NDR Kiel: Führungsspitze lässt Ämter ruhen

 

Die Führungsspitze des Kieler NDR-Landesstudios hat sich vorübergehend von ihren Ämtern entbinden lassen. Norbert Lorentzen, Chefredakteur für Schleswig-Holstein, und Politikchefin Julia Stein reagieren damit auf den Vorwurf, sie hätten kritische Berichterstattung über Ministerpräsident Daniel Günther ver- und behindert.

Der "stern" zitiert aus einem Statement des Direktors des Landesfunkhauses Schleswig-Holstein, Volker Thormählen, von Mittwoch: "Norbert Lorentzen und Julia Stein haben mich am heutigen Nachmittag gebeten, sie bis auf weiteres von ihren bisherigen Aufgaben im Landesfunkhaus Schleswig-Holstein zu entbinden", schreibt er. "Ich habe ihrem Wunsch entsprochen und mich bei ihnen für diesen Schritt bedankt." Thormählen habe ergänzt: "Ich möchte der guten Ordnung halber daran erinnern, dass die Unschuldsvermutung gilt."

Die internen Vorwürfe von Redakteuren des öffentlich-rechtlichen Senders gegen die beiden Kieler NDR-Führungskräfte haben "stern" und "Business Insider" in der vergangenen Woche publik gemacht: Sie sollen zum Beispiel ein für Ministerpräsident Günther (CDU) unangenehmes Interview mit dem geschassten schleswig-holsteinischen Innenminister Hans-Joachim Grote verhindert haben. Der NDR hat die Behauptung, es gebe in Kiel "politische Filter" in der Berichterstattung zurückgewiesen. Über 70 Kieler Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind nach Bekanntwerden der Vorwürfe in einem Brief aber auf Distanz zu ihrer Führungsspitze gegangen und haben eine "lückenlose und transparente" Aufarbeitung der Ereignisse gefordert.

Die Posten von Lorentzen und Stein übernehmen laut "stern" vorübergehend Vize-Direktorin und Chefredaktionsmitglied Bettina Freitag und Redakteur Andreas Schmidt aus dem Bereich Politik und Recherche.

Die Journalisten des Kieler NDR haben die Vorgänge dort am Mittwochabend im eigenen TV-Programm thematisiert. So begann das "Schleswig-Holstein Magazin" um 19.30 Uhr mit einer Totale auf ein leeres Studio. Dann erschienen die Moderatoren Gabi Lüeße und Henrik Hanses vor dem Studio-Gebäude mitsamt dem Team im Rücken. Man habe darüber nachgedacht, ob man angesichts der Vorgänge überhaupt eine Sendung machen sollte, sagte Hanses. Die beiden Moderatoren forderten, alle Vorwürfe unabhängig aufzuklären, beteuerten aber auch ihre Loyalität zum Sender und zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Im Anschluss zeigte das "Schleswig-Holstein Magazin" einen Beitrag über weitere mögliche Unstimmigkeiten in der Kieler NDR-Berichterstattung, in den Erkenntnisse des "stern" einflossen. Dem Magazin zufolge ist es im Herbst 2020 bei einer Recherche über Missstände in Kinderheimen des Deutschen Roten Kreuzes während der 1950er Jahre "zu ungewöhnlichen Eingriffen" von Politikchefin Stein gekommen. Sie soll Recherchen behindert haben. Möglicher Hintergrund: Die Vorstandsvorsitzende des DRK in Schleswig-Holstein sei damals mit der Vorsitzenden des NDR-Landesrundfunkrats liiert gewesen.

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