Scharfe Kritik des manager magazins: Rabe hat bei RTL ein Führungschaos angerichtet

18.08.2022
 

Nach dem plötzlichen Abgang von RTL-Deutschland-Chef Stephan Schäfer berichtet das manager magazin über den "anderen Teil der Wahrheit". Bertelsmann-Chef Thomas Rabe habe bei der Konzerntochter ein Führungschaos angerichtet. Weitere Manager stünden vor dem Absprung. Die FAZ schreibt: Sollte Rabe mit seiner Vision von RTL+ scheitern, wäre ganz Bertelsmann in Gefahr.

Bei RTL Deutschland muss nach knapp einem Jahr Co-Chef Stephan Schäfer gehen. Dies hat das Medienunternehmen am Mittwoch überraschend mitgeteilt. RTL-Group- und Bertelsmann-Chef Thomas Rabe übernimmt den Vorsitz der Geschäftsführung, Co-Chef Matthias Dang bleibt. Als Begründung für Schäfers raschen Abgang sagte Rabe der Deutschen Presse-Agentur: "Wir haben uns jetzt für die Führungsstruktur bei RTL Deutschland entschieden, weil RTL vor einigen großen Herausforderungen steht."

Am Donnerstag berichtet das in Sachen RTL und G+J gewöhnlich gut informierte manager magazin in einem Aufmacher über den "anderen Teil der Wahrheit". Hauptthese von Chefredakteur Sven Clausen: Bertelsmann-Chef Rabe hat bei der Konzerntochter RTL ein Führungschaos angerichtet.

Clausen schreibt, Rabe habe "kurzen Prozess gemacht". Schäfer, die "Identifikationsfigur von RTL Deutschland", sei direkt nach seinem Urlaub zu Beginn dieser Woche entlassen worden. Die Trennung habe Rabe Schäfer mit der drohenden Rezession, dem Zwang zu sparen, erklärt. Die externen Umstände hätten sich derart geändert, dass es nun andere Qualifikationen an der Spitze von RTL Deutschland brauche.

"Die Personalie und deren Umstände legen offen, vor welch enormen Klippen der Medienkonzern Bertelsmann (Umsatz zuletzt rund 19 Milliarden Euro) und sein Chef Thomas Rabe stehen. Und sie geben Einblicke in das spezielle Führungsverständnis eines der einflussreichsten Medienmanager des Landes", so mm-Chefredakteur Clausen weiter.

Rabe habe mit der Neukonstruktion von RTL Deutschland unter Stephan Schäfer etwas "husarenhaft Neues" versucht: Die Fusion des Zeitschriftenverlags Gruner + Jahr und der RTL-Gruppe in Deutschland mit zwei wesentlichen Zielen: Kosten zu sparen und ein nationales Streaming-Angebot unter der Marke RTL+ aufzubauen, als lokale Konkurrenz zu den globalen Anbietern wie Netflix oder Disney. Ziel bis 2026: Acht Millionen Abos für RTL+ allein aus Deutschland, Netflix kommt derzeit auf weltweit rund 220 Millionen Abonnenten.

Dies sei eine Herkulesaufgabe gewesen, "die vielen in der Branche als unlösbar erschien", betont Clausen im manager magazins. Schäfer habe sich ab September 2021 trotzdem an die Arbeit gemacht. Der gelernte Journalist, Ex-Chefredakteur und CEO von G+J habe kräftig in Journalisten und Formate investiert um die Marke RTL inhaltlich aufzuwerten und RTL+ mit Aboattraktionen zu füllen.

Dass der operative Gewinn von RTL Deutschland im ersten Halbjahr überproportional um 5 Prozent auf 191 Millionen Euro fiel, bei einem Umsatz von 1,2 Milliarden Euro, sei Clausen zufolge ein "Alarmsignal" für Rabe gewesen, der für seine Kostensensibilität bekannt sei. Schäfer habe es auch nicht mehr geholfen, dass die Zahl der Abonnenten für RTL+ auf 4,5 Millionen gestiegen sei.

Laut manager magazin wollten weder Bertelsmann noch Schäfer die Informationen über den Stand der Pressemitteilung hinaus kommentieren. Bertelsmann ist Gesellschafterin der manager magazin Verlagsgesellschaft.

manager magazin-Chefredakteur Sven Clausen wagt in seinem Artikel auch eine (düstere) Prognose: Mit Thomas Rabe als Chef würden bei dem "noch unfertigen Konstrukt RTL Deutschland" nun harte Zeiten anbrechen - vor allem wohl für die Überbleibsel des Hamburger Verlags Gruner + Jahr.

Die am Mittwoch vorgestellte neue Führungsmannschaft unter Rabe werde nur eine sehr kurze Halbwertszeit haben: Nach Informationen des manager magazins soll Oliver Radtke, neben Schäfer bislang zweiter Abgesandter von Gruner + Jahr, bereits seinen Abgang planen. Den baldigen Abschied von Finanzchef Alexander Glatz hat RTL bereits im Juli mitgeteilt. Bei Matthias Dang, zuständig für die Vermarktung der Werbeplätze, müsse Rabe hoffen, dass dieser standhaft bleibe, heißt es im manager magazin.

Allerdings habe Rabe für frisches Spitzenpersonal schon sorgen lassen: Glatz-Ersatz soll eine "Fachfrau aus der Kosmetikbranche" werden. Als neue Personalchefin soll eine Managerin aus der zweiten Führungsebene einer Burda-Beteiligung kommen, die sich in ihrem Berufsleben allerdings auch noch nicht intensiv mit redaktionellen Inhalten auseinandergesetzt habe, lässt Sven Clausen kaum ein gutes Haar an Rabes angeblicher Personalpoltiik. Rabe sei ein Chef, der gern deligiere, sich aber, wenn seine strategischen Ideen nicht aufzugehen drohten, mit umso mehr Verve in Getümmel stürze - bislang meist auch mit ökonomischem Erfolg. 

Susanne Preuß, Wirtschaftskorrespondentin der FAZ in Hamburg, scheibt in einem Kommentar: Rabe, der Marathonläufer, habe hohe Ziele und die Bereitschaft, sie unter Schmerzen zu erreichen. Ihm gehe es darum, die europäische Medienwirtschaft nicht sang- und klanglos gegen die Konkurrenz aus Amerika untergehen zu lassen. Für einen Angriff auf die großen Digitalkonzerne sei viel Dynamik und Fantasie nötig, und davon habe es offenbar bislang nicht genug gegeben. Andere Fehler der bisherigen Führung seien jedenfalls nicht bekannt. "Wenn Thomas Rabe nun selbst unmittelbar die Verantwortung für RTL Deutschland übernimmt, ist er zum Erfolg verdammt. Sollte er mit seiner Vision von RTL+ scheitern, wäre ganz Bertelsmann in Gefahr", so Preuß in der FAZ.

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