Deutschlands erste Nachkriegszeitung: Werden die Aachener Nachrichten eingestellt?

16.08.2022
 

Der Deutsche Journalisten-Verband meldete am Montag das baldige Aus der Aachener Nachrichten und übte zugleich scharfe Kritik an den Verantwortlichen. Das Medienhaus Aachen, das jetzt mehrheitlich zum belgischen Mediahuis gehört, versucht, die Wogen zu glätten und erklärt sich.

"Am vergangenen Freitag, 12. August, ist in Aachen das Ende einer Ära verkündet worden: Ab Herbst wird mit den Aachener Nachrichten Deutschlands erste Nachkriegszeitung eingestellt. Gleichzeitig bringt das den vollständigen Verlust der Tarifbindung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Aachener Medienhauses in dem auch die Aachener Zeitung erscheint", teilte der Deutsche Journalisten-Verband am Montag mit.

Der DJV-NRW kritisiert die "folgenschwere Entscheidung" des kürzlich vom belgischen Konzern Mediahuis übernommenen Traditionsverlages Aachener Medienhaus. "Mit den angedachten Umstrukturierungen, die zum vollständigen Verlust der Tarifbindung führen sollen, entzieht sich das Medienunternehmen nicht nur jeglicher Verantwortung, sondern setzt auch einer der ältesten Nachkriegszeitungen Deutschlands ein Ende", kommentiert Kristian van Bentem, stellvertretender Landesvorsitzender des DJV-NRW, "die am Freitag im Rahmen einer Mitarbeiterversammlung verkündete Entscheidung".

Weiter heißt es beim DJV:

"Dass es kein Happy End in der Geschichte der Aachener Zeitung geben würde, ließ sich bereits an dem Sparkurs der vergangenen Jahre ablesen. Bereits jetzt erscheinen die Aachener Zeitung und Aachener Nachrichten mit den annähernd gleichen Inhalten. Und nun folgt die Abkehr vom Tarif, kurz nach der Übernahme des Medienbetriebs durch das belgische Mediahuis. Personelle Auswirkungen gebe es nicht, verkündete die Geschäftsführung bei der Versammlung am Freitag."

Dem stellvertretendem Landesvorsitzende van Bentem warnt: "Das bedeutet aber nicht, dass auf viele unsere Kolleginnen und Kollegen nicht schwierige Zeiten zukommen." Denn zeitnah werde es in der Unternehmensgruppe des Medienhauses Aachen gesellschaftsrechtliche Umstrukturierungen geben. Eine Konsequen sei: Fortan sollen ausnahmslos alle Journalistinnen und Journalisten, die bei der Medienhaus Aachen GmbH beschäftigt sind, ohne Tarif weiterbeschäftigt werden, will van Bentem wissen,

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Die Aachener Nachrichten nehmen zu der DJV-Meldung Stellung. "In eigener Sache" heißt es in einer Erklärung, dass Aachener Zeitung und Aachener Nachrichten seit Langem inhaltlich sowie in der Gestaltung nahezu identisch seien.

Die sinkende Druckauflage und auch gesellschaftliche Veränderungen hätten immer mehr dazu geführt, dass die Profilierung dieser beiden Zeitung als sozialliberale bzw. wertkonservaive regionale Tageszeitung obsolet geworden sei. Diese Profilierung sei lange Zeit sinnvoll und gut gewesen, in Zeiten der zunehmenden Digitalisierung und Printauflagenschwunds sei sie aber sowohl von Seiten des Verlags als auch von vielen Lesern immer stärker in Frage gestellt worden.

Die Konsequenz für das Medienhaus Aachen: Man trage sich seit Langem mit dem Gedanken, die beiden Zeitungen zu fusionieren - "übrigens weit vor der Übernahme durch unseren neuen Mehrheits-Eigentümer Mediahuis". Diese Überlegungen seien im zurückliegenden Jahr konkreter geworden. "Ob diese Zeitung Nachrichten oder Zeitung heißen oder einen ganz neuen Namen tragen wird, ist derzeit noch nicht entschieden."

Beim Medienhaus Aachen beteuert man: "Uns ist das historische Erbe der Aachener Nachrichten als erster Tageszeitung des Nachkriegsdeutschlands bewusst. Dieses Erbe und natürlich das der Aachener (Volks-)Zeitung wird immer ein Teil unserer Medienhaus-Identität sein, unabhängig davon, welchen Namen unsere journalistischen Produkte haben. Das Wichtigste dieses Erbes werden wir nicht aufgeben: Starken und unabhängigen Journalismus für die Menschen in unserer Region."

Hintergrund: Anfang des Jahres hatte die belgische Mediahuis-Gruppe die Mehrheit an den Aachener Zeitungen übernommen (kress.de berichtete). Die Anteile übernahm das europäische Medienhaus von den Familien Ernst, Hofmann und Maas. Die Familien gründeten nach dem Zweiten Weltkrieg die Aachener Zeitung (früher Aachener Volkszeitung) in Nordrhein-Westfalen. An dem Medienhaus Aachen hält neben dem neuen Mehrheitsgesellschafter aus Belgien (70 Prozent) die Aachener Nachrichten Verlagsgesellschaft GmbH (ANV) - die zur Rheinischen Post Mediengruppe gehört - 30 Prozent.

Werden die Aachener Nachrichten eingestellt, wäre es das Aus für die erste demokratische deutsche Nachkriegszeitung. Sie war noch vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs erschienen, nämlich am 24. Januar 1945. Die Alliierten hatten Aachen als erste deutsche Großstadt schon im Oktober 1944 vom Nationalsozialismus befreit. Und so waren es dann auch die Aachener Nachrichten mit der Lizenz Nr. 1, die als einzige freie Zeitung im Mai 1945 titeln konnten: "Der Krieg ist aus!"

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