ist immens

09.08.2022
 

Medienjournalist Stefan Niggemeier hat in den ARD-Tagesthemen den Rücktritt von Patricia Schlesinger als RBB-Intendantin kommentiert. Was Niggemeier in seiner viel beachteten Analyse über Rundfunkräte, die keine Fachleute seien, das fehlende Wir-Gefühl beim öffentlichen-Rundfunk und Intendantengehälter sagte.

"Die Vorwürfe waren sehr unterschiedlicher Natur, haben aber insgesamt ein umfassendes Bild gezeichnet, von jemand, der wirklich jedes Fingerspitzengefühl verloren hat, was einer Intendantin des öffentlich-rechtlichen Rundfunks angemessen ist. Und ihr Umgang damit hat alles noch schlimmer gemacht", kommentiert Stefan Niggemeier, Gründer von Übermedien, in den Tagesthemen den Rücktritt von Patricia Schlesinger als RBB-Intendantin.

Niggemeier über die Frage nach dem Warum:

"Viele Vorwürfe müssen noch geklärt werden. Es ist schon der Eindruck, dass Frau Schlesinger mindestens ein paar schlechte Entscheidungen getroffen hat. Aber natürlich ist man bei so einem System wie der ARD unmittelbar bei der Frage: Warum hat denn das keiner verhindert? Ein Problem ist natürlich, wenn dem Verwaltungsratsvorsitzenden, also dem oberste Kontrolleur, auch vorgeworfen wird, in diesen Filz, diesen Interessenskonflikt verwickelt zu sein. Aber generell muss man hier die Strukturen hinterfragen: Wie ist eine Compliance-Abteilung im RBB aufgestellt, wie kann der Rundfunkrat funktionieren, wer guckt generell dahin, dass diese Dinge gar nicht erst passieren können."

... über RBB-Verwaltungsratschef Wolf-Dieter Wolf:

"Es ist tatsächlich notwendig, dass der Verwaltungsratsvorsitzende sein Amt nicht nur ruhen lässt, sondern niederlegt. Ich glaube, da sind die Vorwürfe auch schwerwiegend genug, dass es da einen konsequenten Schritt geben müsste."

... über Rundfunkräte, die keine ausgewiesenen Fachleute seien:

"Die Frage ist, wie kann grundsätzlich ein Gremium etabliert werden, was die Macht hat, eine Geschäftsleitung einer öffentlich-rechtlichen Anstalt wie dem RBB zu kontrollieren. Rundfunkräte sind ja als Vertreter der Gesellschaft da, sind daher jetzt nicht unbedingt ausgewiesene Fachleute. So ein Gremium, was nur mit Ehrenamtlichen besetzt ist, die auch nur eine begrenzte Menge an Zeit haben, die vielleicht nur ein begrenztes Maß an Engagement haben, ist natürlich ein Problem."

... zum Schaden für die ARD:

"Der Schaden ist immens. Zum einen, weil sich ja viele Vorurteile, die man über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk hat, da scheinbar bestätigen. Ja, man muss abwarten, was dann letztendlich wirklich bewiesen wird. Aber im Grunde wird da schon ein Bild gezeichnet, dass jemand da abgehoben von der Gesellschaft, auch von den Leuten, für die sie da sein soll, agiert. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk insgesamt ist gerade extrem unter Druck, beispielsweise in England oder in Frankreich. Die ARD wird da Antworten finden müssen."

... über die "schwierige Gemengelage":

"Zum einen gibt es berechtigte Fragen und berechtige Kritik an diesem System. Zum anderen gibt es viele Leute, die aus publizistischer und politischer Sicht im Grunde das ganze System abschaffen wollen, die jetzt diesen Skandal oder die Affäre nutzen, um gar nicht im Sinne der ARD, die ARD besser zu machen, sondern das ganze System in Frage zu stellen."

... wo sich die ARD aus Sicht von Niggemeier genau verändern muss:

"Transparenz ist das erste, wenn man feststellt, dass die Intendantengehälter veröffentlicht werden seit einiger Zeit, es aber offensichtlich die Möglichkeit gibt, darüber hinaus Absprachen zu treffen, das geht nicht. Im Grunde wäre es auch sinnvoll, diese Intendantengehälter zu koppeln an Gehalts- und Besoldungsstufen im öffentlichen Dienst, so dass man da auch aus dieser Diskussion rauskommt."

... über das Schlesinger-Gehalt:

"Es ist ein bisschen lustig, dass Frau Schlesinger jetzt zurücktreten musste, weil ihr Intendantengehalt so hoch ist. Der jetzige ARD-Vorsitzende Tom Buhrow hat ein deutlich höheres Gehalt."

über das Wir-Gefühl beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk:

"Ich glaube, es ist insgesamt das Gefühl, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk von uns bezahlt wird und für uns da ist. Ich glaube, man müsste an sehr viel mehr Stellen das spüren, als Zuschauer, als Beitragszahler, dass das unser öffentlich-rechtlicher Rundfunk ist und dass der nicht für einige wenige Leute da ist."

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