ARD-Intendanten legen RBB-Spitze den Rücktritt nahe

 

Die ARD-Intendanten sind in beispielloser Weise auf Distanz zur Spitze des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) gegangen. Laut ARD-Chef und WDR-Intendant Tom Buhrow haben sie das Vertrauen in die aktuelle Geschäftsleitung des Senders verloren.

Der Vorwurf: Die RBB-Leitung arbeite die Affäre um Filz und Vetternwirtschaft rund um die abberufene Senderchefin Patricia Schlesinger nur mangelhaft auf. Buhrow ließ sein Statement nach dem Rücktritt von Friederike von Kirchbach als Vorsitzende des Rundfunkrates veröffentlichen. Sie habe damit "das Signal für einen tiefgreifenden Neuanfang beim RBB" gesetzt, so Buhrow. Dieser werde aber auch die amtierende Geschäftsleitung des Senders unter Leitung von Hagen Brandstäter betreffen müssen. Buhrow wörtlich: "Ich muss leider sagen: Wir, die Intendantinnen und Intendanten der ARD, haben kein Vertrauen mehr, dass der geschäftsführenden Leitung des Senders die Aufarbeitung der diversen Vorfälle zügig genug gelingt. Nach wie vor erfahren wir immer neue Vorwürfe ausschließlich aus der Presse. Es ist fraglich, dass der RBB mit dieser Aufstellung stabilisiert werden kann."

Auf Buhrows Erklärung reagierte wiederum der RBB-Redaktionsausschuss: Er hat die Geschäftsleitung des Senders explizit zum "unverzüglichen Rücktritt" aufgefordert.

Der aktuellen RBB-Spitze gehören neben Brandstäter die geschäftsführende Verwaltungsdirektorin Sylvie Deléglise, die juristische Direktorin Susann Lange, Programmdirektor Jan Schulte-Kellinghaus und Produktions- und Betriebsdirektor Christoph Augenstein an.

Laut dpa soll mangelnde Aufklärung bei einem Bonus-System für Führungskräfte eine Rolle für die öffentliche Distanzierung der ARD-Intendanten vom RBB gespielt haben.

Neben Buhrow haben sich auch weitere ARD-Intendanten in der Causa Schlesinger/RBB zu Wort gemeldet: So sagte die Intendantin des Bayerischen Rundfunks (BR), Katja Wildermuth, in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung", die Missstände beim RBB seien innerhalb der ARD "singulär". Auch sie kritisierte die unzureichende Aufarbeitung des Skandals durch die RBB-Spitze: "Viele Wochen haben wir in Gesprächen um umfassende Aufklärung gebeten, vieles jedoch auch nur scheibchenweise oder aus der Presse erfahren. Da ist das Vertrauen verloren gegangen."

Schlesinger war vor einer Woche vom Rundfunkrat als Intendantin abberufen worden. Sie war seit Jahresbeginn ARD-Vorsitzende und seit 2016 RBB-Intendantin gewesen. Als ARD-Chef folgte ihr Buhrow.

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