Brandbrief an Döpfner & Boie: Politikjournalist Ralf Schuler macht bei Bild Schluss

12.08.2022
 

Wieder Wirbel bei Springer: Ralf Schuler, Leiter der Bild-Parlamentsredaktion, hat seinen Abgang angekündigt. In einem emotionalen Brief an Mathias Döpfner und Johannes Boie kritisiert Schuler den Kurs der Springer-Führungsetage.

In seinem Brief an Springer-Chef Mathias Döpfner und Bild-Chefredakteur Johannes Boie, den Cicero komplett veröffentlicht hat, schreibt Ralf Schuler: "Ich bin nicht bereit, für eine politische Bewegung und unter ihrer Flagge zu arbeiten."

Zur Person: Ralf Schuler ist Leiter der Parlamentsredaktion von Bild. Er absolvierte nach dem Abitur eine Lehre als Mechaniker (Metallverarbeitung),1989 folgte ein Fernstudium Literatur- und Kulturwissenschaften. Seine journalistische Laufbahn begann Schuler 1985 bei der Neuen Zeit, war von 1995 bis 1998 Redakteur der Welt, danach bis 2010 Politikchef der Märkischen Allgemeinen in Potsdam. Bei Bild wirkte Schuler danach als Chefkorrespondent und ab 2013 als Leiter der Parlamentsredaktion.

Dass er bei Springer gehe, hänge mit Richtungsentscheidungen des Medienhauses zusammen, die er nicht mittragen könne und möchte, schreibt Schuler in dem von Cicero-Redakteur Ben Krischke veröffentlichten Brief. Weiter wird Schuler dort zitiert:

Jedwede Diskriminierung ist von Übel. Sich gegen Diskriminierung zu wenden, bedeutet aber nicht, sich die Agenda der LGBTQ-Bewegung zu eigen zu machen, wie wir es derzeit tun. Im Geiste Axel Springers treten wir selbstverständlich im besten freiheitlich-bürgerlichen Sinne für die Rechte des Einzelnen ein, diskriminierungsfrei zu leben, solange er niemandes Freiheit beschneidet.

Das bedeutet aber ausdrücklich nicht, dass wir "fest an der Seite der LGBTQ-Community im eisenharten Kampf für Menschenrechte und gegen Diskriminierung" stehen, wie es ein stellvertretender BILD-Chefredakteur im täglichen Briefing dieser Tage schrieb. Vom stalinistischen Schwulst der Formulierung einmal abgesehen, stehe ich keiner politischen Bewegung "fest zur Seite" und halte dies auch ganz grundsätzlich NICHT für die Aufgabe von Journalisten.

Schuler will "jederzeit die Freiheit des Einzelnen verteidigen", er wolle sich aber "keinen Kampfgruppen welcher Coleur auch immer" anschließen und möchte unter Regenbogen-Fahne genauso wenig arbeiten, wie unter den Flaggen anderer Bewegungen. Dabei gehe es nicht nur um das Thema der sexuellen Identität, sondern es gehe im viel größeren Sinne darum, ob die Marke Bild als klassische Boulevard-Marke im besten Sinne Massenmarke bleibe oder sich laustarken Micro-Milieus oder internationalen Wirtschaftseliten verpflichtet fühle, hebt Schuler hervor. Die langjährige Bild-Führungskraft hält dies "für eine tödliche Bedrohung des Markenkerns".

Hintergrund: Der Name Ralf Schuler gehört am Freitagvormittag zu den Top-Trends auf Twitter. Eine ähnlichen Wirbel in den sozialen Netzwerken hatte bereits die öffentliche Kündigung der ehemaligen Bild-Politik-Redakteurin Judith Sevinc Basad Mitte Juni ausgelöst. Basad arbeitet jetzt für den ehemaligen Bild-Chefredakteur Julian Reichelt.

Basad begründete ihre Kündigung damals mit dem Umgang von Axel Springer, also auch Döpfners Umgang, mit der woken Bewegung: Sie habe das Gefühl, dass sie nicht mehr über die Gefahren berichten könne, die von dieser gesellschaftlichen Bewegung ausginge. Und sie habe das Gefühl, das der gesamte Verlag in dieser Sache nicht mehr hinter ihr stünde, schrieb Basad.

Mit Döpfners zuvor veröffentlichtem Brief an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Axel Springer sei der Konzern aus Sicht von Basad "vor der unerträglichen Tyrannei der woken Aktivisten eingeknickt". Döpfner hatte sich damit in die Debatte um den umstrittenenen Welt-Gastbeitrag von Autoren aus dem Wissenschaftsspektrum zu Geschlechtervielfalt ("Wie ARD und ZDF unsere Kinder indoktrinieren") eingeschaltet (kress.de berichtete).

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Ihre Kommentare
Kopf
Lothar Riemenschneider

Lothar Riemenschneider

SOCiOTHERAPiE
Gruender

12.08.2022
!

Dem mir etwas wirr erscheinenden „Brief" entnehme ich, dass z.B. „einzelne Ukrainer“ für „ihre Freiheit kämpfen“ dürfen, aber sobald sie sich als „Volk“/„Community“ zusammenschliessen, „wird es stalinistisch“; desgleichen bei Schwulen oder „der Finanzelite“, wer immer das sein soll. Gleichzeitig möchte der Herr aber „im positiven Sinne“ ein „Massenmedium“, was immer das sein soll. Wirklich sehr aufschlussreich.


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